Full text: 125 Jahre Murhardsche Stiftung der Stadt Kassel und ihrer Bibliothek

Länge des ganzen Gebäudes. Rich 
tig aufnehmen und erfassen konnte 
man das Geschehen in diesen Mi 
nuten nicht. Das Entsetzen über 
diesen Anblick wurde zunächst ver 
drängt von der Notwendigkeit, sich 
sofort um die noch nicht brennen 
den Teile kümmern zu müssen. 
Der Hilfstrupp kam zum Eindruck, 
daß hier nichts zu retten sei. Alle 
waren mit Recht in höchster Sorge 
um ihre Familien in der Nähe, zu 
denen sie sofort eilten. Vön mei 
nem Zuhause in Kirchditmold, 
über eine Wegstunde entfernt, 
konnte ich nur hoffen, daß es ver 
schont geblieben war. 
Die folgenden Stunden kann ich 
nur in ihrer Gesamtheit beschrei 
ben, nicht in ihrem chronologi 
schen Ablauf. Wir arbeiteten die 
ganze Nacht pausenlos beim 
Schein des Feuers ringsum bis zum 
anderen Morgen. Mit Hilfe der an 
verschiedenen Stellen im Hause 
aufgestellten Sand- und Wasserbe 
hälter bauten wir nasse Sandbarrie 
ren an den Treppenaufgängen und 
befeuchteten sie ständig von 
neuem, um zu versuchen, das 
Feuer nicht in die noch verschon 
ten Teile Vordringen zu lassen. Auf 
diese Weise gelang es wider Erwar 
ten, den ersten Stock und das Erd 
geschoß des kleinen Magazinbaues 
sowie das ganze übrige Erdgeschoß 
und das Kellergeschoß vom Feuer 
freizuhalten. 
Uns war für den Fall eines die Bi 
bliothek betreffenden Luftangrif 
fes eingeschärft worden, aus dem 
Hause in erster Linie den Katalog 
herauszubringen. Der Katalog 
raum lag zwischen Ausleihe und 
Lesesaal und enthielt in hohen Re 
galen in Hunderten von Kapseln 
den Alphabetischen Katalog und 
den Systematischen Katalog sowie 
einen Schlagwort-Katalog für Me 
dizin. In den in den unteren Teilen 
der Regale befindlichen Schränken 
waren für den Ernstfall große Säcke 
gelagert. Dieser Ernstfall war nun 
eingetreten; denn niemand von 
uns konnte wissen, ob die Decke 
mit dem Flammenmeer über uns 
durchhalten oder doch noch herun- 
Das Büchermagazin vor und nach der Zerstörung 1943 
Foto Privatbesitz
	        

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