Full text: 125 Jahre Murhardsche Stiftung der Stadt Kassel und ihrer Bibliothek

Stiftung. Bei einem etwaigen „Op 
fer” forderte die Stadt Kassel daher 
die Zuweisung einer anderen groß 
artigen kulturellen Aufgabe. Die 
Stadt Kassel erklärte sich am 24. 
April 1942 trotz dieser Bedenken 
bereit, in Verhandlungen wegen 
späterer geschlossener Überfüh 
rung der Murhardschen Bibliothek 
der Stadt Kassel „in die Mitverwal 
tung der Landesbibliothek” (27) 
einzutreten. Das Ergebnis könne 
erst nach Errichtung des für die 
Landesbibliothek zu schaffenden 
Neubaus wirksam werden. Bis da 
hin solle die abgesprochene Ar 
beitsaufteilung auf bestimmte 
Sachgebiete durch beide Bibliothe 
ken beachtet werden. 
Der Oberpräsident der Provinz 
Hessen-Nassau erbat daraufhin 
beim Reichsminister für Wissen 
schaft, Erziehung und Volksbil 
dung die Erstellung eines Gutach 
tens über die Neuordnung des Bi 
bliothekswesens im Regierungsbe 
zirk. Der beauftragte Reichsbeirat 
für Bibliotheksangelegenheiten be 
nannte für diese Aufgabe eine 
Kommission, die aus den Herren 
Professor Dr. Becker, Erster Direk 
tor der Preußischen Staatsbiblio 
thek Berlin, Professor Dr. Hart 
mann, Direktor der Universitätsbi 
bliothek Göttingen, und Dr. Heili- 
genstädt, Oberschulrat und Leiter 
der Reichsstelle für Volksbücherei 
wesen bestand. Das Gutachten 
vom 7. August 1942, das der Reichs 
minister für Wissenschaft, Erzie 
hung und Volksbildung zur Ar 
beitsrichtlinie für die weiteren Ge 
spräche zwischen der Stadt Kassel 
und dem Bezirksverband erklärte, 
empfiehlt die Vereinigung der Lan 
desbibliothek und der Murhard 
schen Bibliothek zu einer wissen 
schaftlichen Bibliothek. „Es ist dies 
die einzige organische Lösung, die 
eine rationelle und zweckmäßige 
Verwendung der öffentlichen Mit 
tel gewährleistet” (28). 
In einer Besprechung unter Vor 
sitz des Oberpräsidenten von Hes 
sen-Nassau am 25. November 1942 
erklärten sich die Stadt Kassel und 
der Bezirksverband mit dem Inhalt 
des Gutachtens des Beirats grund 
sätzlich einverstanden. Die folgen 
den Grundsätze für einen Über 
nahmevertrag wurden vereinbart: 
1. Die Kaufsumme für die Bücher 
bestände der Murhardschen Biblio 
thek wird durch eine Schätzung 
von Professor Becker, Berlin, fest 
gestellt (ermittelter späterer 
Schätzbetrag 2.450.000 RM). 
2. Das Inventar der Bibliothek 
wird ebenfalls vom Bezirksverband 
angekauft. Der später ermittelte 
Schätzwert betrug 60.000 RM. 
3. Das Personal der Murhardschen 
Bibliothek wird übernommen. 
4. Da der alsbald durchzuführende 
planmäßige Wiederaufbau der Lan 
desbibliothek die Übernahme der 
Murhardschen Bibliothek zur Vor 
aussetzung hat, ist die Vereinigung 
beider Bibliotheken so schnell wie 
möglich durchzuführen. 
5. Das Gebäude der Murhard 
schen Bibliothek wird dem Bezirks 
verband für die vereinigte Biblio 
thek für eine Jahresmiete von 
12.000 RM von der Stadt Kassel zur 
Verfügung gestellt. 
6. Der Mietvertrag kann zum 
Schluß eines Kalenderjahres ge 
kündigt werden, frühestens mit 
Ablauf des 5. Jahres nach Beendi 
gung des Krieges. 
Allen Beteiligten war klar, daß 
im Falle eines Scheiterns der Ver 
handlungen über eine Vereinigung 
der beiden wissenschaftlichen Bi 
bliotheken in Kassel der Aufbau 
der Landesbibliothek anders orga 
nisiert werden müsse. Im Vorgriff 
auf die abgesprochene, nach Erar 
beitung des Detailvertrages zu voll 
ziehende Zusammenlegung der 
Murhardschen Bibliothek der Stadt 
Kassel mit der Landesbibliothek 
unter Trägerschaft des Bezirksver 
bandes Hessen kam es am 15. Ja 
nuar 1943 unter Vorsitz von Profes 
sor Becker, Berlin, zu einer fachli 
chen Besprechung der beiden am 
tierenden Bibliotheksleiter über 
die künftige gemeinsame Arbeit, 
bei der „volles Einvernehmen” (29) 
erzielt wurde. Die Absprachen be 
treffend einer zu bildenden Ar 
beitsgemeinschaft sollten ab 1. 
April 1943 realisiert werden. 
Die Direktion der Arbeitsge 
meinschaft hatte der im Felde ste 
hende Direktor der Landesbiblio 
thek Dr. jur. Hans Peter Des Cou- 
dres. Stellvertreter und damit am 
tierender Leiter bis 15. Juli 1943 war 
der an die Landesbibliothek Kassel 
abgeordnete Direktor der Landes 
bibliothek Fulda, Dr. phil. Josef 
Theele. Die Erwerbungs- und Kata 
63
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.