Full text: 125 Jahre Murhardsche Stiftung der Stadt Kassel und ihrer Bibliothek

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war. Die Gründe für eine derartige 
Verwaltungsvereinbarung nannte 
bereits 1874 Bibliothekar Altmüller 
anläßlich der damaligen Verhand 
lungen beider Behörden (Seite 25). 
Das Abkommen vom 14. Dezember 
1938 sah gegenüber der Vereinba 
rung vom 1. Oktober 1922 eine wir 
kungsvollere Erwerbungskoopera 
tion zwischen beiden Bibliotheken 
für die Zukunft vor. Als Garant für 
die Einhaltung der Vereinbarung 
wurde der Direktor der Staats- und 
Universitätsbibliothek Göttingen, 
Professor Hartmann als Vorsitzen 
der regelmäßiger Treffen der drei 
Bibliothekare zwecks Erwerbsab 
stimmung berufen. Der kurz da 
nach beginnende Weltkrieg verhin 
derte jedoch das Wirksamwerden 
der Vereinbarung. 
Durch Kauf oder als Nachlaßzu 
weisung erwarb die Bibliothek in 
diesem Zeitraum etliche beachtli 
che Privatbibliotheken, so 1905 fast 
vollständig die Büchersammlung 
des Melsunger Landrats Freiherr 
von Schleinitz mit vielen seltenen 
Werken des 16., 17. und 18. Jahr 
hunderts oder 1906 die Bibliothek 
des Landesrabbiners Dr. Isaac Pra 
ger. Noch 1941 wurden die Biblio 
theken der Sektion Kassel des 
Deutsch-Österreichischen Alpen 
vereins und des Vereins für Natur 
kunde zu Kassel in das Murhard- 
sche Bibliotheksgebäude zwecks 
allgemeinen Gebrauchs überführt. 
In den 36 betrachteten Betriebsjah 
ren hat die Bibliothek insgesamt 
117.155 Bände, Karten und Hand 
schriften erworben. Der Zuwachs 
war so groß wie der von 1863 bis 
1904 fast ohne Bucherwerbungs 
mittel. Die Bibliothek umfaßte am 
31. März 1943 mit den Fachschwer 
punkten Staatswissenschaften, Pä 
dagogik und Hessische Geschich 
te/Kasseler Geschichte insgesamt 
243.875 bibliographische Einhei 
ten, das waren 233.074 Buchbinder 
bände, 1576 Handschriften und 
9225 Karten und Pläne. 
VIII. Die Arbeitsgemeinschaft der 
Landesbibliothek Kassel und der 
Murhardschen Bibliothek der 
Stadt Kassel vom 1. April 1943 bis 
zum 14. September 1944 
Die Landesbibliothek Kassel 
(26) war durch Bomben in der 
Nacht vom 8. zum 9. September 
1941 in ihrem Bibliotheksgebäude, 
dem Museum Fridericianum fast 
völlig verbrannt. Das Wertvollste, 
die Mehrzahl der Handschriften, 
war gerettet worden. Fast zugleich 
mit den Bergungsarbeiten wurden 
von den verschiedenen zuständi 
gen Gremien Überlegungen ange 
stellt, ob und wie die Landesbiblio 
thek Kassel wieder aufzubauen wä 
re. Eine „Führerspende” von 
200.000 RM verpflichtete zu einem 
sinnvollen Wiederaufbau. 
Ein umfängliches Gutachten des 
Kulturdezernenten des Bezirksver 
bandes vom 20. November 1941, da 
zu eine Grundsatzbesprechung am 
19. Januar 1942 beim Oberpräsiden 
ten von Hessen-Nassau führte zu 
der Aussage, in Kurhessen müsse 
neben der Universitätsbibliothek 
Marburg die Landesbibliothek Kas 
sel als wissenschaftliche Bibliothek 
fortbestehen. Waren diese Vorstel 
lungen nicht zu realisieren, dann 
sollten die geretteten Bestände der 
Landesbibliothek an die Stadt Kas 
sel übergeben werden mit der Ver 
pflichtung, mit der Murhardschen 
Bibliothek der Stadt Kassel nun 
mehr auch die Aufgaben einer Lan 
desbibliothek wahrzunehmen. Da 
bei wurde erneut die bereits 1938 
aufgeworfene Frage eines Organi 
sationsgefüges Landesbibliothek 
Kassel und Murhardsche Biblio 
thek der Stadt Kassel zur Diskus 
sion gestellt. 
Die Stadt Kassel, dort der zu 
ständige Stadtrat Dr. Heilig, wie die 
Aufsichtsbehörde für die Kommu 
nen und Stiftungen im Regierungs 
bezirk wandten sich gegen die er 
neute Erörterung eines etwaigen 
Zusammenschlusses von Landes 
bibliothek und Murhardscher Bi 
bliothek der Stadt Kassel. Die 1938 
geführten Diskussionen wären ab 
schließende Aussprachen gewesen, 
die auch alle möglichen Aspekte ei 
ner eventuellen Organisationsver 
knüpfung berücksichtigt hätten. 
Die Frage nach der Abgabe der 
Murhardschen Bibliothek greife 
nach einem der wertvollsten Stük- 
ke des ohnehin nicht reichen städti 
schen Kulturbesitzes. Die Mur 
hardsche Stiftung habe eine außer 
ordentliche kulturelle Bereiche 
rung für Kassel bedeutet. Diese Be 
reicherung wäre - über die wört 
liche Fassung des Willens der Erb 
lasser hinaus - der tiefere Sinn der
	        

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