Full text: 125 Jahre Murhardsche Stiftung der Stadt Kassel und ihrer Bibliothek

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zur Erreichung und Erfüllung gleicher 
Zwecke etwas Besseres an deren Stelle zu 
setzen wüßte, oder die fraglichen Einrich 
tungen sich in der Folge vielleicht als unnö- 
thig oder überflüssig bewähren sollte. 
Unsere Stiftung hat die Eigentümlich 
keit, daß sie beginnend mit einem kleinen 
Anfang, im natürlichen Laufe ihrer Ent 
wicklung durch sich selbst zu einem Ziele 
immer größeren Umfangs stets weiter fort 
schreitet. Mit den zunehmenden Bedürfnis 
sen vergrößern sich gleichzeitig die Geld 
mittel zu deren Befriedigung, mit den ver 
mehrten Ausgaben vermehren sich auch die 
Einnahmen. Es braucht blos sorgfältig darü 
ber gewacht zu werden, daß unsere testa 
mentarischen Anordnungen für die Erhal 
tung des aus unserem hinterlassenen Ge- 
sammtvermögen bestehenden Grundstock 
kapitals und dessen fortgesetzte Vergröße 
rung sowie der auf die vorgeschriebene Wei 
se creirten Nebenfonds, immerdar treue 
beobachtet und befolgt werden, um die Stif 
tung in den Stand zu setzen, in sich selber 
fort und fort hinreichende Mittel darzubie 
ten, den mit der Zeit steigenden Ausgaben 
vollkommene Genüge zu thun, und deren 
Hauptinstitute, der städtischen Bibliothek 
Bestand und Dauer mit fortschreitender 
Vergrößerung bis zu den entferntesten Zei 
ten zu sichern. Hieraus ergiebt sich dann 
von selbst, daß manches, was sich in unserer 
Testamentsurkunde mit Rücksicht auf die 
anfänglichen Verhältnisse des Bibliotheks 
instituts angeordnet und verfügt findet, ver 
nünftiger Weise in kommenden Zeiten un 
ter veränderten Verhältnissen hier und da 
Modificationen zu erleiden haben wird. So 
ist z. B. im § 12 jener Urkunde blos von An 
stellung eines einzigen Pedellen, der zu 
gleich die Obliegenheiten eines Conciergen 
versehen soll, für den Dienst der Bibliothek 
die Rede, was doch nur für die erste Epoche 
dieser Anstalt hinreichend und passend er 
scheinen kann. Eben so verhält es sich mit 
manchen anderen dort verzeichneten Ein 
richtungen. Es kommt bei der von uns zu 
gründenden neuen öffentlichen Bibliothek 
in Cassel nicht auf die Quantität sondern auf 
die Qualität der für dieselbe zu erwartenden 
Bücher an. Sobald die in unserer Letzten 
Willens Akte vorgeschriebenen Einrichtun 
gen in Betreff der finanziellen Hülfsquellen 
dieses Instituts in dem Maaße vollendet 
sein werden, daß dasselbe gesichert in 
seinen Einkünften zur Erfüllung seiner 
Zwecke sowohl für die Gegenwart als für die 
ferne Zukunft ins Leben treten kann, hat 
der alsdann vom Stadtrath bestellte Biblio 
thekar, indem er mit Bücheranschaffungen 
den Anfang macht, dabei von dem eben an 
gegebenen Gesichtspuncte auszugehen und 
denselben sich zum Grundsatz und Regula 
tiv zu nehmen. Aber selbst bei der Voraus 
setzung einer noch so sorgfältigen und um 
sichtigen Auswahl bei dem Bücherkauf 
würde es doch immer mißlich gewesen sein, 
im Voraus den Zeitpunct zu fixiren, wo die 
Bibliothek dem Publikum zu eröffnen. Wir 
haben uns darum begnügt, im § 24 unseres 
Testaments blos das Minimum der Bände 
zahl festzusetzen, zu der wenigstens die Bi 
bliothek angewachsen sein soll, um zu einer 
solchen Eröffnung derselben schreiten zu 
können. Die Bestimmung des Zeitpunctes 
dazu überlassen wir indessen dem Ermes 
sen des Stadtraths, der den Bibliothekar 
darüber zu Rathe ziehen wird. 
Für den Fall, daß in der Zeit, wo die An 
schaffung und Erwerbung von Büchern für 
die Stadtbibliothek beginnt, ein Theil des 
städtischen Bibliotheksgebäudes noch 
nicht fertig sein sollte, um diese Bücher in 
dessen Local aufnehmen zu können, möge 
denselben provisorisch ein Platz in der städ 
tischen Realschule neben deren Bibliothek 
eingeräumt werden. In dieser Bibliothek 
der Realschule befindet sich ohnehin eine 
beträchtliche Anzahl von Büchern, die, für 
die künftige Stadtbibliothek bestimmt, von 
uns im Voraus gelegentlich angekauft, und, 
wegen Mangel an Raum in unserer Woh 
nung, auf Veranstaltung der städtischen Be 
hörde zu diesem Behuf in Kisten eingepackt 
worden waren. Diese Kisten hatten sich an 
fänglich eine Zeitlang im Rathause auf der 
Oberneustadt aufbewahrt befunden; da sie 
aber dort im Wege standen, wurden sie spä 
terhin nach dem städtischen Spritzenhause 
transportirt, um daselbst interimistisch auf 
bewahrt zu werden. Weil indeß die Aussicht 
zur Verwirklichung unseres Planes für die 
Errichtung einer Stadtbibliothek noch nicht 
so nahe lag, und noch lange Zeit hingehen 
konnte, bevor von den vielen in den Kisten 
eingeschlossenen nützlichen Büchern zu 
dem für sie bestimmten Zweck Gebrauch 
gemacht werden konnte, so trugen wir kein 
Bedenken, in den Wunsch des vormaligen 
Rektors der Realschule Dr. Gräfe einzuge 
hen und alle diese Bücher nebst einer gro 
ßen Menge anderer Werke, die wir zu glei 
chen Zwecken in unserer Wohnung ange 
sammelt hatten, ihm vorläufig zur Benut 
zung für die Realschulbibliothek zu über 
lassen. Um diese Bücher stets von den übri 
gen Büchern, die Eigenthum der Realschule 
sind, unterscheiden zu können, ward jedes 
unserer Bücher auf der Rückseite des Titel 
blatts mit einem Stempel versehen, der un 
ser Familienwappen und unsere Namen 
trug. Es wird von einer Verfügung des Stadt 
raths abhängen, ob die Bücher dieser Kate 
gorie der Büchersammlung der Realschule 
einverleibt verbleiben oder zur Zeit der 
Eröffnung der Stadtbibliothek an diese, für 
welche sie eigentlich von uns angesammelt 
und angekauft worden waren, abgeliefert 
werden sollen. 
Nach § 20 unserer Testaments Akte sind 
jährlich die hiesigen Ortsbewohner aufzu 
fordern, falls sie Bücher besitzen, von de 
nen sie keinen Gebrauch machen, solche an 
die städtische Bibliothek zum Gebrauch des 
Publikums abgeben zu wollen. Das Wo 
chenblatt von Kassel dürfte am geeignete 
sten zu einer öffentlichen Bekanntmachung 
der Art erscheinen. Zweckmäßig wird es 
sein, in dieser zugleich anzuzeigen, daß 
denjenigen Personen, welche sich geneigt 
finden, durch Überlassung der ihnen über 
flüssigen Bücher an die Stadtbibliothek zur 
Bereicherung derselben beizutragen, eine 
Geldvergütung zu Theil werden kann, falls 
sie eine solche begehren wollen. Der Biblio 
thekar soll nämlich ermächtigt sein, wenn 
sich unter den eingesandten Schriften ein 
oder die andere befindet, welche der Biblio 
thek noch fehlte und für dieselbe einen 
Werth haben kann, einen diesem entspre 
chenden Preis an die Uebersender zu be 
zahlen. 
Alle übrigen auf solche Weise an die 
Stadtbibliothek gelangten Bücher, von de 
nen jene bereits Exemplare besitzt, oder 
welche zur Aufnahme in dieselbe nicht
	        

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