Full text: 125 Jahre Murhardsche Stiftung der Stadt Kassel und ihrer Bibliothek

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mente angedeuteten Zwecke erfüllt sind, 
mit der Zeit theilweise auch dazu solle be 
nutzt werden können, durch Ankauf an den 
Garten stoßender Ländereien, dessen Ter 
rain noch weiter zu vergrößern und auszu 
dehnen. Wie und auf welche Weise der Bo 
den des Bibliotheksgartens mit den darauf 
befindlichen Obstbäumen zum Vortheil un 
serer Stiftung zu utilisiren, stellen wir dem 
Ermessen des Stadtraths anheim. Am ein 
fachsten wäre es wohl, wenn die Stadt Cas 
sel gleich von Anfang an und für alle Zu 
kunft die Pachtung des ganzen gegen einen, 
von der verehrlichen städtischen Behörde 
zu bestimmenden, unserer Stiftung zu Gute 
kommenden jährlichen Zins übernähme, 
um davon für die ganz in der Nähe liegende 
städtische Versorgungsanstalt einen nützli 
chen Gebrauch zu machen. Das fragliche 
Gartenterrain ließe sich alsdann auf eine 
analoge Weise, wie das der Gemeinde Kas 
sel zugehörige Tannenwäldchen administri- 
ren und in gutem Stande erhalten. Es würde 
dadurch übereinstimmend mit unserem 
Wunsche, die Verwaltung unserer Stiftung 
mit der städtischen Verwaltung in eine dem 
wechselseitigen Interesse beider entspre 
chende fortdauernde Verbindung gebracht 
werden. 
Artikel V 
Den im § 8 unseres Testaments ausge 
sprochenen Grundsatz, daß die Jahreszin 
sen des Stiftungsfonds ausschließlich zur 
Unterhaltung und Vermehrung der von Uns 
gegründeten städtischen Bibliothek zu Cas 
sel verwandt werden sollen, modißciren wir 
dahin, daß zwar die Bibliothek der Haupt 
zweck unserer Stiftung verbleiben soll, zu 
gleich aber ein anderes Institut damit zu 
verbinden ist, für welches ein Theil des Ein 
kommens des Stiftungsfonds soll verwen 
det werden können. Wir verordnen nem- 
lich, daß von Zeit zu Zeit Preise ausgesetzt 
werden sollen für die gründliche, den Ge 
genstand erschöpfende, und den Zweck der 
Preisaussetzung vollständig erfüllende 
Beantwortung von Aufgaben, deren befrie 
digende Lösung von bedeutsamen Interesse 
ist für das Wohl der Menschheit, die Förde 
rung der Humanität, die Fortschritte der 
Bildung und Gesittung, oder von besonders 
hoher Wichtigkeit für die Erweiterung des 
menschlichen Wissens, unserer Einsicht 
und Erkenntniß überhaupt. 
Zur Ausführung und Verwirklichung die 
ser Institution wird es am zweckmäßigsten 
sein, irgend eine angesehene und berühmte 
Akademie oder Gesellschaft der Wissen 
schaften zu veranlassen, sich mit der Auf 
stellung, Formulirung und Verkündigung 
der Preisfragen oder Preisaufgaben von der 
oben angedeuteten Wichtigkeit im Namen 
und auf den Grund unserer Stiftung, sowie 
mit der nachherigen Beurtheilung der Preis 
schriften zu befassen. Jede gelehrte Anstalt 
der Art dürfte sich um so bereitwilliger fin 
den lassen, hierzu die Hand zu bieten, als ei 
ne solche neue Attribution ihrer Celebrität 
nur förderlich sein kann. Wir glauben, daß 
die königliche Societät der Wissenschaften 
zu Göttingen schon wegen ihrer Nähe bei 
Cassel die geeigneteste zur Treffung einer 
passenden Wahl in dieser Beziehung sein 
möchte. 
Für die Entwerfung und Feststellung der 
zur Preisbewerbung darzubietenden Pro 
bleme von hoher Wichtigkeit gestehen wir 
der fraglichen Societät den weitesten Spiel 
raum zu. Diese Probleme sollen jede große 
und wichtige neue Entdeckung oder folgen 
reiche Erfindung in irgend einem Zweige 
des menschlichen Wissens zum Gegen 
stand haben können, mögen dieselben dem 
Gebiete der Naturwissenschaften im weite 
sten Umfange - der Physik, Chemie, Natur 
geschichte, Physiologie pp. - oder der Ma 
thematik, Astronomie, Mechanik oder den 
Staatswissenschaften mit Einschluß der po 
litischen Oeconomie, oder dem Fache der 
Technologie, der Industrie oder Agrikultur 
oder andern Wissenschaften zugehören. - 
Dies alles ist lediglich dem Ermessen jener 
Societät zu überlassen. Nur mag verlangt 
werden, daß die aufzugebenden Preisfragen 
stets solcher Art seien, daß durch eine genü 
gende Beantwortung und Lösung derselben 
ein wirklicher erheblicher Fortschritt oder 
eine namhafte Verbesserung der menschli 
chen Gesellschaftszustände erzielt werden 
kann. Als dergleichen zeitgemäße wichtige 
Aufgaben, geeignet für eine Preisverlei 
hung, im Sinne, Geiste und Zwecke unserer 
Stiftung, würden sich unter Andern z.B. be 
zeichnen lassen: Die Entdeckung einer 
neuen Naturkraft, oder die Benutzung einer 
bereits bekannten, welche fähig ist, die 
Dampfkraft in jeglicher Beziehung zu erset 
zen, zugleich aber weniger das Menschenle 
ben gefährdend und minder kostspielig wä 
re als diese! - Die Vervollkommnung der 
Anwendung der electromagnetischen Kraft 
für den praktischen Gebrauch in dem Gra 
de, daß sie als bewegende Kraft zum Betrieb 
der Maschinen und Benutzung für die Ei 
senbahnen und die Schifffahrt anwendbar 
werde. - Die Construction einer galvani 
schen Batterie von jeder beliebigen Stärke, 
zusammengesetzt aus Factoren, zu denen 
die Materialien überall in der Natur zur 
Hand sind, oder wohlfeil bereitet werden 
können, und die zugleich leicht transporta 
bel ist. - Die Benutzung der elastischen 
Kraft der Luft zur Construction von Bewe 
gungsmaschinen von gleicher Wirksamkeit 
wie die Dampfmaschinen. - Die Verbesse 
rung der Aeronautis bis zu einer solchen 
Vollkommenheit, daß sie zu einem leichten, 
sichern, schnellen und wohlfeilen Trans 
port diene und ein neues Hülfsmittel für 
den Verkehr werde. - Die Erfindung eines 
practisch probaten und mit Leichtigkeit und 
Schnelligkeit anwendbaren Mittels zur Lö 
schung eines ausgebrochenen Feuers und 
zur sofortigen Verhinderung seiner weite 
ren Ausbreitung, oder die Entdeckung eines 
Materials oder Naturstoffs zu diesem Be 
huf, der mit wenigen Kosten zu schaffen 
und nur eines geringen Raumes zur Aufbe 
wahrung bedarf. - Der Bau eines von jedem 
in die See stechenden Schiff mit zu führen 
den Rettungsboots, welches bei Unglücks 
fällen auf dem Meere seinem Zweck voll 
kommen entspräche. - etc. etc. 
Wir wollen, daß derartigen Problemen 
von einem allgemeinem Interesse für die 
menschliche Gesellschaft und von einer un 
leugbaren großen practischen Nützlichkeit 
für dieselbe allezeit bey der Wahl und Be 
stimmung der Preisfragen unserer Stiftung 
der Vorzug vindicirt werde vor solchen, de 
ren Lösung blos dem speciellen Interesse ei 
ner einzelnen Wissenschaft förderlich sein 
könnte, vorausgesetzt, daß nicht dieses mit 
jenem in genauen Zusammenhang stände.
	        

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