Full text: 125 Jahre Murhardsche Stiftung der Stadt Kassel und ihrer Bibliothek

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Richtung von Osten nach Westen, parallel 
mit dem Wohnhause und den Eisengitter 
des Gartens, in der angedeuteten Entfer 
nung von beiden, in der Weise anzulegen, 
daß seine Hauptfacade die Aussicht nach 
der Wilhelmshöher Allee hat. Von dem 
Hauptgebäude der Bibliothek, dessen Lage 
oben bezeichnet ist, ist zuerst der Mittel 
theil mit dem Haupteingange in Angriff zu 
nehmen und sind dann nach und nach die 
sem Mittelgebäude von beiden Seiten die 
übrigen Theile anzubauen. Nachdem das 
Hauptgebäude seiner ganzen Länge nach 
vollendet ist, werden dann späterhin von 
diesen zwei Seitenflügel, ein östlicher und 
ein westlicher in nördlicher Richtung aus 
zulaufen haben, welche mit der Zeit, je 
nachdem es das Bedürfniß von weitern Lo- 
calitäten zur Aufstellung des allmählich 
sich vergrößernden Bücherschatzes er 
heischt, verlängert und bis zu der Gegend 
des Gartens, wo jetzt ein Tempelchen auf ei 
ner Anhöhe steht, ausgedehnt werden kön 
nen. 
Artikel III 
Es wird nach unserm Tode noch eine ge 
raume Zeit hingehen, bevor unsere Stiftung 
für eine große städtische Bibliothek ins Le 
ben treten kann. Denn erst nachdem zuvor 
auf die in unserm Testament vorgezeichne 
te Weise nach und nach hinreichende Geld 
summen angesammelt worden sind, um oh 
ne den Grundstock unseres Stiftungsfonds 
anzugreifen, die Kosten für den Bau eines 
Locals zur Aufstellung und Aufbewahrung 
eines Bücherschatzes zu bestreiten, und ei 
nen Separatfond zur Deckung der übrigen 
im § 7 der Testamentsurkunde bezeichneten 
Ausgaben zu bilden, wird der Zeitpunct ein- 
treten, wo mit Aufführung des städtischen 
Bibliotheksgebäudes der Anfang gemacht 
werden kann. Jedenfalls wird also eine Rei 
he von Jahren verfließen, ehe dazu zu 
schreiten. Das Interesse unserer Stiftung 
aber erheischt, daß mittlerweile unser 
Landgut in der Wilhelmshöher Allee zum 
Vortheil unserer Stiftung benutzt werde. So 
lange der Bau eines Bibliotheksgebäudes 
auf dem Terrain besagten Landguts nicht in 
Angriff genommen wird, ist daher Sorge da 
für zu tragen, Haus und Garten dort einst 
weilen auf die möglichst vortheilhafte Wei 
se für Rechnung des Stiftungsfonds zu ver 
pachten. Was das Haus betrifft, welches bis 
her von uns selber während der Sommer 
monate alljährlich bewohnt ward, so dürfte 
es leicht sein, dasselbe gut zu vermiethen, 
da Wohnungen in der Wilhelmshöher Allee 
gegenwärtig sehr gesucht sind, und dasselbe 
wegen seiner vorzüglichen Lage besondere 
Annehmlichkeiten darbietet, zumal wenn 
der Eintritt in den großen Garten damit ver 
bunden würde, oder der letztere ganz oder 
theilweise damit vereinigt bliebe. 
Da die Bodenbeschaffenheit der Garten 
länderei von solcher Güte ist, daß sie zu jeg 
licher Kultur Art befähigt, so möchte es 
auch dann nicht schwer fallen, unter an 
nehmlichen Bedingungen einen Pächter zu 
bekommen, wenn ein großer Theil dessel 
ben von dem Hause gesondert in Pacht ge 
geben werden sollte. Dem Nießbraucher 
des Gartenterrains würde alsdann die Erhal 
tung und Pflege der bisherigen Anlagen, 
Wege und Baumpflanzungen als Verbind 
lichkeit aufzuerlegen sein. Noch vorzuzie 
hen dürfte es indessen sein, wenn die Stif 
tungsverwaltung sich damit befaßte, den 
Boden des Gartens zum Besten der Stiftung 
einstweilen dadurch zu benutzen, daß sie 
denselben mit Klee besäen und die Erndten 
jährlich an den Meistbietenden verkaufen 
ließe. Ebenso könnte es mit dem Ertrag der 
Obstbäume gehalten werden. 
Um das Haus unserer Villa an der Wil 
helmshöher Allee in der Zwischenzeit bis 
zum Beginnen der Bibliotheksbauten zum 
Besten unseres Stiftungsfonds durch Ver- 
miethung benutzen zu können, wird es nö- 
thig sein, daß von Seiten des Stadtraths Für 
sorge genommen werde, alsbald nach un 
serm Ableben, alle diejenigen Mobilien aus 
besagtem, zu diesem Zweck in seinem In 
nern einzurichtenden Hause zu entfernen, 
welche nicht in einer öffentlichen Auction 
an den Meistbietenden verkauft, sondern 
zum künftigen Gebrauch für die Bibliothek 
aufbewahrt werden sollen. Das letzere gilt 
vornehmlich von den dort sich vorfinden 
den Büchern und Manuscriptensammlun- 
gen nebst den Schränken, worin sie sich auf 
gestellt befinden. Mit den Büchern und Ma- 
nuscripten, die sich theils dort, theils in un 
serer Miethwohnung in der Stadt vorfinden, 
mögen Kisten angefüllt werden, die nach ei 
nem anderen Orte zu transportiren und 
einstweilen in einem, der Stadt angehörigen 
Locale unter Aufsicht der Stiftungsverwal 
tung aufzubewahren sind. Der geräumige 
Boden des städtischen Spritzenhauses in 
der Stadt oder des Realschulgebäudes 
möchte sich vielleicht am besten dazu geei 
gnet finden. 
Was die in unserem Nachlasse sich vor 
findende Sammlung von Oelgemälden be 
trifft, so sollen nur solche, welche mehr 
oder weniger künstlerischen Werth haben, 
nach Vorschrift unseres Testaments, zur 
Ausschmückung der Wände der Arbeits 
zimmer und Corridors des künftigen Biblio 
theksgebäudes verwendet, alle übrigen da 
gegen mit den anderen Mobilien entweder 
öffentlich versteigert oder aus der Hand ver 
kauft werden. Die für die angegebene Be 
stimmung zurück zu behaltenden Bilder 
werden bis zum Zeitpunkt der Vollendung 
der innern Einrichtung des Bibliotheksge 
bäudes gleich den Büchern und Handschrif 
ten unserer Hinterlassenschaft in irgend ei 
nem der Stadt Cassel angehörigen Local in 
terimistisch aufzubewahren sein. 
Das gegenwärtige Wohnhaus in unserer 
Villa wird jedenfalls bis zur Beendigung ei 
nes Theils des Bibliotheksbaues stehen 
bleiben können, und braucht auch erst, falls 
es mit der Zeit baufällig geworden, nieder 
gerissen werden.- 
Artikel IV 
Wir wollen, daß alter Grund und Boden 
unserer Villa vor dem Wilhelmshöher Tho- 
re, der nach Errichtung der Bibliotheksge 
bäude auf demselben übrig bleibt, zur Anle 
gung eines Bibliotheksgartens dienen, wel 
cher dem Publikum zur Erholung offen ste 
hen mag. Die Bedingungen zu bestimmen, 
unter denen der Besuch dieses Gartens zu 
gestatten, wird dem, vom Stadtrath für un 
sere Stiftung bestellten Administrator zu 
stehen und obliegen. 
Wir erklären, nichts dagegen zu haben, 
daß der Reservefond unserer Stiftung, nach 
dem durch denselben die in unserem Testa-
	        

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