Full text: 125 Jahre Murhardsche Stiftung der Stadt Kassel und ihrer Bibliothek

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getheilt und dieselbe von Seiten der städti 
schen Behörde alljährlich durch Vermitte 
lung des betreffenden Landrathsamts über 
die Lage unserer Stiftung in Kenntniß ge 
setzt und erhalten werden möge. 
Artikel II 
Bei der zu treffenden Wahl eines passen 
den Orts für die Errichtung eines künftigen 
Bibliotheksgebäudes zur Ausführung und 
Verwirklichung unserer Stiftung war in Er 
wägung zu ziehen, daß jener Ort hinlängli 
chen Flächenraum darbieten müsse, um 
diesem Gebäude allmählig eine weitere 
Ausdehnung und einen größeren Umfang 
geben zu können, damit solches auch in der 
Folgezeit immerdar für seine Bestimmung 
genüge. Dann der Bücherschatz unserer 
städtischen Bibliothek wird, bei der Sum 
me, die in unserm Testament zu dessen all 
jähriger Vermehrung angewiesen ist, im 
Laufe der Zeiten voraussichtlich dergestalt 
anwachsen und sich vergrößern, daß das ur 
sprünglich zur Aufbewahrung desselben 
bestimmte Gebäude, selbst wenn es von 
ziemlich ansehnlichem Umfange wäre, 
doch nachgehends der nötigen Räumlich 
keit entbehren und dessen Vergrößerung 
dringendes Bedürfniß werden wird. Zwar 
war für einen solchen Fall, dessen Eintritt 
dereinst mit Gewißheit zu erwarten war, im 
§ 17 unserer Testaments Acte im Voraus 
Fürsorge getroffen worden. Es sollte näm 
lich alsdann zu diesem Behuf noch ein an 
deres Gebäude, wenn gleich an einem ande 
ren Orte errichtet oder käuflich für unsere 
Stiftung erworben werden. Aber offenbar 
würde es mit gar mancherlei unvermeidli 
chen Unzuträglichkeiten verknüpft sein, 
falls dermaleinst der der Stadt Kassel ange- 
hörige große Bücherschatz in zwei von ei 
nander getrennte und vielleicht weit von ei 
nander abgelegene Gebäude wäre vertheilt 
worden. Es mußte daher rathsam erschei 
nen, gleich anfänglich, bei der Wahl eines 
Bauplatzes für das städtische Bibliotheksge 
bäude darauf Bedacht zu nehmen, daß das 
selbe an einem Orte zu stehen käme, wel 
cher genügsames Terrain zu dessen nachhe- 
rigen Erweiterung und Vergrößerung dar 
böte. Damit war zugleich der Vortheil zu er 
langen, daß man im Besitz eines hinrei 
chend großen Terrains für künftige Bauten 
nicht nöthig hatte, gleich Anfangs mit be 
trächtlichem Kostenaufwand ein großes Bi 
bliotheksgebäude aufzuführen, welches 
doch vorerst geraume Zeit hindurch nur 
theilweise zu seinem eigentlichen Zwecke 
hätte benutzt werden können. Allein inner 
halb der Ringmauern der Stadt Kassel war 
keine passende noch unbebauete Lokalität 
zu finden, die geeignet gewesen wäre, durch 
die Räumlichkeit ihrer Grundfläche das 
Mittel darzubieten, gleich bei der ersten 
Anlage des Bibliotheksgebäudes darauf 
Rücksicht nehmen zu können, daß das 
selbe, wie wohl es anfänglich nur von einem 
mäßigen Umfange zu sein brauchte, doch 
mit der Zeit erweitert und vergrößert wer 
den müsse und so es möglich zu machen, 
nicht blos für die Gegenwart, sondern auch 
für eine lange Zukunft Sorge zu tragen. Aus 
diesem Grunde ward im Jahr 1848 der im 
Einverständnisse mit den städtischen Be 
hörden Anfangs entworfene Plan zur Auf 
führung des fraglichen Gebäudes am Kö 
nigsplatz an die Stellen der jetzigen Hallen 
völlig wieder aufgegeben. Denn so günstig 
auch die Lage des künftigen Bibliotheksge 
bäudes an diesem Orte gewesen sein würde, 
so gestattete doch das dortige Lokal keine 
Erweiterung und Vergrößerung des Gebäu 
des nach Maaßgabe des Bedürfnisses für al 
le kommende Zeiten. Es blieb unter solchen 
Umständen nichts übrig, als sich nach ei 
nem Bauplatz von einer nicht blos für die 
jetzige und nächste Zeit, sondern zugleich 
für die spätere genügenden Größe außer 
halb der städtischen Ringmauern umzuse 
hen. Da erschien uns dann unser Besitz 
thum am Rondel der Wilhelmshöher Allee 
als vorzüglich geeignet zur Erfüllung aller 
der oben angedeuteten Zwecke und zwar 
eben durch seine Lage um so geeigneter 
dazu, als vorauszusehen ist, daß die Stadt 
gerade in dieser Richtung und nach dieser 
Gegend hin eine weitere Ausdehnung ge 
winnen, daß somit die Wilhelmshöher Vor 
stadt durch neue Bauten von Jahr zu Jahr 
frequenter werden und bald bis zu unserer 
Villa sich ausdehnen wird. Es bietet sich 
dort zur Aufführung eines großen Gebäu 
des ein nicht weniger als zehn Acker Land 
in sich schließendes, von dem Rondel, wo 
die von der Oberneustadt auslaufenden bei 
den Straßen der alten und neuen Wilhelms 
höher Vorstadt zusammen stoßen, bis zur 
Querallee der Kölnischen Straße sich er 
streckendes Terrain dar, welches bereits ein 
uns angehöriges Eigenthum ist und über 
dessen Benutzung zum Zweck unserer Stif 
tung sich darum mit voller Freiheit disponi- 
ren läßt. Solchergestalt kommt man in gar 
keine Verlegenheit, ganz in der Nähe von 
Cassel einen Platz aufzufinden von mehr als 
hinlänglichem Flächenraum, um auf dem 
selben nach und nach, je nachdem es die 
sich vermehrende Büchersammlung er 
heischt, ein zu deren Aufnahme und Auf 
stellung geeignetes Gebäude von noch so 
großem Umfange anzulegen. Man hat dann 
nicht nöthig, eine sehr beträchtliche Sum 
me zu verwenden, um gleich Anfangs ein 
solches nicht blos für die nächste Zeit, son 
dern zugleich für eine ferne Zukunft be 
rechnetes ausgedehntes Terrain erst zu er 
werben und anzukaufen. Und was die Ent 
fernung unseres Landsitzes von der Stadt 
betrifft, so beträgt sie kaum zehn Minuten 
und der Weg dahin durch die Wilhelmshö 
her Vorstadt in einer schönen Lindenallee, 
die vom Fußgänger in weniger als einer 
Viertelstunde zurückgelegt werden kann, 
gehört neben der Karlsaue zu den beliebte 
sten und am meisten besuchten Spaziergän 
gen in der nächsten Umgegend von Cassel. 
In der That würde anderswo, wie z.B. in 
Berlin, die Länge dieses Weges gar nicht in 
Betracht kommen. Zum Bauplatz für das 
Hauptgebäude der Bibliothek haben wir 
den ganzen Raum ausersehen, der sich hin 
ter dem jetzigen Wohnhause, jedoch in eini 
ger Entfernung von demselben weiter nord 
wärts, von der östlichen Gränze des Gar 
tens, in der Gegend des Rondels an der Wil 
helmshöher Allee, bis zur westlichen Grän 
ze unserer Besitzung, wo diese an den Hen- 
zeschen Garten stößt, erstreckt. Der Ab 
stand des Bibliotheksgebäudes von dem 
dermaligen Wohnhause mag durch das 
nördliche Ende des diesem Hause zunächst 
liegenden Boulingrins, unfern der gegen 
wärtig dort befindlichen zwei hohen italie 
nischen Pappeln, bestimmt werden. Das 
fragliche Bibliotheksgebäude ist in der
	        

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