Full text: 125 Jahre Murhardsche Stiftung der Stadt Kassel und ihrer Bibliothek

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neuen in Frankreich erschienenen, fast 
durchgängig sehr trefflich bearbeiteten En- 
cyclopädien - der Encyclopedie moderne, 
der Encyclopedie des gens du monde, der 
Encyclopedie de Conservation pp - am hiesi 
gen Orte zu finden, obgleich es bisweilen 
Gelegenheit giebt, dergleichen große, im 
Ladenpreise theure Werke zu überaus mä 
ßigen Preisen zu kaufen. 
Auch Encyclopädien und Wörterbücher 
über einzelne Wissenschaften in fremden 
Sprachen sucht man bis jetzt hier in Kassel 
oft vergebens. Von Sammlungen der Denk 
schriften der Academien und gelehrten Ge 
sellschaften besitzt die hiesige Landesbi 
bliothek nur eine kleine Anzahl. 
In den Fächern der Literärgeschichte, der 
Geschichte der Wissenschaften und Künste 
und der Bibliographie wünschen wir, daß in 
unserer Bibliothek die möglichste Vollstän 
digkeit erreicht werden möge. 
Da man bei dem ungeheuren und stets 
wachsenden Umfange der neueren Litera 
tur davon abstrahiren muß, alle einzelne 
wissenschaftliche Fächer gleich vollständig 
zu besetzen; so pflegt man in jeder Biblio 
thek, wenn sie auch keine specielle Tendenz 
hat, doch ein bestimmtes Fach zu haben, in 
welchem sie sich auszuzeichnen trachtet. In 
unserer Bibliothek soll vorzugsweise eine 
solche Auszeichnung im Fache der Staats 
wissenschaften und insbesondere in dem der 
National- und Staatswirtschaft erstrebt und 
erzielt werden. Es wird dadurch einem Be 
dürfnisse am hiesigen Orte abgeholfen wer 
den, da in der Landesbibliothek nur höchst 
dürftig für dieses wichtige Fach speciell Sor 
ge getragen werden kann und kein anderes 
öffentliches Institut in Kassel existirt, das 
im Stande wäre, durch seine Büchersamm 
lung dem Studium der politischen Wissen 
schaften und namentlich der politischen 
Oeconomie Befriedigung zu gewähren. 
Daneben mögen vorzüglich Bücher ge 
meinnützigen Inhalts zur Belehrung und 
zum Unterricht des gebildeten Publikums 
angeschafft werden. Gute und lehrreiche 
Werke aus den Gebieten der Geschichte, 
der Geographie, Länder- und Völkerkunde, 
Reisebeschreibungen, Biographien und 
Memoiren, der Naturwissenschaften, der 
Technologie, Philosophie und Mathematik 
sollen stets einen Platz in unserer Biblio 
thek finden. Die opera omnia oder gesam 
melte Werke ausgezeichneter Gelehrter 
und berühmter Schriftsteller aller Nationen 
in der Originalsprache und wenn diese eine 
nicht Vielen bekannte Sprache ist, auch 
zugleich in guten Uebersetzungen werden 
eine passende Stelle in unserer Bibliothek 
finden. Da Bücher aus Amerika, namentlich 
aus den vereinigten Staaten, selten nach 
Deutschland kommen, so wird sich unsere 
Bibliothek auch dadurch von andern Biblio 
theken auszeichnen können, daß sie in der 
amerikanischen Literatur eine größere Voll 
ständigkeit erstrebt. 
Dagegen sollen Bücher, welche blos in 
die sogenannte Brodstudien einschlagen, 
d.i. in den Bereich der Theologie, Jurispru 
denz und Medicin gehören, so wie auch 
Schriften vom Fache der Philologie im en 
gem Sinne von dem Ankauf aus den Ein 
künften des Stiftungsfonds ausgeschlossen 
bleiben. Gleiches soll der Fall sein in Anse 
hung von Schriften, welche lediglich zur 
zeitvertreibenden Unterhaltung und belu 
stigenden Lektüre dienen. Eben so wenig 
sollen die Fonds unserer Bibliothek zur An 
schaffung von kostbaren Pracht- und theu- 
ren Kupferwerken verwendet werden, es sei 
denn, daß man sehr wohlfeil dazu kommen 
könnte. 
Die Hälfte der zur Anschaffung von Bü 
chern für die Bibliothek disponiblen Fonds 
ist jährlich anzuwenden, neu erschienene 
Schriften auf dem Wege des Buchhandels 
zu beziehen, während die andere Hälfte je 
ner Fonds dazu bestimmt sein soll, Bücher 
gelegentlich aus der dritten Hand, von Anti 
quaren oder in Bücherversteigerungen oder 
auch von Verlagshandlungen bei herabge 
setzten Preisen zu erwerben. Auch ganze 
Büchersammlungen können, falls sich eine 
vortheilhafte Gelegenheit zur Vermehrung 
der Bibliothek zu einem billigen Preise dar 
bietet, angekauft werden, vorausgesetzt, 
daß die Hälfte der laufenden Jahreszinsen 
des Stiftungsfonds hinreicht, eine solche 
Ausgabe zu bestreiten. 
Wenn gleich die städtische Bibliothek bei 
der jährlichen regelmäßigen Verwendung 
der ihr zur Vermehrung ihrer Büchersamm 
lung zu Gebot stehenden Geldmittel nach 
den obigen Vorschriften hauptsächlich auf 
den Ankauf von Schriften und Werken aus 
gewissen oben bezeichneten Klassen oder 
Fächern eingeschränkt sein soll; so ist doch 
nicht unsere Intention, daß die Bibliothek 
dadurch verhindert werde, Gelegenheiten 
die sich darbieten zur wohlfeilen Erwer 
bung von Büchern auch aus anderen Klas 
sen und Fächern zu benutzen. Denn bei 
dem innigen Zusammenhänge der Wissen 
schaften untereinander muß eine große Bi 
bliothek Hülfsmittel aus allen Gebieten des 
menschlichen Wissens in sich schließen 
und es wird darum auch kein Fach völlig 
vernachlässigt werden dürfen. 
Es versteht sich daher von selbst, daß Ge 
schenke von Büchern jeder Art von unserer 
städtischen Bibliothek mit Dank angenom 
men werden. Die Namen der freundlichen 
Geber sind nebst den von ihnen darge 
brachten Geschenken in ein eigenes zu die 
sem Behufe eröffnetes Buch, das im Ar 
beitszimmer der Bibliothek offen liegt, zum 
dankbaren Andenken einzutragen. Der Bi 
bliothekar der Stadtbibliothek hat alljährig 
eine öffentliche Einladung und Aufforde 
rung an die Bewohner Kassels in den hiesi 
gen Zeitungen ergehen zu lassen, um ihren 
patriotischen Gemeinsinn durch Darbrin 
gung von Büchergeschenken an die öffent 
liche Stadtbibliothek zu gewähren. Er hat in 
diesen Bekanntmachungen zu bemerken, 
daß jede freiwillige Gabe der Art der städti 
schen Bibliothek willkommen sein werde 
und darauf aufmerksam zu machen, daß 
Viele Bücher besitzen, von denen sie keinen 
Gebrauch machen und die ihnen oft nur bei 
Mangel an Raum in ihren Wohnungen im 
Wege stehen, während sie im Besitz einer 
öffentlichen Bibliothek für das Publicum 
von Nutzen sein können. 
Mit dem hiesigen Lesemuseum würde 
durch Vermittelung des Stadtraths ein eben 
so wohl für dieses Institut als für die Stadtbi 
bliothek vortheilhaftes Uebereinkommen 
getroffen werden können, wornach ein 
Theil der vom Lesemuseum gehaltenen 
Zeitschriften und Journale, namentlich die 
in englischer und französischer Sprache,
	        

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