Full text: 125 Jahre Murhardsche Stiftung der Stadt Kassel und ihrer Bibliothek

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warteten hinter einem langen 
Tisch, daß ich ihnen die gewünsch 
ten Kapseln heraussuchte. Diese 
Tätigkeit erforderte eine besondere 
Kenntnis des Aufbaus und der Ei 
genarten des Sachkatalogs, der ei 
nen besonders intensiven Ausbau 
erfuhr und dadurch ein besonders 
aussagekräftiges Instrument war. 
,Ich habe schon viele Sachkataloge 
gesehen, aber der Ihre ist der 
Beste!’, sagte einmal ein Besucher 
zu Direktor Schnurre. 
Es war meine Hauptaufgabe, die 
sen Katalog weiterzuführen. Die 
Titel der neuen Bücher wurden 
möglichst an mehreren Stellen ver 
zeichnet. Dazu gehörte natürlich 
auch die Beratung der Benutzer. 
Entsprechend einer gewissen Ar 
beitsteilung zwischen Landesbi 
bliothek und Murhard hatten wir 
weniger Bücher zu Literatur und 
Geschichte als zu Staats-, Rechts-, 
Wirtschafts- und Naturwissen 
schaften. Haupt,künden’ waren die 
ältere Generation und Schüler der 
Oberklassen. Die jüngere Genera 
tion stand ja im Felde. 
An den Katalograum schloß sich 
die Leihstelle an, die Sofortdienst 
versah. Wir hatten ein junges,Lauf 
mädchen’, aber auch die beiden Bi 
bliothekarinnen dort holten gele 
gentlich das Gewünschte. Die Ent- 
leihung war sehr liberal. Von der 
bzw. hinter der Ausleihtheke ging 
es unmittelbar ins Büchermagazin 
mit 4 Stockwerken. Das Magazin 
hatte noch Platz für einigen Zu 
wachs. Es gab darin einige einge 
baute, durch Türen abgetrennte 
Zimmer, um Sonderaufstellungen 
zu ermöglichen. Ein solches Zim 
mer befand sich im 3. (oder 4. ? ) 
Stock und enthielt die Bücher- und 
Musikaliensammlung von Hans 
Altmüller, die wohl ein paar Jahre 
zuvor gekauft worden, inventari 
siert, aber noch nicht katalogisiert 
war. Ich erinnere mich an zahlrei 
che Notenausgaben, Klavieraus 
züge von Opern, Konzertstücken, 
Liederbüchern etc. Der Sammler 
war wohl Musikjournalist, Kritiker 
oder ähnliches gewesen. . . Ausge 
liehen wurden diese Bestände noch 
nicht. Das war also das,Altmüller- 
Zimmer’. 
Sie fragten nach dem ,Kasseler- 
Zimmer’. Dazu ist mir leider nichts 
mehr eingefallen. . . 
Von der Ausleihe nach rechts 
schloß sich das Beamtenzimmer 
an, in dem Bestellung, Lieferung, 
Titelaufnahme etc. abgewickelt 
wurden. Dort standen auch die 2 
Feldbetten für die abwechselnden 
Nachtwachen. Wir waren außer 
dem Direktor etwa 10 Mitarbeiter. 
Der Haupteingang (das ist der 
derzeitige Eingang) wurde nur 
geöffnet, wenn im darüberliegen 
den Vortragssaal eine Veranstal 
tung stattfand. Alles in allem: Es 
war ein schön und übersichtlich 
gegliedertes Haus, in dem ich gerne 
arbeitete. 
Schon bei meinem Dienstantritt 
eröffnete mir Dir. Schnurre, daß 
man den dauernden Bestrebungen, 
die beiden Kasseler Bibliotheken 
zusammenzulegen, immer ener 
gisch entgegentreten müsse! Er 
ging Anfang September (1941) ein 
paar Tage in Urlaub, und leider 
ereignete sich gerade da der Unter 
gang der Landesbibliothek. Am 
Tag nach dem Angriff erschien Dir. 
Hopf bei mir als Vertreter des Di 
rektors (Schnurre), ob die Mur- 
hard-B. bereit sei, Reste der La(n- 
des)-Bi(bliothek) aufzunehmen. 
Ich wollte dies in Abwesenheit von 
Dir. Schnurre nicht unbedingt Zu 
sagen, und dieser lehnte dann auch 
energisch ab. - Aber die Zusam 
menlegungspläne nahmen immer 
mehr Gestalt an. In einem Brief 
nach Hause schrieb ich am 28. 4. 
42: ,Noch ist nichts entschieden. 
Nächste Woche kommt eine Kom 
mission aus Berlin ... und will sich 
hier umsehen . . .’ 
Die Zusammenlegung war nun 
fast schon beschlossene Sache, und 
Dir. Schnurre hatte keine Chance 
mehr, sich zu wehren. Am 16. 1. 43 
schrieb ich nach Hause: ,Gestern 
ist die Urkunde unterzeichnet wor 
den, nach welcher die Murh.-Bibl. 
an die La-Bi übergeht. Dir. Schnur 
re läuft herum wie ein Gespenst 
und behauptet, sein ganzes Le 
benswerk sei vernichtet.’ 
Am 24. 3. 43 schrieb ich dann: 
,Am 1. 4. ziehen die Leute von der 
La-Bi. bei uns ein. Wir haben schon 
viel umgeräumt.’ Da von nun an 
Dir. Theele weitgehend das Kom 
mando übernahm, wurden die Ver 
hältnisse in der Bibliothek uner 
freulicher. 
Ich fing an, mit meinem Weg 
gehen zu rechnen, wozu aber auch 
noch private Gründe kamen. Ich
	        

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