Full text: 125 Jahre Murhardsche Stiftung der Stadt Kassel und ihrer Bibliothek

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Die Murhardsche 
Bibliothek der 
Stadt Kassel und 
ihre wissenschaft 
lichen Biblio 
thekare 
Helmut Bernert 
Als am 3. Juni 1845 die Brüder 
Friedrich Wilhelm August Mur- 
hard und Johann Karl Adam Mur- 
hard ihr Testament niederschrie 
ben, verfügten sie unter anderem, 
daß „der neuen von uns in Kassel 
zu errichtenden Büchersammlung. 
. . die Benennung: ,Murhardsche 
Bibliothek der Stadt Kassel’ beige 
legt werden und das Bibliotheksge 
bäude auch in seinem Frontispice 
diese Worte als In- und Aufschrift 
in der Mitte seiner äußeren Facade 
führen ” soll. 1 ) 
I Friedrich Murhard wurde am 7. 
Dezember 1778 in Kassel geboren 
und starb, ebenda, am 29. Novem 
ber 1853. 2 ) Karl Murhard wurde am 
23. Februar 1781 in Kassel geboren 
und starb, ebenda, am 8. Februar 
1863. Beide waren unverehelicht 
und hatten keine leiblichen Erben. 
Durch den Tod des letztverstor 
benen Bruders Karl Murhard wur 
de die testamentarische Verfügung 
wirksam, und die Stadt Kassel wur 
de Erbe des Vermögens mit der 
Verpflichtung, aus diesem die oben 
erwähnte „Murhardsche Biblio 
thek” zu errichten. Den Grund 
stock für diese Bibliothek bildete 
die Büchersammlung der Brüder 
Murhard. 
Dem Wunsche der Stifter ent 
sprechend, übernahm der Landes 
bibliothekar Dr. Karl Christian 
Siegmund Bernhardi (1799-1874) 3 ) 
die Betreuung der Hinterlassen 
schaft als Testamentsvollstrecker. 
So leitete er im Nebenamte auch 
die angehende Bibliothek bis zum 
Jahre 1872 und vermehrte ihre 
Buchbestände nicht unerheblich. 
Sein Nachfolger wurde im Dezem 
ber 1872 auf seinen Antrag hin Dr. 
Karl Altmüller, welcher die Verwal 
tung bis zum Jahresende wohl 
unentgeltlich durchführte. Stadtrat 
Hentze beantragte als Verwalter 
der Murhardschen Stiftung, den 
„Archivsekretär Dr. Altmüller mit 
einem Gehalt von 1000 Thalern 
vom 1. Januar 1873 ab als Bibliothe 
kar endgültig anzustellen.” 4 ) 
Mit ihm, Karl Bernhardi, begann 
die Murhardsche Bibliothek, und 
mit ihm beginnt auch die Geschich 
te der wissenschaftlich tätigen Bi 
bliothekare an dieser Institution. 
Mit Karl Altmüller und der vorläu 
figen Eröffnung der Bibliothek im 
Februar 1874 5 ) begann die Mur 
hardsche Bibliothek ihre auch für 
das Publikum sichtbare Existenz. 
Sie endet hier in diesem Aufsatz 
mit der Zusammenlegung der Mur 
hardschen Bibliothek mit der Lan 
desbibliothek mit Wirkung vom 1, 
April 1957. 
Die Murhardsche Bibliothek exi 
stiert demnach als selbständige 
Einrichtung von 1863/1874 bis 1957, 
also 94/83 Jahre. Nach genealogi 
schen Maßstäben sind dies rund 
drei Generationen, wenn man, wie 
üblich, die Generation mit 30 Jah 
ren rechnet. 
Die „Urgroßvätergeneration”, 
beginnend mit Karl Altmüller, hat 
sie errichtet, die „Großvätergenera 
tion”, beginnend etwa mit Georg 
Steinhausen, hat sie systematisch 
ausgebaut und erweitert, die „Vä 
tergeneration”, etwa mit Thilo 
Schnurre und Gerhard Fiebers, hat 
versucht, neben der Erweiterung 
die Lücken wieder zu schließen, die 
der 2. Weltkrieg in die Bibliothek 
sowohl äußerlich als auch in ihrem 
inneren Bestand gerissen hatte, 
und am Ende ihrer Zeit mußten sie 
die Murhardsche Bibliothek mit 
der Landesbibliothek zusammen 
führen. Der „Chronist” schließlich, 
jahrelanger intensiver Benutzer der 
Bibliothek, gehört der vierten, der 
„(Ur-)Enkelgeneration” an. 
Der Vergleich mit der Genealo 
gie läßt sich noch weiter spinnen. 
So, wie der Genealoge die Vorfah 
ren oft nur durch Namen und ein 
paar Zahlen, als da sind Geburt/ 
Taufe-Hochzeit-Tod, beschreiben 
kann, so kann auch der Chronist 
nicht viel mehr tun. Beide, der Ge 
nealoge dort und der Chronist hier, 
können die durch diese Daten iden 
tifizierten Personen eventuell noch 
durch ihre Werke, bei Bibliotheka 
ren sind es neben den Katalogen 
ihre literarischen Werke - erstere
	        

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