Full text: 125 Jahre Murhardsche Stiftung der Stadt Kassel und ihrer Bibliothek

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Dr. Thilo Schnurre im Beratungsgespräch mit einem Benutzer Foto Privatbesitz 
sprechbarer Vorgesetzter. Er hatte 
seinen Arbeitsplatz wohl hinter der 
Wand des Alphabetischen Kata 
logs, was ihn aber nicht daran hin 
derte, alles akustisch mitzubekom 
men, was sich coram publico ab 
spielte. Wenn er es für nötig oder 
angebracht erachtete oder man ihn 
bat, griff er sofort und gern ein. We 
gen seines entgegenkommenden 
Wesens und seines profunden Wis 
sens war er ein von der Öffentlich 
keit viel beanspruchter Mann. 
Trat der Benutzer an den für ihn 
bestimmten langen Arbeitstisch 
heran, nahm er normalerweise zu 
nächst einmal an ihm Platz, womit 
von vornherein erst einmal eine At 
mosphäre der Sammlung und Ruhe 
herbeigeführt wurde. Da die Kata 
loge für den Benutzer nicht frei zu 
gänglich waren, wie etwa die Bü 
cher im Lesesaal, mußte er seine 
Wünsche Vorbringen, äußern. 
Wurden Verfasser und Titel ge 
nannt, suchte man im Alphabeti 
schen Katalog die entsprechende 
Kapsel heraus und überreichte sie, 
an der richtigen Stelle aufgeschla 
gen, dem Benutzer. Selbst in solch 
einfachem Fall hieß es dennoch, 
aufzupassen. Dazu ein Beispiel: 
Erich Mareks, Historiker der Bis 
marck-Ära, und Karl Marx waren 
mit den Titeln ihrer Werke rein zu 
fällig in zwei verschiedenen, ne 
beneinander stehenden Katalog 
kapseln verzeichnet. Es wäre in den 
Augen Dr. Schnurres ein unver 
zeihlicher Fauxpas gewesen, wenn 
man etwa einem seriösen Ruhe 
standsbeamten die Karl-Marx-Kap- 
sel ausgehändigt hätte. Es sei denn, 
man hätte, falls im Zweifel, vor 
sichtshalber nachgefragt - oder bei 
de Kapseln zur gefälligen Auswahl 
vorgelegt. 
Da die Titel der Neuerwerbun 
gen von Zeit zu Zeit in der „Kasse 
ler Post” und wohl auch im „Kasse 
ler Tageblatt” veröffentlicht wur 
den, konnten auf diese Weise im 
mer wieder neue Interessenten als 
Benutzer gewonnen werden, und 
waren somit nicht nur Insidern be 
kannt, wie jenem ehemaligen Mili 
tär, der gezielt die deutsche Über 
setzung von Mordacqs „La mentali- 
te allemande” kennenzulernen 
wünschte, damals ein literarischer 
Geheimtip. 
Alles in allem, hier im Katalog 
zimmer wurde täglich ein tüchtiges 
Stück Öffentlichkeitsarbeit gelei 
stet. Daran partizipierten gleicher 
maßen Gymnasialschüler, die ei 
nen Hausaufsatz zu schreiben und 
Studenten, die eine wissenschaftli 
che Arbeit anzufertigen hatten und 
eigentlich immer fündig wurden. 
Gerade letztere suchten die beiden 
Kasseler Bibliotheken, zumal in 
den Semesterferien, besonders 
gern auf, weil die benötigte Litera 
tur eher hier als etwa in der Marbur- 
ger, Göttinger oder einer anderen 
Universitätsbibliothek präsent und 
nicht bereits anderweitig durch ihre 
am gleichen Thema arbeitenden 
Kommilitonen ausgeliehen war. 
Dem wissenschaftlich orientierten 
und arbeitenden Benutzer, in Dr. 
Schnurres Augen Ideal-Benutzer, 
ließ man jede nur erdenkliche Hilfe 
angedeihen. Vertreter aller Berufs-
	        

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