Full text: 125 Jahre Murhardsche Stiftung der Stadt Kassel und ihrer Bibliothek

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Verhalten vorlag. Ob für den ent 
standenen Schaden voll oder nur 
anteilig aufzukommen war, lag in 
der Ermessensentscheidung des 
Beamten. Meist wurde großzügig 
verfahren. 
Da die Benutzungsfrequenz sich 
in überschaubaren Grenzen hielt, 
kam es darauf an, einen zufriede 
nen Benutzerstamm zu halten. Das 
war damals das Hauptanliegen, die 
Maxime der zu betreibenden Bi 
bliothekspolitik, 
Bucherwerbung 
Der Verkehr mit den Buchhänd 
lern verlief auch nach dem ominö 
sen 30. Januar 1933 in den gewohn 
ten Bahnen weiter. Dieses Datum 
bedeutete keineswegs eine be 
merkbare, schon gar nicht bemer 
kenswerte Zäsur. Wie damals we 
gen der angespannten Finanzlage 
allgemein üblich, hielten sich die 
Buchbestellungen in eher beschei 
denem Rahmen. Überwiegend 
wurde aus den Ansichtssendungen 
kritisch ausgewählt, sonstige Be 
stellungen erfolgten ausnahmslos 
nur mit vollständigen bibliographi 
schen Angaben, wozu die bekann 
ten bibliographischen Periodika 
und Nachschlagewerke heranzu 
ziehen waren. 
Während dieser dritten Ausbil 
dungsphase, - es waren die Monate 
Februar und März 1933 -, also die 
Zeit des radikalen politischen Um 
bruchs, kamen die Werke, die bis 
lang en vogue gewesen waren, in 
den sogenannten „Giftschrank”. 
Mit diesen Sekretierungen hatte 
ich zwar nichts zu tun, sie blieben 
jedoch trotz des Versuchs tunlich 
ster Geheimhaltung niemandem 
verborgen. Was die Akzession be 
traf, so kam es nun darauf an, nicht 
ins andere Extrem zu verfallen, ge 
flissentlich jedes schnell auf den 
Büchermarkt geworfene Machwerk 
zu erwerben. Anzulegen war mehr 
denn je eine kritische Sonde. Na 
türlich war die Anschaffung der 
grundlegenden NS-Literatur, so 
weit noch nicht geschehen, nicht 
zu umgehen, so z.B. die Darresche 
Blut-und-Boden-Literatur, der Ro- 
senbergsche Mythus, Goebbels ’ 
Propagandaschriften, die wie Pilze 
aus dem Boden schießenden Un 
tersuchungen zur Rassenkunde, 
mehr oder weniger von Hans F. K. 
Guenther beeinflußt. Müßig, ih 
nen postum die zweifelhafte Ehre 
angedeihen lassen zu wollen, hier 
noch weitere aufzuführen. Die Er 
werbungspolitik blieb unbeeinflußt 
klar umrissen. Sie wurde wie bisher 
konsequent weiter verfolgt. 
Da die Hessische Landesbiblio 
thek das in Kurhessen-Waldeck er 
schienene Schrifttum als Pflicht 
exemplar erhielt, dieses natürlich 
auch in der Murhardschen Biblio 
thek zur Verfügung stehen mußte, 
waren auf diesem Sektor die wichti 
geren Neuerscheinungen ebenfalls 
zu erwerben. Nicht im Buchhandel 
erhältliche Veröffentlichungen, 
wie Jubiläums- und Festschriften, 
Firmenpublikationen und derglei 
chen wurden entweder als Ge 
schenk erbeten oder direkt bestellt, 
alles streng auswahlweise. Manche 
dieser Schriften erreichten die 
Bibliothek ohnehin unaufgefordert 
und unberechnet, woran sich der 
hohe Bekanntheitsgrad der Biblio 
thek unschwer ermessen läßt. 
In Sachen Akzession erwies sich 
eine gewisse Absprache mit den zu 
ständigen Kollegen der Landesbi 
bliothek stets aufs neue als sinnvoll 
und, weil kostensparend, als nütz 
lich. Diese einmal eingeführte Pra 
xis wurde, da sie sich bewährt hatte, 
weiter aufrechterhalten und weiter 
geführt. 
Im Verkehr mit den Buchbin 
dern lag die Einführung in diesen 
Dienstzweig in Händen des Biblio 
theks-Obersekretärs Wilhelm Pflü 
ger, der in seiner ganzen Art und 
Umgangsweise äußerst korrekt und 
selbstsicher, im Dienst peinlich ge 
nau war. In den langen Jahren sei 
ner Berufstätigkeit hatte er sich so 
gut in die Materie eingearbeitet, 
daß er mit all ihren Einzelheiten ab 
solut vertraut war. Nie verlor er den 
Überblick, schon gar nicht die Fas 
sung, wenn jemand etwa versuchen 
wollte, ihm ein X für ein U vorzu 
machen. Er ließ sich niemals aus 
dem Konzept bringen. Dem Aus 
zubildenden gegenüber wurde die 
sem, zur nicht geringen Überra 
schung, schon nach relativ kurzer 
Einarbeitungszeit, reichlich freie 
Hand gewährt, allerdings nicht, oh 
ne abschließend die erledigten Ar 
beiten kontrolliert zu haben. Dies, 
wie er sich fast entschuldigend aus 
zudrücken pflegte, um wenigstens 
nachts ruhig schlafen zu können. 
Denn in der für das gesamte Perso 
nal eingeführten dreistündigen
	        

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