Full text: Brief von Jacob Grimm an Dieterichsche Buchhandlung, Göttingen


Es kann Sie nicht wunder nehmen, dasz ich Ihnen vorwürfe mache . eine
messe nach der andern lassen Sie verstreichen , ohne die geringste auskunft
zu ertheilen , ohne verbindlichkeiten nachzukommen , die Ihnen gegen mich
obliegen . unseres früheren verkehrs , der Ihnen keinen schaden , sondern
gewinn gebebracht hat, scheinen Sie uneingedenk .  ich stelle mir nicht vor,
dasz der absatz der märchen so nachgelassen   hat , dasz Sie seit
mehrern jahren  kein honorar dafür zu entrichten hätten .  als Sie
vor acht oder neun jahren  mir den antrag machten , die beiden ersten
bände der grammatik und die rechtsalterthümer , weil die exemplare
abgesetzt warn , nude  wieder auflegen zu lassen , gieng ich ungern ein darauf ,
weil mir dadurch die aussicht fast abgeschnitten wurde , einmal eine reichere
ausg. ruhig auszuarbeiten . jeder autor hätte für solche neue ausg. alsbald
honorar gezogen .  Sie schlossen  aber ein geschäft ab , wobei Sie nichts zu
befahren hatten , neuerlich dazu erst die druckkosten gedeckt , dann  der
gewinn zwischen uns getheilt werden sollte .  wahrscheinlich sind Sie aus
den kosten heraus , ich  aber habe bisher gar nichts vom ertrag gehabt .
geziemt hätte sich wenigstens , dasz Sie sich über die ursachen der
verzögerung geäuszert hätten , aber kein wort haben Sie verloren .
    Was mich jedoch am empfindlichsten verdrieszt ist Ihr verfahren
in bezug auf den druck des vierten bandes der weisthümer .   schon seit
einem vierteljahr hört kreysig auf zu drucken und erwidert auf meine
beschwerde , dasz papier fehle und Sie erklärt hätten es habe damit keine
eile . es mag sein , dasz ihnen nichts an der beschleunigung liegt , mir aber
liegt daran , ich habe zu bestreitung vieler kosten von der bair . akademie
beistand empfangen und konnte Ihnen nur darum kostenfreies manuscript
ohne honorar liefern .  jetzt aber musz ich auch für das werk einstehen
und gerathe in verlegenheit , ich habe dafür einen mitarbeiter geworben ,
der nicht weisz woran alles stockt. den gedruckten text brauche ich
vielfach ins deutsche wörterbuch und musz nun manche stellen  auslassen ,
weil sie ungedruckt sind.
          Ich erbitte mir über alles baldige nachricht und bin unter -
dessen mit aller hochachtung   Ihr ergebener Jac . Grimm
                                                                               Berlin 3 juni 1862 .

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