Full text: Rede auf Schiller

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Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Dr 215 
dort in der fremden weit stehst du allein, 
ein schwankes rohr, das jeder sturm zerknickt, 
für deutsche freiheit war Wallenstein und Teil entworfen, über dessen that 
sich stanzen, die das dem kurfürsten erzkanzler überreichte exemplar beglei 
teten, treffend aussprachen. der allgemeine menschliche jubel, den die chöre 
des liedes an die freude anfachen, wird nie erlöschen. Zu diesen und so 
groszen Wirkungen reicht Göthe nicht an. in Hermann und Dorothea ist 
ein liebliches bild des nach zerstörendem krieg wieder einkehrenden friedens 
und des Vaterlandes preis gedichtet, so wenig abgewendet von Deutschland 
hatte den dichter der ihn entzückende aufenthalt in Italien, dasz er auch 
dort seine begonnenen edlen werke immer bedachte und fortführte, gleich 
nach seiner heimkehr sie zu veröffentlichen begann, und der dichter, der 
uns 1790 den Faust gab, wäre nicht der allerdeutscheste gewesen? Niemals 
ist in beiden dichtem der leiseste Zwiespalt über politische meinungsverschie- 
denheit wahrzunehmen, sie waren ihres strebens für unsere nation so sicher 
und sich so bewust, dasz davon keine rede gewechselt zu werden brauchte. 
Fast nur ihrer groszen dichtungen wurde bisher gedacht, noch nicht 
ihrer lyrischen gedichte und romanzen. in schlanken, blanken liedern ist 
Göthe unbedenklich überlegen, im balladenton weichen beide freunde sehr 
von einander ab. Schiller hat eine ganz eigne elegische Stimmung, die auch 
den leser schwermütig macht, Göthes elegien nähern sich schon in ihrer 
form der ruhigen classischen weise; aber die reizenden lieder, welche 
anheben: 
ist der holde lenz erschienen? 
hat die erde sich verjüngt? 
oder 
seht ihr dort die altergrauen 
. 
Schlösser sich entgegen schauen 
leuchtend in der sonne gold? 
oder 
Priams feste war gefallen, 
Troja lag in Schutt und staub; 
oder 
freude war in Trojas hallen 
eh die hohe feste fiel, 
in ihrem lieblichen trochäischen flusz üben unwiderstehliche anziehungskraft 
und sind unserer jetzigen bildung vollkommen angemessen; in den göthischen 
romanzen schlägt dazwischen noch die ergreifendere Volksweise an. die
	        

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