Full text: Rede auf Schiller

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Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Dr 215 
ten. Schiller, dem es nicht an Kants gerüste genügte, strebte dessen ab- 
stractionen objectiver zu machen und die reine speculation auch mit den 
stoffen und formen zu paaren; diese ergebnisse wurden sein völliges eigen- 
thum und giengen weiter als der Rönigsberger weltweise Vordringen konnte, 
der ohne eigentliche und genaue bekanntschaft mit den dichtem war. Poesie 
und philosophie, finde ich, haben ein groszes merkmal zusammen gemein, 
das dasz sie Werkzeug und ausrüstung bei sich selber tragen, nicht wie andere 
Wissenschaften erst auf äuszere quellen und Vorgänger zurückzuschauen brau 
chen. jeder wahre philosoph musz immer von vornen anfangen, sein System 
auf eigene hand und unterläge errichten, ohne die es bald wanken und zu 
sammenbrechen würde; der dichter hat nicht lange Vorbereitung nöthig, 
keine buchgelehrsamkeit noch Zulieferung, plötzlich hebt er seine stimme 
und aus seiner kehle schallt was ihm der genius eingab, ihm mag das erste, 
zweite und alsobald das dritte examen geschenkt werden, damit nicht die 
prüfer vor dem geprüften den kürzern ziehen müssen, neben dieser wesent 
lichen Unmittelbarkeit und dem autokratorischen gehalt aller dichterischen 
und philosophischen Schöpfungen erscheint aber der wichtige unterschied, 
dasz dem dichter auch eine sofortige ein Wirkung auf das volk zusteht, dem 
philosoph nur eine langsamere gestattet ist. denn jener geht gerades weges 
auf das gemüt der einzelnen los, die philosophische lehre hat gleichsam erst 
Zwischenräume zu durchdringen und läuft gefahr, sich in zunftmäszigem dog- 
matismus unterdessen abzuschwächen. auch dichterschulen entspringen, 
sind aber stets ohne nachhaltigen einflusz und nach überstandener langweile 
fast unschädlich geblieben. Aristoteles, der harte köpf, wurde noch bis in das 
mittelalter hinein von den mönchen gelesen, welche frucht durfte er damals 
bringen? besser, den sie nicht mehr fassen konnten, er wäre vollends aus 
ihrer hand geblieben zu einer zeit, wo Homer und die griechischen tragiker 
in langem, dumpfem Schlummer lagen, der beim wiedererwachen der classi- 
ker ihrer ewigen frische nichts benahm. 
Vielfach ist der glaube unsrer beiden groszen dichter schnöde ver 
dächtigt und angegriffen worden von seiten solcher, welchen die religion 
statt zu beseligendem friede zu unaufhörlichem hader und hasz gereicht. ±u 
den tagen der dichter war die duldung gröszer als heute, welche Verwegen 
heit heiszt es, dem der blinder gläubigkeit anheim fiel oder sich ihr nicht gefan 
gen gab, frömmigkeit einzuräumen und abzusprechen; der natürliche mensch 
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