Full text: Rede auf Schiller

6 
haucht, doch mit dem erhabnen zu verschwenderisch haus gehalten hatte, 
Lessings tiefere einwirkung erfolgt, vor der eine schar von verjährten irrthü- 
mern die segel streichen muste, die geistige Unabhängigkeit des volks war 
von grund aus neu gefestigt, auf die lauterkeit des classischen Studiums und 
zugleich auf das heimische alterthum gedrungen, wenn auch nicht mit zurei 
chenden mittein. die bekanntschaft mit Shakespeare, die Verdeutschung Ho 
mers, die entdeckung Ossians steigerte und verbreitete auf weg und Steg einen 
überströmenden Wechsel aller eindrücke, Kants männlichstrenge philosophie 
fieng an die empfängliche jugend auch wieder abzutrocknen und ernst zu stim 
men. Als nunGöthe und nicht lange hernach Schiller im eigentlichen sinne die 
ses schönen Worts erschienen und unter uns wandelten, zeigte sich wohin ihr 
fusz getreten war, lebendige spur; diese kraft war noch unbändig und unge 
heuer, sie begann sich bei Göthe bald, bei Schiller langsam zu beschwichtigen 
und dann je länger je mehr ungeahnte wunder auszurichten, das aber war vom 
ersten ihrer erzeugnisse an nicht zu verkennen und wurde bis in ihre letzten 
fortgefühlt, dasz hier reichthum der gedanken, wärme der empfindung, 
leichtigkeit des auffassens und auszerordentliche, vorher noch gar nicht da- 
gewesene sprach ge walt zusammentrafen. 
Wir rühren wieder die uralten zwei hauptgattungen der poesie an, in 
welchen sie sich neue bahn zu brechen hatten, epos und drama, denn von 
der lyrischen dichtung, deren quelle sich zu keiner zeit stopfen liesz, wird 
weniger zu reden nöthig sein, nun ist es wahr, dasz der durchsichtige, nie 
still stehende flusz eines gewaltigen ereignisses, von dem einmal das volk 
durchdrungen gewesen sein muste, hinter welchem ström der dichter ganz 
verschwindet, unsrer neuen zeit viel weniger zusagt, in dem drama tritt uns 
die begebenheit selbst unmittelbar und leibhaftig vor äugen, so jedoch dasz 
sie nicht einfach einher schreite, sondern mit und aus allen innern, sich sonst 
bergenden triebfedern enthüllt werde, d. h. sie musz geschürzt sein und lö- 
sung empfangen, in solchem schürzen oder verflechten liegt eben der ganze 
reiz der handlung, sei es dasz der knote aus einander entwirrt oder von der 
band des Schicksals durchhauen werde, die dramatische Verflechtung ist es, 
die den Zuschauer einnimmt und seiner selbst vergessen macht, ohne sie 
würde er gar nicht in Spannung gerathen noch darin dauern, hinter jeder 
rolle steckt und steht aber der dichter.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.