Full text: Über den Ursprung der Sprache

Jacob Gbi 
mm 
Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Dr 205 
darf über jenen unerfüllten abgrund von jahrtausenden zurück geschritten 
und in gedanken auch am ufer ihres Ursprungs gelandet werden. Der Sprach 
forscher braucht also nicht die hand abzulegen, sondern kann weiter gehn 
als der naturforscher, weil er ein menschliches, in unsrer geschichte und 
freiheit beruhendes, nicht plötzlich sondern stufenweise zu stände gebrach 
tes werk seiner betrachtung unterwirft, da im gegentheil alle erschafnen un 
freien wesen gar keine geschichte kennen und bis auf heute beinahe noch 
eben so sich verhalten, wie sie aus des Schöpfers hand hervor gegangen sind. 
Hiermit ist im voraus freilich schon ausgesprochen, was ich als mögli 
chen erfolg meiner ganzen angestellten Untersuchung betrachtet wissen will; 
gleich wol müssen für sie eine reihe einzelner gründe in anschlag gebracht 
werden und es wird aufserdem nicht ungerathen sein, diesen erst noch voran 
gehn zu lassen, was zu gunsten eines unmittelbar von der gottheit ausgegang- 
nen Ursprungs der spräche könnte gesagt werden, weil nun ein solcher noch 
auf doppelte weise denkbar wäre, insofern nemlich gott die spräche den 
menschen anerschaffen oder erst nach der Schöpfung selbst offenbart hätte; 
so soll zuvörderst von einer geschaffenen, dann von einer offenbarten sprä 
che gehandelt und näher dargethan werden, warum keine von beiden anzu 
nehmen sei. 
Eine geschaffene, naturwüchsige menschensprache voraus zu setzen 
mahnt von der Oberfläche her angesehn nicht weniges, vergegenwärtigen wir 
uns ihre Schönheit, macht und manigfaltigkeit, wie sie sich über den ganzen 
boden der erde erstreckt, so erscheint in ihr etwas fast übermenschliches, 
kaum vom menschen selbst ausgegangnes, vielmehr unter dessen händen hier 
und da verderbtes und in seiner Vollkommenheit angetastetes. Gleichen die 
geschlechter der sprachen nicht den geschlechtern der pflanzen, thiere, ja der 
menschen selbst in aller beinahe endlosen Vielheit ihrer wechselnden gestalt? 
erblüht nicht die spräche in günstiger läge wie ein bäum, dem nichts den weg 
sperrt und der sich frei nach allen seiten ausbreiten kann, und wird unentfal- 
tet, versäumt und absterbend sie nicht einem gewächs ähnlich, das bei man- 
gel an licht oder erde schmachten und dorren muste? Auch die erstaunende 
heilkraft der spräche, womit erlittenen schaden sie schnell verwächst und 
neu ausgieicht, scheint die der mächtigen natur überhaupt, und nicht anders 
als diese versteht sich die spräche darauf mit geringen mittein auszureichen
	        
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