Full text: Über das Pedantische in der deutschen Sprache

Die romanische spräche schlug aber hier einen von der deutschen ver 
schiedenen, und wie mich dünkt, glücklicheren weg ein. sie erkor sich zum 
artikel nicht das erste strengere demonstrativum, sondern mit vortheilhaftem 
grif das zweite gelindere, der romanische artikel stammt aus dem lateini 
schen ille illa, dessen liquider laut jeder Verwandlung und Verschmelzung 
der form aufserordentlich günstig war. Der deutsche, gleich dem griechi 
schen artikel besitzt dagegen den eigentlich demonstrativen stummen lingual 
laut, der schon an sich unfügsamer als jene liquida erscheinen muste. dazu 
trat noch eine andere ungunst. alle deutschen sprachen erfuhren lautver- 
schiebung, wodurch die griechische tenuis in gothische oder sächische aspi- 
rata gewandelt wurde, was dem artikel dieser sprachen eine gewisse Schwer 
fälligkeit verlieh, die zwar in der althochdeutschen, wo media an die stelle 
der asp. kam, wieder aufhörte. Wer gothisch oder angelsächsisch ausspre 
chen lernt, wird sich am meisten bei der allenthalben begegnenden aspiration 
des artikels verlegen fühlen. 
Während nun im romanischen das gelenke, sich leicht an die praepo- 
sitionen a und de schmiegende L durch die bank wollautige und gedrungne 
formen zeugte, welche den untergegangnen casus umschreiben und das alte 
suffix der flexion durch ein neues praefix ersetzen halfen, blieb der deutsche 
artikel meistentheils unbeholfen. Aus seinem D, wenn es sich frühzeitig zur 
anlehnung und elision dargegeben hätte, wäre noch vortheil zu ziehen ge 
wesen; allein der pedantische hang zu voller deutlicher form widerstrebte, 
und es sind eigensinnig nur ausnahmsweise die formen: am, im, zum, beim, 
zur, für an dem, in dem, zu dem, bei dem, zu der verstattet geblieben, da 
doch die ältere spräche noch einige mehr, wie zen für ze den zulässig fand, 
was sich unbedenklich in die heutige gestalt zun hätte wandeln mögen; wa 
rum wäre nicht ar für an der, gleich dem zur, und anderes mehr willkom 
men gewesen? die ahd. und mhd. dichter hatten noch einige günstige an- 
lehnungen des gekürzten artikels an die praepositionen eingeführt, mochte 
der artikel von diesen selbst abhängen oder einem zwischentretenden genitiv 
gehören, wie zes für ze des, enents für enent des, jenseit des, welchen allen 
die jüngere spräche überbedächtig wieder entsagte, das sind keine geringen 
dinge, vielmehr solche, die unmittelbar jeden satz behend oder schleppend 
machen können, man halte unserm deutschen der mann, des mannes, dem 
manne das ital. luomo, de luomo, al uomo, oder das franz. lhomme, de
	        

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