Full text: Gedichte des Mittelalters auf König Friedrich I., den Staufer und aus seiner so wie der nächstfolgenden Zeit

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In der zweiten hälfte des zwölften Jahrhunderts entsprungen, wilder 
auswuchs der damaligen schulgelehrsamkeit, aber leicht Übergänge findend 
in die preis und scheltlieder, in den minnesang und die Volksdichtung, in das 
leben frölicher und ausgelassener zecher, hat diese vagantenpoesie von der 
Lombardei aus im Südwesten Deutschlands, im nördlichen Frankreich eine 
zeitlang, am längsten in England gewuchert (*). Derber als das minnelied, 
dem die schmiegsame innigkeit der muttersprache zu gebot stand, durfte sie 
dafür den fremden ausdruck mit gröfserer keckheit brauchen, und in einzel 
nen gesängen, namentlich der confessio poetae liegt unvergängliche kraft. 
Was frischeres könnte aufgewiesen werden als die strophe 'Tunc rorant scy 
phi desuper et canna pluit mustum 3 ? Die weinlieder unserer minnesänger 
scheinen zu ungesellig; hier aber schallt ein voller jubel der gelage, wie 
in Fischarts litanei der trunknen. Dafs man auch ernste gegenstände vor 
nahm lehrt das gedieht von den fünfzehn Zeichen des jüngsten tags, geistliche 
eingänge, wie der des ersten gedichts, sind die dürrsten. Den gebundnen 
aber rührigen sinn des Zeitalters verräth uns diese lateinische poesie besser 
als urkunden und armalen; nicht an geist, sinn und lebensfreude gebrach 
es ihm, aber an freiem mafs und fortschritt. 
Blofs die ältesten und besten der lieder führe ich auf einen und den 
selben dichter zurück; es ist nicht anzugeben, wie viel den nachahmern ge 
bührt, mehrere gesänge zeugen von umgufs und geschickter Überarbeitung, 
wie sie damals auch in deutschen und romanischen dichtungen allerw r ärts 
Vorkommen. Nicht einmal über das alter der Münchner handschrift soll 
entschieden sein, die ich einen halben tag durchblättern und ausziehen, nicht 
ganz lesen konnte. Ihr voller inhalt mag noch ausdrücke und gegenstände 
darbieten, die weiter führen. Die stutzig machenden stellen über den vier 
ten Alexander und Marner sind unverholen geblieben: selbst wenn diese 
samlung erst nach 1250 vollendet wäre, kann das den stücken, die früher 
fallen, keinen abbruch thun und blofs sie nehmen wir für den älteren dich 
ter daraus in anspruch. 
(*) Wrights political songs of England, London 1839 an vielen stellen, und desselben 
aneedota literaria London 1844 liefern s. 92-101 gute nachträge solcher lateinischen lie 
der. Von geringerm werth sind 25 Strophen, die nach 1245, ohne zweifei in Italien ge 
dichtet wurden, in Const. Höflers kaiser Friedrich II. München 1844 s. 430. 
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