Full text: Deutsche Grenzalterthümer

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Jacob Grimm: 
senklimmer gegen die mark auf. Drüben im Linthal stand aber schon die 
volle morgenröthe am himmel, die Sterne waren erblichen und noch schlief 
der fette hahn in guter ruhe; traurig umstand ihn die ganze gemeinde, allein 
es galt redlichkeit und keiner wagte ihn zu wecken, endlich schwang er seine 
flügel und erkrähte. Wie schwer wird es dem Glarner sein dem behenden 
Urner den vorsprung abzugewinnen! Ängstlich sprang er und schaute gen 
Scheideck, wehe, da sah er oben am grat schon den mann schreiten und berg 
abwärts niederkommen, aber der Glarner schwang die fersen und wollte sei 
nen leuten noch retten so viel als möglich. Und bald stiefsen die männer 
zusammen und der von Uri rief: hier die grenze! Nachbar, sprach betrübt 
der von Glarus, gib mir des Weidelandes noch ein stück das du errungen 
hast. Das erbarmte jenen und er antwortete; so viel du mich an deinem 
hals tragend bergan laufen wirst, sei dir gewährt. Da fafste ihn der recht- 
schafne senner von Glarus und klomm ein gut stück feldes hinan, manche 
tritte gelangen ihm noch, endlich versiegte sein athem und todt sank er zu 
boden. Noch heutiges tags zeigen sie das grenzbächlein, bis zu welchem der 
einsinkende Glarner den siegreichen Urner getragen habe. 
Solche sagen müssen weit in Europa erschollen sein, ein verwandter 
zug schlägt an in dem mythus von dem jüngling, der seine geliebte nur um den 
preis erwerben soll, dafs er sie auf den schultern tragend einen steilen berg 
ersteige, der nun zwar mit den letzten kräften seines lebens die höhe erreicht, 
oben aber erschöpft zu boden sinkt: auf diesem gipfel quillt fortan la 
bender brunnen und heilkräftige kräuter entspriefsen (*). Statt der grenz- 
scheidung hat hier die fabel eine andere absicht zum gründe gelegt. Allein 
das classische alterthum bietet eine näher liegende grenzsage zum vergleiche 
dar. Valerius Maximus buch 5 cap.6 erzählt, dafs einst zwischen Carthago 
und Cyrene grenzhader waltete und von beiden Städten beliebt wurde zu 
gleicher zeit ein paar jünglinge auszusenden: wo sie auf einander träfen sollte 
künftig die grenze sein. Da machten zwei Carthager, ein briiderpaar Phi- 
laeni mit namen, voll eifers ihrem lande den vortheil zuzuwenden, vor der 
anberaumten stunde sich auf den weg und erliefen eine grofse strecke landes 
eh sie mit dem boten von Cyrene zusammenstiefsen; aber die Cyrenenser ge 
wahrten den trug und wollten in den verlust nur dann willigen, wenn die 
(*) Lai des deux amans, bei Marie de France und anderwärts. 
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