Full text: Über zwei entdeckte Gedichte aus der Zeit des deutschen Heidenthums

Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Dr 195 
aus der Zeit des deutschen Heidenthums. 
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wie Balders Fohlen durch Zaubersprüche der Götter sein Fufs eingerenkt 
wurde, achtete der Schreiber unserer Handschrift sogar der Aufnahme in 
ein geheiligtes Buch für werth, er wähnte, durch Hersagung der Formel 
könne der erlahmte Fufs eines Menschen, wenigstens eines Thieres herge 
stellt werden. Nicht anders mochte das dunklere, dem zehnten Jh. den 
noch verständlichere Lied von den heidnischen Idesen für entsprechende 
Anlässe diensam und der Aufbewahrung würdig erscheinen. Ich zweifle bei 
nahe nicht, gar manche solcher Zauberformeln, wie sie die meistens münd 
liche Überlieferung folgender Jahrhunderte noch mehr entstellt, aber doch 
fortgepflanzt hatte, beruhen ihren fast immer erzählenden Eingängen nach 
auf heidnischen Liedern und Weisen, nur dafs nach und nach an den Platz 
der alten Eigennamen absichtlich verdrehte, ersonnene oder anders woher 
entlehnte traten. Dieser verworfne Hexenplunder fordert also für die Ge 
schichte der Mythologie und des Aberglaubens seine Rücksicht; im Anhang 
II will ich eine von Pertz in einer Strafsburger Handschrift des eilften Jh. 
aufgefundne Beschwörungsformel (*) mittheilen, deren heidnischer Anstrich 
nicht zu miskennen ist. 
Ein gutes Glück hat aber gewaltet, es ist mir gelungen, den gesamm- 
ten Inhalt unseres zweiten Gedichts in einer solchen jüngeren Zauberformel 
aufzuspüren und dadurch das eben entwickelte Verhältnis unwiderlegbar zu 
beweisen. Was jedoch besonders merkwürdig ist, sie kommt zum Vorschein 
in weitentlegner Gegend, in Scandinavien. Ihre besondere Bedeutsamkeit vor 
aus ahnend hatte ich ihr im Anhang meiner Mythol. s. CXLVIII den Raum 
gegönnt , sie mag aus dem Dänischen ( 2 ) verdeutscht hier folgen. Jesus, 
heifst es, ritt zur Heide, da ritt er das Bein seines Fohlens entzwei. Jesus 
stieg ab und heilte es, er legte Mark in Mark, Bein in Bein, Fleisch in 
Fleisch, er legte darauf ein Blatt, dafs es in derselben Stelle bleiben sollte. 
Was für unsre ganze Untersuchung ist entscheidender als diese Übereinstim 
mung? zwei Formeln die altthüringische und eine nordische, erst im vori 
gen Jh. mündlich aufgenommene haben sicher denselben Grund, eine Sage 
(*) ohne Erklärung, die anderwärts folgen soll. 
( 2 ) Jesus reed sig til Heede, der reed han syndt sit Folebeen. Jesus stigede af og 
lägte det, Jesus lagde Marv i Mary, Been i Been, Kiöd i Kiöd, Jesus lagde derpaa et Blad, 
at det skulde blive i sannne stad. 3 Navne etc. (Hans Hannnond nordiske Missionshistorie. 
Kiöbenhavn 1787 p.119.)
	        

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