Full text: Rotkäppchen

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vor die Flinte kommt, dann brenne ich ihm 
eins auf das FeII, dass er tot umfällt 
und alle Viere von sieh streckt. (Er 
stellt sich innerhalb der Küche vor die 
Türe auf die Lauer und horcht gespannt. 
Der WOLF gibt einen lauten Schnarcher 
von sich) Das Geräusch kommt garnicht von 
draussen, das kommt hinter dem Bettvor- 
hang her. Da sägt niemand Holz, da 
schnarcht jemand. Aber das kann doch die 
Grossmutter nicht sein, das ist ein Kerl! 
Das ist vielleicht ein Räuber. (Er geht 
leise zun Bett und zieht den Vorhang zu- 
rück) Da liegt ja der Räuber. Der Kerl 
hat aber vier Beine. Na, warte du 
Schuft, das soll dein letzter Schlaf 
sein. (Er will abdrücken) Langsam, lang- 
sam, Jäger, halt deine Gedanken zusammen. 
Mach jetzt keine Dummheiten! (Er hebt die 
Bettdecke hoch und befühlt den Bauch des 
Wolfes) Donnerwetter, ist der vollgefres- 
sen! (WOLF schnarcht) Ja, mein Freund- 
chen, das glaube ich, dass du schlafen 
musst nach so einer Mahlzeit. Das war ein 
Stück Arbeit. Gleich zwei auf einmal. 
Halt, da fühle ich ganz deutlich einen 
Kinderarm, wahrhaftig der bewegt sich, 
das Kind ist noch ganz munter. Aber was 
ist denn das für ein Höcker? (Lacht) Das 
ist wohl die Nase von der Grossmutter. 
Hab garnicht gewusst, dass die Grossmut- 
ter so einen Vorsprung im Gesicht hat. 
Man muss halt alles mit der Hand begrei- 
fen, bis man es begreift, und die Gross- 
mutter habe ich noch nie an der Nase ge- 
zupft. Sie atmet auch noch. Was für ein 
Glück, dass ich nicht geschossen habe, 
dann hätte ich sie bestimmt getroffen, 
und sie wären nicht mehr am Leben. Ja,
	        

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