Full text: 400 Jahre Landesbibliothek

Wiederaufbauarbeit zu bewegen. Oehler erschien aufgrund seiner Erfahrungen 
als Leiter des zweimaligen Wiederaufbaues der Universitätsbibliothek Löwen für 
das Expose besonders qualifiziert. Gespräche mit dem Börsenverein des Deut 
schen Buchhandels in Leipzig wegen der Einrichtung einer Einkaufsgesellschaft 
„Landesbibliothek Kassel“ führten zu der Erkenntnis, daß man diesen Weg 
angesichts der kriegsbedingten Situation nicht beschreiten könne. 
Die Aussagen des Coudres finden sich in einem umfänglichen Gutachten 
des Kulturdezernenten des Bezirksverbandes vom 20. 11. 1941 wieder, das unter 
anderem Grundlage für eine Besprechung am 19. 1. 1942 beim Oberpräsidenten 
von Hessen-Nassau war. 8 Direktor des Coudres war wegen der besonderen 
Umstände von Anfang Januar bis Mitte April 1942 in Kassel auf Arbeitsurlaub, so 
daß er die wichtigeren Gespräche miterleben und beeinflussen konnte. 
Grundaussage der verschiedenen Berichte Landesbibliothek und Landes 
hauptmann (Bezirksverband) des Regierungsbezirks Kassel war, in Nordhessen 
müsse neben der Universitätsbibliothek Marburg die Landesbibliothek Kassel als 
wissenschaftliche Bibliothek fortbestehen. 
Kernstück der wiederaufgebauten Bibliothek sollte der gerettete Besitz 
der Landesbibliothek sein, der, obwohl zahlenmäßig nicht groß, gerade die 
wertvollsten Bestände der „alten“ Bibliothek umfaßte. Man erwartete nicht die 
Wiederbeschaffung der vernichteten Bücher in toto, sondern strebte eine 
Spezialisierung der „neuen“ Landesbibliothek unter Erhalt ihres Charakters als 
einer Universalbibliothek an. 
Zusätzlich zu der Verpflichtung zur Sammlung der landeskundlichen 
Literatur aus und über Kurhessen erwartete man vom Reich die Zuweisung 
besonderer weiterer Sammelverpflichtungen (z. B. Sammelschwerpunkt Brüder 
Grimm). Dadurch sollte die neue Bibliothek einen ebenso großen Bekanntheits 
grad gewinnen wie die alte. 
Daneben sollte sofort ein Bibliotheksneubau oder der Erwerb eines 
geeigneten Altbaues trotz der übergangsweisen Unterbringung in angemieteten 
Räumen abgesprochen werden. Die Personalausstattung der Bibliothek war über 
das Minimum der vergangenen Jahrzehnte hinaus besonders im Blick auf die 
Anstrengungen des Wiederaufbaues großzügig zu bemessen. 
Waren diese Vorstellungen nicht zu realisieren, dann sollten die geretteten 
Bestände der Landesbibliothek an die Stadt Kassel übergeben werden mit der 
Verpflichtung, mit der Murhardschen Bibliothek der Stadt Kassel nunmehr auch 
die Aufgaben einer Landesbibliothek wahrzunehmen. Damit wurde erneut die 
bereits 1938 aufgeworfene Frage eines evtl. Organisationsgefüges Landesbiblio 
thek Kassel und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel zur Diskussion gestellt. 
Die Stadt Kassel wie die Aufsichtsbehörde für die Kommunen und 
Stiftungen im Regierungsbezirk wandten sich gegen die erneute Erörterung eines 
etwaigen Zusammenschlusses von Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek 
der Stadt Kassel. Die seinerzeit geführte Diskussion sei eine abschließende 
Aussprache gewesen, die auch alle möglichen Aspekte einer evtl. Organisations 
verknüpfung berücksichtigt habe. Die Stadt Kassel sei nur Träger dieser einen 
Kultureinrichtung, die zugleich noch eine Stiftung sei, die man nicht einfach 
aufkündigen könne. 
Auf Vorschlag von Direktor des Coudres kam es zu einem Ersuchen des 
Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau beim Reichsminister für Wissen 
schaft, Erziehung und Volksbildung um Erstellung eines Gutachtens über die 
Neuordnung des Bibliothekswesens im Regierungsbezirk. Der beauftragte 
Reichsbeirat für Bibliotheksangelegenheiten betraute mit dieser Aufgabe eine 
Kommission, die aus den Herren Prof. Dr. Becker, Erster Direktor der 
Preußischen Staatsbibliothek, Prof. Dr. Hartmann, Direktor der Universitätsbi 
bliothek Göttingen, und Dr. Heiligenstädt, Oberschulrat und Leiter der Reichs 
stelle für Volksbüchereiwesen bestand. 8 
Die Zusammensetzung der Kommission muß als glücklich bezeichnet
	        

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