Full text: 400 Jahre Landesbibliothek

das Rokoko hinauswagte, ja meist besonders gern in der Beweglichkeit und den 
Galanterien vorklassischer Formgestaltung und Ausdrucksfreiheit sich erging, 
rückt heute gerade jene Übergangsepoche vom Barock zum Rokoko immer stärker 
in den Vordergrund, die uns vielleicht besonders anzieht, weil sie unserer eigenen 
Sehnsucht von der Grenzenlosigkeit und dem Übermaß des Empfindens zu einer 
reineren abgeklärteren schlichteren Art des Fuhlens ein wenig Weg und Richtung 
zu weisen vermag. (K. N. N. 13. 1. 1932.) 
Strucks Stil der Konzertkritik sei demonstriert an der Rezension eines 
Konzertes der staatlichen Kapelle im April 1932. Robert Laugs, vielen Kasselä- 
nern unvergeßlich, dirigierte ein Stück eines Herrn Ambrosius, heute völlig 
unbekannt, Beethovens Eroica und dazwischen das 1. Klavierkonzert von 
Beethoven. Solist war Wilhelm Kempff. In der Kritik vom 16. 4. 1932 
(K. N. N.) heißt es: ... spielte Wilhelm Kempff... das zierliche, formenschöne, 
elegante, musizierfrohe C-Dur-Klavierkonzert von Beethoven. Eigentlich sollte 
Edwin Fischer spielen; da er offenbar verhindert war, erschien der ihm wesensver 
wandte Künstler, mit dem er vielfach zusammen musiziert hat. Die Feinheit und 
Delikatesse des Anschlags, Schliff, Glanz und Glätte der Passagen, die Brillanz 
und das wundervolle Ebenmaß der Gestaltung, die souveräne Überlegenheit einer 
unbeirrbaren Musikalität, überhaupt die ganze kluge geistvolle faszinierende Art 
höchst kultivierten Musizierens, wie sie Kempff eigen ist, dürfte kaum noch zu 
überbieten sein. Gelegentlich droht sie sich wohl schon ins Virtuose zu verlieren, 
aber sie ist so untadelig vornehm und edel in der Führung wie in der orchestralen 
Einfühlung, von so beschwingter Freiheit und kristallener Klarheit, Leichtigkeit, 
Empfindlichkeit, Anmut und Unfehlbarkeit, daß sie ganz neue ungeahnte 
Schönheit und Poesie auch über die konventionellen Manieren des gefälligen 
Werkes breitet... Besser kann man das uns heute noch wohlbekannte Spiel des 
Pianisten nicht umschreiben. Es war dies übrigens das letzte Saisonkonzert, 
Musiker wie Publikum empfanden die Aufführung von Beethovens 3. Sinfonie 
durchaus als etwas Proklamatorisches, als eine Art Durchhalteappell in diesen 
schweren Zeiten. Die Wirkung muß elementar gewesen sein. 
Nach dem Kriege und nach seiner Rückkehr nach Kassel hat Struck seine 
Kritikertätigkeit wieder aufgenommen; er arbeitete in diesem letzten Lebensjahr- 
zehnt im Bärenreiter-Verlag. Der Bildteil der Enzyklopädie „Musik in 
Geschichte und Gegenwart“ ist, was die ersten 6 Bände betrifft, sein Werk. Seine 
Art von Bildungspolitik betrieb er mit dem Musica-Kalender, den er bis 1958 
betreute. Nicht auf Ansprache zu warten, sondern selbst anzusprechen, ist des 
Bibliothekars bester Teil.
	        

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