Full text: 400 Jahre Landesbibliothek

Literatur Rudolf Erich Raspe (1736-1794) 
Andrea de Nerciat (1739-1800) 
Bibliothekare sind nicht nur „Litterateure“, Biographen, Bibliographen, 
Historiker gewesen, sondern gelegentlich auch Produzenten von Literatur. Zwar 
können wir in Kassel nicht wie in Wolfenbüttel mit einem Leibniz, einem Lessing 
aufwarten, sondern allenfalls mit einem Herausgeber von Leibniz, einem 
Übersetzer von Lessing, was durchaus diese Bibliothek im Vergleich zu jener an 
den richtigen Ort rückt, aber immerhin ist in Kassel unter den Händen der 
Brüder Grimm sozusagen die Germanistik entstanden und als Gegenstück zu 
jener exakten Philologie von einem ehemals kasselschen Bibliothekar, wenn auch 
nicht in Kassel, sondern im fernen England, der andere Pol, nämlich der 
„Münchhausen“. Ferner haben wir noch einen Bibliothekar vorzuweisen, dessen 
Werke unter den Freunden galanter Literatur hoch gehandelt werden: einen 
Franzosen nämlich. Seine Bibliographie ist ein Glanzpunkt des „Hayn-Goten 
dorf“. Sonst gibt es nur ein paar Naturgedichte, die die Titelseiten von 
Heimatzeitschriften zieren. 
Beginnen wir mit RUDOLF ERICH Raspe (* 1736 Hannover, Studium 
Göttingen, 1759 dort Bibliotheksschreiber, 1764 Bibliothekssekretär Hannover, 
1767 Professor der Altertümer am Collegium Carolinum in Kassel, daneben 
Aufseher des fürstlichen Antiquitäten- und Münz-Kabinetts, 8. 1. 1771 dazu 
2. Bibliothekar LB Kassel, 1774 im Aufträge des Landgrafen zwecks Erwerbes 
von Altertümern nach Italien geschickt, vom Wege nach Berlin, wohin er Frau 
und Kinder bringen wollte, Rücksendung der Schlüssel zum Medaillen-Kabinett 
an den geheimen Rat Schmerfeld, daraufhin Anordnung, sofort zurückzukehren 
zur ordnungsgemäßen Übergabe des Kabinetts, Aufdeckung von Unterschlagun 
gen von Münzen, Flucht Raspes, Inhaftierung in Clausthal, Flucht 21./ 
22. 3. 1775 nach England, Bergwerksangestellter in Cornwall, mineralogische 
Forschungsreise nach Irland, f 1794 Muckross/Irland.) 
Wenn eines Mannes Bild in der Geschichte schwankt, so ist es das von 
Rudolf Erich Raspe. Strieder behandelt ihn ausführlich, aber unsachlich und 
gehässig; die ADB führt ihn bezeichnenderweise unter dem Stichwort „Münch 
hausen“, und nicht viel anders steht es bei den übrigen biographischen Werken. 
Pongs, der Kassel immerhin durch seine Hildebrandlied-Dissertation verbunden 
ist, spricht von einem R. E. Raspe, der die Münchhausengeschichten herausgege 
ben habe. Neben anderen sind es vor allem Arbeiten der Kasseler Bibliothekare 
Albert Duncker und Karl Scherer Ende des vorigen Jahrhunderts, die sich 
unvoreingenommen und philologisch getreu mit den Raspe-Materialien befassen, 
was durchaus nahelag, denn in der Handschriftenabteilung werden fast 700 Briefe 
an Raspe aufbewahrt, die er bei seiner überstürzten Flucht aus Kassel hier 
zurücklassen mußte. In diesem eminent bedeutsamen Konvolut befinden sich 
Briefe nahezu aller geistesgeschichtlich herausragenden Persönlichkeiten der Zeit. 
Erst in neuerer Zeit haben wichtige monographische Arbeiten (Hallo, Carswell, 
Dawson) das schillernde Bild Raspes zurechtzurücken versucht. Immer noch ist 
sein Name unauslöschlich mit jener Unterschlagung im Münzkabinett des 
Landgrafen Friedrich II. verbunden, die er, wie wir wissen, aus Finanznot 
beging. Von den 1 000 Talern jährlich, die er, von Strieder neidvoll konstatiert 
(Strieder 11,223), für seine diversen Tätigkeiten in Kassel erhielt, hat er nicht 
allzuviel gesehen. 
Raspe gehörte, auch wenn er diesen Diebstahl nicht begangen und den 
Münchhausen nicht geschrieben hätte, ohne Zweifel zu den interessantesten
	        

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