Full text: 400 Jahre Landesbibliothek

Wigand Gerstenberg: Landeschronik von 
Hessen und Thüringen (um 1500). 4°Ms- 
.hass.115, 46 r . Der Bau von Fritzlar und 
Amöneburg 
45 v . Der Bau des Stiftes Hersfeld 
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berg“, beendet 1506. Die Kasseler Bibliothek besitzt beide Autographe neben 
einigen jüngeren Abschriften, Auszügen und Bearbeitungen. Das Werk wurde 
früh populär, und es erschienen immer wieder Drucke der unterschiedlichsten 
Redaktionen. Auch Kuchenbecker druckte in seinen „Analecta“ Auszüge ab, 
hatte aber bei der Wahl der Vorlage nicht die glücklichste Hand, da er sich auf 
eine spätere Frankfurter Handschrift stützte, die schon gewichtige Spuren einer 
Bearbeitung aufwies. Aber immerhin ist es löblich, daß er die Frankenberger 
Stadtchronik überhaupt wieder bekannt zu machen suchte, denn es ist zwar nach 
dem Bericht des berühmten Herrn Struvens in bibliotheca historica dieses 
Chronicon zu Heidelberg im Jahre 1619 in F. bereits gedruckt worden; weilen sich 
aber sothane Edition dermassen rar gemacht, daß ich aller angewendeten Mühe 
ohnerachtet selbige niemahls zu Händen bekommen können, so habe ich mich 
eines Manuscripti bedient, welches von Herrn Rath Senckenberg mit dreyen 
anderen conferiret und mir güthigst mitgetheilet worden. (Analecta, Coli. 5, Vorr. 
S. 2.) Mit der Vorlage von Kuchenbeckers Druck der Landeschronik (Analecta 
Coli. 3, S. 1-70) sieht es nicht viel besser aus. 
Wigand Gerstenberg schrieb für seine Landeschronik 42 lateinische und 
deutsche Vorlagen aus, und zwar exzerpierte er, sklavisch an diesen Texten 
hängend. Daß er meist seipe Quellen nennt, ist für den Philologen und 
Historiker, der die Entstehung des gerstenbergischen Textes verfolgen will, eine 
große Hilfe, spricht aber nicht unbedingt für seine Selbständigkeit. Da er nur 
wenig Eigenes hinzufügt, kann man das Werk in seine Bestandteile zerlegen, wie 
Hermann Diemar in seiner Gerstenberg-Ausgabe feststellt (Die Chroniken des 
Wigand Gerstenberg von Frankenberg. Bearb. von Hermann Diemar. Marburg 
1909. [Veröff. der Hist. Kom. für Hessen und Waldeck. 7, 1.]). Das ist dann auch 
einer der Gründe, warum diese Landeschronik so wertvoll ist: Gerstenbergs 
Zitate sind oft die einzigen Hinweise auf die ehemalige Existenz älterer 
Chroniken, von denen sich sonst keine Spur erhalten hat, etwa der „Hessenchro 
nik“ oder der hessischen Chronik des Johann Riedesel (bezeugt für 1232-1327). 
Mit dem Wahrheitsgehalt der Chroniken ist es nicht gut bestellt: Ob nun gleich 
nicht zu leugnen, daß in dieser Chronick viel irriges und fabelhafftes in den alten 
Zeiten vorkomme, in dem das mehreste aus dem Engelhusen, Vincentii Speculo 
Historico, dem Fasciculo, und anderen hergenommen: so ist aber jedoch nach der 
Beschaffenheit und Einsicht der damaligen Zeiten alles zu heurtheilen. Dann man 
bekümmerte sich nicht, ob diese oder jene Erzehlung von einem gleichlebenden, 
oder viele hundert Jahre darnach schreibenden Geschichtsschreiber herrühre, und 
ob sie mit den Regeln der Wahrscheinlichkeit übereinkäme oder nicht, sondern je 
wunderlicher dieselbe den Leuten schienen, desto Anmerckungs-würdiger wurde 
dieselbe gehalten, und andern wahrhafftigen historischen Wahrheiten weit 
vorgezogen. (Monimenta hassiaca. Hrsg, von F. Ch. Schmincke. T. 1. 1747, 
Vorr. S. 12/13.) Die Landeschronik ist ihm dann Vorlage für seine Stadtchronik 
von Frankenberg. Bewahrt Gerstenberg in seiner Landeschronik wenigstens 
einigermaßen getreu Aussagen älterer Geschichtsquellen, ist sie also wenigstens 
im philologischen Sinne korrekt, so ist seine Frankenberger Chronik böse 
Geschichtsklitterung. Alles, was nicht aus Vorlagen stammt, ist frei erfunden, 
allerdings ad maiorem oppidi gloriam, er wollte eben, daß Frankenberg auch eine 
ansehliche Geschichte erhielte. Während er die Landeschronik für Landgraf 
Wilhelm III. (f 1500) schrieb, gewiß auch, weil er sein Land liebte, aber 
sicherlich, weil er seinem Landesherrn, den er persönlich gut kannte und für den 
er die Handschrift bestimmte, angenehm sein wollte, so schrieb er die Stadtchro 
nik seiner Vaterstadt zu Ehren. Für beide aber gilt jenes Wort aus Mach. 2, 51, das 
er zunächst in Latein, dann in Deutsch seiner Landeschronik voranstellte: Ir 
sollet gedencken der wercke der veter, welche sie gethan haben in iren geberden 
oder gezeiten, und so werdet ir empfangen grosse ehre. 
Um die Kasseler Lokalgeschichte hat sich in besonderem Maße Hugo 
Brunner verdient gemacht (* 24. 9. 1853 Gudensberg, 1877 Lehrer an der 
146
	        

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