Full text: 400 Jahre Landesbibliothek

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abhanden gekommen; und auch ein gewisses Taktgefühl. Auspfeifen! (UA Halle, 
PA Heldmann, Briefauszüge, Bl. 22 u. 24. Zitat nach H. Meier.) 
Daraufhin Hausdurchsuchung in Kassel und Halle, in Heldmanns Fall 
Suspendierung, Verurteilung wegen Majestätsbeleidigung, Gehaltskürzung, wis 
senschaftliche und persönliche Diskriminierung, letzteres weit über das Kriegs 
ende hinaus; damit Zerstörung seiner akademischen Karriere, einmal ganz 
abgesehen vom persönlichen Leid. An den Herren Kollegen war der politische 
Umschwung ideologisch spurlos vorübergegangen. 
Es entbehrt nicht der Tragikomik, wie Heldmann in den verschiedenen 
Straf- und Disziplinarverfahren versucht, dieses ominöse Wort reinzuwaschen; er 
fährt das ganze Geschütz von Dialektwörterbüchern und Gutachten von 
Fachgelehrten auf, um zu beweisen, daß ,das Mensche' in Kassel ein Dialektwort 
ohne jeden diskriminierenden Beigeschmack sei, füglich also auch eine Kaiserin 
nicht beleidige. Ein lächerlicher Anlaß, aber welche Folge von Denunziation, 
Mißgunst, Heuchelei! Natürlich waren auch Heldmanns nicht eben preußen 
freundliche Haltung bekannt, seine Kriegsgegnerschaft, seine gewiß etwas 
idealistischen Vorstellungen von einer Erneuerung des Reiches auf der Grundlage 
der Gleichberechtigung und gegenseitigen Achtung aller Stämme, Parteien, 
Organisationen, aber diese Überreaktion war wohl nur zu verstehen aus der 
Furcht einer in die Enge getriebenen Herrscherclique. Der Druck war schwer zu 
ertragen, ... der seit Jahrzehnten,.. mit zunehmender Schwere auf unserm 
Volksleben lastete und durch absolute Beherrschung der Presse und Publizistik ... 
die öffentliche Meinung vollkommen nach den Bedürfnissen und Absichten der 
kaiserlichen Regierung bzw. der hinter ihr stehenden dynastischen und militäri 
schen, großkapitalistischen und schwerindustriellen Interessengruppen gestaltete 
und alles und jedes selbständige Denken durch seine pseudopatriotischen Schlag 
worte zu ertöten suchte... (a. a. O. S. 58). Und der sonst so korrekte, fast etwas 
trockene Heldmann, dessen Schicksal sich wenige Jahre später potenziert an 
anderen und unter anderen Vorzeichen wiederholen sollte - das war zu viel für 
ihn, er ging! - bricht aus: Ach, das war ja gerade der Jammer, daß wir vom 
,Andern Deutschland‘ mit gebundenen Händen und verschlossenem Munde, ohne 
jeden Einfluß, dabeistehen und offenen Auges Zusehen mußten, wie unser armes 
Volk und Vaterland systematisch dem Abgrund zugetrieben wurde! Da sollte 
einem nicht die Galle übergehen! (a. a. O. S. 81). Immer hatte er versucht, Lehre 
und Forschung auf der einen, politische Gesinnung auf der anderen Seite korrekt 
auseinander zu halten - das Katheder ist nun einmal kein Parteirednerpult-, aber 
gegen Gesinnungsschnüffelei war er machtlos. 
Zurück zur Wissenschaft. Was so rechts und links neben seiner Marburger 
Dissertation auf der Strecke blieb - Trauma aller Schreibenden -, arbeitete 
Heldmann im Laufe der Zeit auf, schrieb über das Marburger Spital St. Elisabeth 
und die Anfänge des Deutschen Ritterordens, „Hessen auf der Schwelle zur 
Neuzeit“ (1933), „das akademische Fritzlar im Mittelalter“ (1927), „Fritzlarer 
annalistische Aufzeichnungen eines Kasseler Kodex“ (1929) usf. 
Das historisch-überregionale Element in seinen Arbeiten überwiegt 
jedoch. Nicht viel Glück hatte er mit seinen 1905 und 1906 erschienenen Arbeiten 
über die Deutung der Rolandsbilder, jener Bildsäulen auf Marktplätzen vornehm 
lich Norddeutschlands (z. B. Bremen, Halberstadt, Quedlinburg). Es ist und war 
seit je umstritten, was sie darstellen sollten: Waren sie Rechtswahrzeichen, also 
wie Marktkreuze Sinnbilder für Markt- und Handelsfreiheit, Darstellung mytho 
logischer Figuren, Geschichtsbilder oder, wie Heldmann es vertrat, Spielfiguren, 
steingewordene Akteure mittelalterlicher Spiele. Die Fachkritiker (v. Below in: 
Hist. Zs. 101, 621/2, Stein in: Hansische Gesch.-Blätter 1906, 139ff. etc.) 
anerkennen zwar Heldmanns Gelehrsamkeit, Teilergebnisse kulturgeschichtlicher 
Art, besonders hinsichtlich der Trachtengeschichte, verwerfen aber völlig sein 
Hauptergebnis, die Spielfigurentheorie. Es bleibt zu vermelden, daß heute die 
Theorien der Kritiker ebenfalls verworfen werden, die in den Rolandsfiguren
	        

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