Volltext: Zeitungsausschnitte über sonstige Veröffentlichungen

-nicht erfüllt habe. Wenn der Mi-uster des Innern seine Stellung 
an das Schicksal des vorliegenden Gesetzentwurfes knüpfte, so gehe 
dies die Opposition nichts an, sondern sei es nur eine Mahnung 
an die Rechte, zwischen dem Bleiben des Ministers uub der Ableh 
nung des Wahlgesetzes zu wählen. 
Redner behauptet sodann, die vom Reichstage seit 1869 ge 
schaffenen 154 Gesetze seien ein Labyrinth, in welchem die Confu- 
sion als Minotaurus ihren Sitz aufgeschlagen hat. Diese Gesetze 
enthalten sehr wenig liberale Verfügungen und die etwa vorhan 
denen seien nur der Opposition zu verdanken, denn die Rechte sym- 
pathisire mit der Reaction und unterdrücke alle liberalen Maßregeln. 
Die angeblich in der Bildung begriffene Reformpartei möge dies 
wohl überlegen, überhaupt sei auf Grund der Ausgleichsgcsetze von 
1867 keine liberale Reform möglich. Varady spricht ferner 
die Ansicht aus, daß ein Abgeordneter seine Ueberzeu 
gung nicht wechseln darf, ebenso wie kein Pfarrer heute 
aus der Bibel, morgen aus dem Talmud, übermor 
gen aus dem Koran predigen dürfe. Bezüglich der gestrigen Exp ec - 
lorationen des Abgeordneten Schwarz behauptet Redner, es sei 
diesem Abgeordneten so gegangen, wie dem tauben Musikanten im 
Orchester, der selbst falsch spielte und dabei doch meinte, das 
Orchester mache die Fehler. Schwarcz halte nur sein Programm, 
seinen eigenen Antrag für untrüglich. Dies sei die Zukunftsmusik 
der Reformpartei. Schließlich kehrt Redner zu der Behauptung 
zurück, die Regierung habe die in der Thronrede enthaltenen Ver 
sprechungen nicht erfüllt, und wenn der jetzt vorliegende Wahlgesetz- 
Entwurf ein Fortschritt sein solle, möge Ungarn seine heiligsten 
Gesetze verbrennen und jede Erinnerung an die glorreiche Ver 
gangenheit der Nation vernichten. Er gibt sein Votum für Tisza's 
Antrag ab. 
Julius Schwarz erklärt in persönlicher Bemerkung, er könne 
es nicht schweigend hinnehmen, daß Varady's Anspielung auf das 
Renegatenthum mancher Abgeordneten auch aus ihn gemünzt war; 
Varady könne unmöglich nachweisen, daß Redner auch nur einem 
Buchstaben seines Wahlprogramms untreu geworden sei. 
Desid. Szilagyi constarirt zunächst, daß die drei oppositio 
nellen Anträge auf Ablehnung des Wahlgesetzentwurfes weit aus 
einandergehen, und daß der Antrag des Abgeordneten Schwarz noch 
die gesundeste Basis habe. Trotzdem hält er auch diesen für unan 
nehmbar, da eine definitive Regelung des Census und der Wahl 
srage nur nach erfolgter Richtigstellung des jetzigen mangelhaften 
Katasters möglich sein wird. Hinsichtlich der Eintheilung der Wahl 
bezirke gibt er zu, daß sie viel zu wünschen übrig lasse, 
doch werde man, wenn deren Regelung einst an die Reihe kommt, 
nicht blos die Zahl der Einwohner zur Grundlage nehmen können. 
Hinsichtlich der siebenbürgischen Abgeordneten sei der Percentsatz der 
selben durch das Fundamentalgesetz von 1848 festgestellt worden; 
würde man nun Tisza's -Antrag annehmen, so iuvolvirte dies eine 
Verletzung der Principien des erwähnten Gesetzes. Redner tadelt 
an Tisza's Antrag, daß derselbe nur von den Wählern auf dem 
Lande spricht, die städtischen Wähler aber gar nicht berück 
sichtigt. Wenn Tisza's Behauptung, daß die Zeit für die Ein 
bringung des Wahlgesetzes schlecht gewählt worden sei, wahr 
wäre, und wenn man dies als Fehler anerkennen müßte, so wäre 
dieser Fehler den Anträgen Tisza's und Jranyi's ebenso eigen, 
wie der Regierungsvorlage. Der Grundbesitz-Census sei in der 
Regierungsvorlage viel gerechter und genauer umschrieben, als in 
Tisza's Antrag und ganz unbegründet sei der von Tisza erhobene 
Vorwurf, daß die Regierungsvorlage das Stimmrecht der klei 
nen Gewerbetreibenden im Vergleich zum Gesetze von 1848 
beschränke. Die Einkommensteuer wird bei den Gewerbetreibenden 
nach der Wohnuugsmicthe berechnet, die sie zahlen und entspricht eine 
Miethe von 52 fl. 50 kr. dem in der Regierungsvorlage vorgeschla 
genen Einkommensteuer-CensuS von 10 fl. 50 kr. Nun fei es aber 
kaum denkbar, daß ein Gewerbetreibender, der mit einem Gehilfen 
arbeitet — dies ist nämlich nach dem Wahlgesetze von 1848 die 
Bedingung des Stimmrechts — weniger als 52 fl. 50 kr. an 
Wohnungsmiethe jährlich zahlen sollte. Die nächste Wählerconscrip- 
tion würde zeigen, daß das neue Wahlgesetz das Stimmrecht nicht 
beschränkt, denn die Listen werden gewiß eine größere Zahl von 
Wählern aufweisen, als die Conscription von 1869, obgleich man 
damals bekanntlich nicht sehr rigoros vorging. 
Mit Bezug auf Jranyi's Antrag bespricht Redner sodann das 
allgemeine Stinnnrecht, mit dessen Einführung er nicht einver 
standen ist, weil das Volk in diesem Falle einzelnen Füh 
rern folgt, diese Führer aber nicht immer in die Reihe 
der vernünftigsten Männer gehören. Natürlich würde dann auch auf 
die Intelligenz blutwenig Rücksicht geuolnmett und ein auf Grund-' 
loge des allgemeinen Stimmrechtes gewähltes Parlament wäre in 
intellectücller Beziehung kein erfreulicher Anblick. Redner erkennt 
die Berechtigung der Demokratie anf'eiue überstürzte Einführung demo 
kratischer Institutionen würde aber eben in Ungarn sehr bedauer 
liche Folgen haben, weil bei uns die ehemaligen aristokratischen Ein 
richtungen noch mit fast allen Verhältnissen des socialen Lebens eng 
verflochten sind. Führte man bei uns das allgemeine Stimmrecht 
ein, so würden die gebildeten Elemente sich vom politischen Schau 
platz, wo nur mehr der wüste Lärm der ungebildeten Masse den 
Ausschlag gäbe, unwillig zurückziehen. Redner kritisirt noch einige 
andere Punkte des Jranyi'schen Antrages und gibt schließlich sein 
Votum für den vorliegenden Gesetzentwurf ab. (Lange anhaltender 
lebhafter Beifall rechts.) 
Koloman Ghyczy kehrte sich zunächst gegen den Abgeordneten 
Schwarz, dessen Antrag er verwirft, weil aus der Motivirung des 
selben selbst die Berechtigung der tyrannischen Herrschaft asiatischer 
Despoten abgeleitet werden könnte. Ueberhaupt müsse Redner zu 
dem Antrage des Abgeordneten Schwarz die Bemerkung machen, 
daß der schlichte, einfache Menschenverstand oft Dinge sieht und 
begreift, die selbst der größten Gelehrsamkeit ewig verborgen bleiben. 
Gegen Szilagyi gewendet, bemerkt Ghyczy, eine Widerlegung der 
soeben gehaltenen langen Rede würde ein ganzes Buch 
geben; Redner beschränke sich deßhalb blos auf die Be 
leuchtung einiger Behauptungen. Szilagyi gab zu, daß die 
größten Anoinalien bezüglich der Wahlfrage in Siebenbürgen vor 
kommen und obgleich der Gesetzentwurf diese Anomalien nicht be 
seitigt, hat Szilagyi doch für den Gesetzentwurf gestimmt. Dies 
charakterisire den Werth sämmtlicher Argumente Szilagyi's znr Ge 
nüge. Die vom Vorredner erwähnten Steuerdaten führen zu ganz 
anderen Resultaten als Szilagyi glaubt, und was das Ergebniß 
der nächsten Wähler-Conscription anbelangt, dürfe man bei einer 
eventuellen Vergleichung mit den Ergebnissen von 1869 nicht fra 
gen, wie viel Wühler damals conicribirt wurden, sondern wie viel 
Wähler berechtigt gewesen wären, sich nach dem Wahlgesetze von 1848 ein 
schreiben zu lassen. Bei diesem Vergleiche würde man erst sehen, 
wie viele Wähler in Folge des neuen Wahlgesetzes ihr Stimmrecht 
verlieren werden. Die Regierung besitzt wol die zur Durchführung 
ihrer Vorlage erforderlichen Daten; diese genügen aber auch zur 
Durchführung des von Tisza gestellten Antrages, mithin ist diese 
Datenfrage kein Argument gegen Tisza's Antrag. Besitzt aber die 
Regierung diese Daten nicht, so war es ein sträflicher Leichtsinn, die 
Regierungsvorlage jetzt einzubringen. Redner stimmt demgemäß für 
Tisza's Antrag. 
Demeter BoncS, vor Kurzem im Araber Comitate gewählt, 
verwirft den Gesetzentwurf, weil er daraus die Folgerung ziehen zu 
müssen glaubt, daß inan die Rmnäucn Siebenbürgens noch immer 
nicht in die Schranken der Constitution aufnehmen will. 
Csiky endlich rcproducirt die banalen Einwendungen der 
äußersten Linken gegen den Gesetzentwurf. 
Minister-Präsident Graf L o n y a y überreichte hierauf das von 
Sr. Majestät sanctiouirte Budgetgesetz für 1872 und nachdem das 
selbe promulgirt worden war, erfolgte um V 4 4 Uhr der Schluß der 
Sitzung. 
Achwchcrische LiiiiderrkMon. 
Bei der Revision der Schweizer B u n d esv er f a s- 
sn n g hatten sich zwischen dein Standerathe und dem National- 
rathe ernste Differenzen über die Frage der Rechtseinheit gebil 
det. Der Ständerath erklärte sich einverstanden mit denr Rational 
rathe bezüglich der Nni ficati ou des Civilrechts- und des 
Verfahrens, mit zwei Zusätzen: bis zum Erlaß bezüglicher 
Bundesgesetze bleibt das Gesetzgebungsrecht der Cantone in Kraft 
und die Rechtsprechung verbleibt. Heu Cantonen, vorbehalten die 
Competenzen des Bundesgerichts. Mit dem ersten dieser Zusätze 
erklärte sich die nationalräthliche Commission einverstanden, dagegen 
beantragte sie Streichung des zweiten. Die Bnndeskvnipetenz im 
Strafrecht und Strasproceß hatte der Ständerath gestrichen; die 
nationalräthliche Commission beaniragte Festhalten auch an dieser 
Nnisications-Competenz mit dem weiteren Beifügen, daß in Straf 
sachen das Institut der Jury gewährleistet sein solle. 
In dem Berichte zur Begründung dieses Antrages hieß es: 
Die Cantonalgesehgebung muß vorbehalten bleiben, bis die ent 
sprechenden BnndeSgesetze successive in Kraft treten; eine Lücke in 
der Gesetzgebung darf nickt eintreten. Der Vorbehalt der cantona- 
len Rechtsprechung, so weit dieselbe _ nicht an das Bundesgericht 
übergeht, ist ein Pleonasmus und besagt mit anderen Worten: die 
Rechtsprechung bleibt den Cantonen, so weit sie ihnen nicht ent 
zogen wird. Die Competeuz des Bundes in Strafsachen 
ist eine nothwendige Conseqlleüz des Pnncips^dsr 
Rechtseinheit; abgesehen davon, daß eine Reinigung des Straf 
rechts vom Standpunkte der Humanität und der Rechtsgleichheit 
nöthig ist, ist die Vereinheitlichung desselben auch eine 9lochwen 
dig ke st, wenn die freie Niederlassung) n r Wahrheit 
werden soll. Die Garantie der Jury ist wn Zugeständmß 
an Diejenigen, welche fürchten, daß die eidgenössische Strasproceß 
Gesetzgebung das Institut der Jury, diese politische Errungenschaft, 
da wo dasselbe echstirt, beseitigen könnte. 
In der Debatte über diese Anträge im Nationalrathe beantragt 
E s ch e r, daß der die Jury betreffende Satz dahin redigtÄ werde, 
daß der Bund nur, sofern er von der Competenz der Vereinheitli 
chung des Strafrechts Gebrauch mache, das Institut der Geschwornen 
gewährleiste. Die Commission nahm die Redaction Escher zum Passus 
über die Jury an. 
Der stäuderäthliche Satz, daß die Cantonal-Gesetzgebuiig fort-« 
dauere bis zum wirklichen Erlaß der Bundesgesetze, war nicht be 
stritten. Eventuell wurde der Zusatz, betreffend die Jury, mit großer 
Mehrheit angenommen. Mit diesem Amendement wurde die Com 
petenz deS Bundes zur Gesetzgebung auch in Strafsachen mit 6$ 
gegen 31 Stimmen festgehalten. Der Vorbehalt der cantonalew 
Rechtsprechung wurde, entgegen dem Antrage der Commission, nach' 
dem Beschlusse des StäuderatheS mit 48 gegen 43 Stimmen 
angenommen. „ , „ r nr 
Die letzte Differenz im ersten Theile der Verfass img ergab sich 
zwischen beiden Räthen bei Artikel 64 gegen die Jesuiten und 
die Klöster. Der Lttänderath strich dm Zusatz des Nationalraths- 
Beschlnfses, betreffend die Klöster. die Commission des National 
raths beantragte Beharren beim ersten Beschluß. In der Abstim 
mung wurde das Verbot der Errichtung neuer Klöster mit 
47 gegen 38 Stimmen festgehalten. 
Weitere Differenzen zwischen den Räthen hatten sich heraus 
gestellt beim Referendums-Artikel. Der Ständerath hatte die 
Facultät der Bundesversammlung, ans Volk zu gelangen, gestrichen 
und das Deschlnffes-Referendum beschränkt auf eine Kategorie von 
Finanzbeschlüsfm. Die Commission beantragte in.ihrer Mehrheit 
Festhalten am ersten Beschluß des Nationalraths mit Ausdehnung 
des Beschlnsses-Refereudnms auf alle Beschlüsse überhaupt,, nicht 
blos auf solche allgemein verbindlicher Natur.. In der definitiven 
Abstimmung siegte das Beschlnsses-Referendnm des Nationalraths- 
Beschlusses mit 56 gegen 30 Stimmen über dasjenige des' Be 
schlusses des Stcmderaths. Das Recht der Bundesversammlung, das 
Referendum anzmufen, wurde festgehalten mit 5t g>gen 35 Stim 
men. Der erste Beschluß des Nationalraths war damit unverändert 
aus der Abstimmung hervorgegangen. , . . 
Weitere Differenzen hatten sich ergeben beim JnitiatrD- 
Artikel. Der Ständerath hatte die Initiative'auf Gesetze be 
schränkt und die.' sogenannte Beschlusses-Initiative falten 
gelassen. Die' Commission beantragte Festhalten am ersten 
nationalräthlichen' Befchlnß mit Streichung des Vorbehalts vertrags 
mäßiger Verpflichtungen, der sich von selbst verstehe. 
In der Abstinnmmg wurde der Vorbehalt der Vertrags- 
Pflichten znni Beschluß deS NationalratheS mir 38> gegen 26 Stim? 
men beibehalten. Definitiv siegte der erste Beschluß des National?- 
rathes mit 41 gegen 34 Stimmen über den Beschluß des Stände- 
ratbes. Auch hier hielt also der Nationalrath an seinem ersten 
Beschlusse unverändert fest. Damit war die Frage' der VolkSrechte- 
cvledigt. 
ÄIIS dein Gerichtsstale. 
Graz, 27. Februar. (Orig.-Bericht.) (Ein Feldzug 
gegen Räuber.) In der Zeit von Mitte April bis Mitte Mai 187-1* 
wurden im Umkreise der Bezirke Leibuitz, Arnfels, Eibiswaldx 
Deutschlandsberg und Stainz mehrerer Einbruchsdiebstähle verübt,' 
wobei verschiedenen Grundbesitzern Effecten und- Baargeld, im 
Gesammtbetrage von I200_fl. abhanden kamen. AmrlS. Mai fand 
der Grundbesitzer Franz Sack! in Petzeldorf in seinem nächst dem 
Walde gelegenen Flachsdorrofen drei Bündel, Kleider, Wäsche rc: 
enthaltend, und machte hievon beim Gendarmerieposten'die Anzeige-. 
Da anzunehmen war,, daß die Bündel der die Gegend unsicher? 
machenden DiebSbüuke gehören und dieselbe Nachts, wahrscheinlich 
den Dörrofen besuchen dürfte, begab sich der Gendarmeriewacht» 
meister Johann Genzer mit zehn Bauern, welche mit.Knitteln be 
waffnet waren, Abends 6 Uhr zum genannten Dörrofen, wo sie sich 
hinter Gebüsche versteckten. 
Um halb 1l Uhr vernahm man Schritte; Nenner nähertet: 
sich dem Ofen. Ein Bauer machte zufällig in seiner Ungeduld ein 
Geräusch, worauf- einer der Räuber, welcher zunächst'dem Gebüsche 
war, mit einem Zündhölzchen Licht machte, das Gebüsch beleuchtete 
und nun die Bauern sah. Es-erfolgte ein Pfiff und auf eins zwei 
warfen die Räuber ihre Bündelt fort und ergriffen die Flucht;: zu 
gleich erhoben sich-die Bauern und sprangen anst die Räuber ltS, 
welche fünf bis sechs Schüsse abfeuerten, wodurch die Bauern 
momentan geschreckt wurden.. Da die Nacht stockfinster war, folgte 
cin großes Durcheinander, dieBauern fingen sich selbst ab, rnährend 
Der Verkauf des Bnrgerspitals 
ist eine von den vielen Fragen, die seit Jahren sich auf der Tages 
ordnung des GemcinderathS befinden, bald dringend auftauchen, 
scheinbar verschwinden, wieder emporkommen und ihre Lösung immer 
gebieterischer verlangen. Der Gemeinderath hat ein doppeltes Inter 
esse au der glücklichen Lösung, denn er hat die Vortheile des Fonds 
iu erster Linie zu wahren, er darf aber auch das Gemeinde-Jnter- 
esse nicht ganz unberücksichtigt lassen. 
Es muß daher ein Weg gefunden werden, auf welchem beide 
Zwecke vereint ihre Erfüllung erlangen. Die Bürgerspitals-Wirth- 
schafts-Commission muß dahin wirken, den von ihr verwalteten 
Fonds zu vermehren, respective das von ihr verwaltete Haus mög 
lichst erträgnißreich zu machen. Der Gemcinderath hat die Regu- 
lirung der Stadt zu einer seiner Hauptaufgaben gemacht und muß 
daher anstreben, daß das Bürgerspital in seiner gegenwärtigen Form 
zu existiren aufhöre und einem Neubau Platz mache, der die Ver 
breiterung der Kärntner- und Augustinerstraße und der Klostergasse, 
die Verlängerung der Knigerstraße, die Eröffnung einer Parallel- 
gaffe der Kärntnerstraße zum Renen Markt, die Beseitigung häß- 
licher, mitunter sogar sicherheitsgesährlicher Bauwerke ermöglicht. 
Das öffentliche Interesse erheischt von Jahr zu Jahr immer 
mehr diese Umgestaltung des Stadtviertels an der Kärntnerstraße, aber 
sie ist, so lange das Bürgerspital Eigenthum dcS Bnrgerspitals-Com- 
mission bleibt, nicht erreichbar, weil der Gemeinderath von derselben 
nicht verlangen kaun, daß sie zum Schaden des Fonds und nur 
wegen des öffentlichen Interesses den Umbau vornehme. Daß dieser 
Umbau dem Fonds nicht zum Nutzen gereichen könne, das wurde 
im Jahre 1869 und im Jahre 1870 evident, als das Offert der 
Oefterreichischen Bangesellschaft, welche den Nnrbau vornehmen 
wollte, zur Verhandlung kam, und später, als die Bürgerfpitals- 
Commission die Bedingungen bekanntgab, unter denen sie den Um- 
bau vornehmen wollte. Auch heute läßt es sich ziffermäßig nach 
weisen, daß die Bürgerspitals-Commission den Uinban nicht vor 
nehmen kann, ohne den Fonds zu schädigen. 
Die Area des Bürgerspitals beträgt 4352 Ouadratklaster. 
Hievon entfallen nach dem Regulirnngsplan 1651 Ouadratklaster 
auf Straßeng nrnd, der unentgeltlich an die Commune abgetreten 
werden muß, 289 Ouadratklaster sind Höfe und nur 2412 Quadrat- 
klafter Baugrund. Berechnet man die Baukosten per Quadratklafter 
»vur mit 1200 fl. — obwol zu diesem Preise jetzt kaum ein großes 
Gebäude aufgeführt werden kann — so würden die neuen Gebäude > 
aus 2,894.400 fl. zu stehen kommen. Aus diesen neuen Hänsen: 
könnte die Bürgerspitals-Commission aber keine höhere Rente ziehen, 
als höchstens 150 fl. per Ouadratklaster, da jetzt schon in den 
Häusern, wo hohe Miethpreise existiren, per Quadratklafter nur 
130—140 fl. berechnet wird. Aber selbst zu dem höchsten Preise 
von 150 fl. wäre das Gefammtergebniß der Zinsen nur 361.0-00 
Gulden. 
Zieht man hievon die Steuern ab und erwägt man, daß die 
Steuerfreiheit blos zwölf Jahre währt, ein Factor, der schwer in 
die Wagschalc fällt, so kann man nur auf eine Reute von 324.000 fl. 
rechnen. Jetzt ist das Netto-Erträgniß des Bürgerspitals 
136.000 fl., das Mehrerträgniß nach dem Umbau würde also 
188.000 fl. betragen und hievon müßten die Amortisirnng und 
die Verzinsung der Baukosten bestritten werden, da der Bürger- 
spitalsfonds den Betrag von 136.000 fl., den er jetzt zur Vorsor- 
gnng von Armen verwendet, dann nicht entbehren und hievon auch 
nicht einen Kreuzer zu anderen Zwecken abgeben darf. Da die 
5 Percent Zinsen der Baukostensumme 144.000 fl. betragen, so 
bliebe nur ein Betrag von 44.000 fl. zur Amortisirnng übrig, so 
daß die zu amortisirende'Summe eine so geringe Abzahlung finden 
würde, daß mit Beendigung der steuerfreien Epoche von 12 Jahren 
noch immer 2,300.000 fl. zu amortisiren und zu verzinsen blieben. 
Noch ungünstiger stellt sich der Umbau, wenn wir die Berech 
nung der Erträgnisse betrachten, nach Eintritt der Stcnerpflicht. 
Von dem Brutto-Ertrage per 361.000 fl. sind nahezu 35 Pcrcentz 
für Stenern abzurechnen. Das Retto-Erträgniß ist dann nur- 
235.000 fl. und es bleiben nur 99.000 fl. znr Verzinsung rmdi 
Amortisirnng, da doch die bisherige Rente von 136.000 fl. ihrem, 
Zwecke, der Armenversorgung, immer erhalten bleiben muß. Der Um 
bau liefert dann nicht einmal ein solches Mehrerträgniß, dqtz. eine 
5percentige Verzinsung des Bancapitals resnltiren würde, und der 
Fonds müßte noch aus seinen eigenen Mitteln Zuschüsse leisten, um 
nur die Interessen zahlen zu können. Wir wiederhol^ nochmals, 
daß möglichst niedrige Baukosten und möglichst Hetze Rentabilität 
dieser Berechnung zu Grunde liegen und trotz dieser/lmstünde erweist 
sich der Umbau für den Fonds ungünstig. Den Umbau kann daher 
die Dürgerspital^Eommission nie und nimmtt selbst empfehlen und 
mir können es nur billigen, daß sie selbst lpfsses von mancher Seite 
anempfohlene angebliche Mittel zur Vermehrung ihrer Einkünfte 
von ihrem Programme gestrichen hat, 
Will sie dennoch, ihrem Fonds eine größere Nentejzuführen,, so 
muß sie die Zinse steigern.. Dies Mittel werden ihr alle Jene- ge 
wiß nicht anempfehlen, welche gegen den Verkauf des BürgprspitülS 
den Grund geltend machen-, daß in der Zeit der WohnungMoth 
eine solche Mafsenkündigmig,, wie sie da zu erwarten loäre,. nicht 
hervorgerufen werden dürfe. Diese Herren dürfen die Zinssteige 
rung nicht befürworten — dann aber bleibt kein anderes Wittel 
zur Vermehrung des Bürgerspitalsfonds als der. Verkauf zw gün 
stigen Bedingungen. 
Eine Zstisstei gerungn die jene Resultate- für den Fonds- brin 
gen sollte,, die ihm anS> dem Verkaufe erwachsen, müßte- sich aus 
60 Percent der gegenwärtigen Zinse belaufen^. Denn da. die jetzigen 
Zinse 212:000 ft., liefern, von denen nur 136.000 fl., als Netto- 
Ertrag dem Fonds bleiben, müßten dieselben, um eine« Netto- 
Ertrag von 2,00:000' fl., zu bringen, wie er,- aus dem Verkaufe des 
Bürgerspitals für vier Millionen Gülden-. gewonnn würde, aus 
336.000' fl. gesteigert werden — eine Steigerung, die weder bte- 
Bürgcrspitals-Co.mmisswn noch der Gemeinderath hxntMage wagen-, 
darf, ohne den- gerechtesten Unwillen M erregen: Das ginge wahr?, 
lich, über Weinberger f 
Vom Jahre 185-0 bis 1870 wurden die. Zinse bereits um 85- 
Percent gesteigert und jetzt soll noch) eine 60perrrntige Steigemy.g. 
hinzukommen: das- wäre nnverantwortlich gegenüber den Miechern- 
— selbst wenn einige von ihnen heute erklären, lieber eine St ei-- 
gernntz als- eine Kündigung sich gefallen lassen. Wenn der- Ge» 
meinderath solche ZinssteigerunM vornähme-, was thäten- dam: 
andere Hausherren? 
Also weder Umbau noch Zinsstcrgmmg sind durchführbar — 
der Fonds muß aber vermehrt werden, denn die Anforderungen, die 
an ihn gestellt werden, mehren sich von Tag zn Tag und er kann 
ihnen selbst bei der besten Wirthschaft nicht gerecht werden, wenn nicht 
eine Vermehrung der Einnahmen erzielt wird; cS bleibt sonach kein 
. Mittel alS der Vertan','. Durch den Verkauf des Bürgerspitals für 
vier Millionen Gulden erhält der Fonds eine jährliche Netto-Mchp-^ 
einnähme von 66.000 sC d. h. sein bisherig Einkommen mm 
Gebäude wird um die Hälfte vermehrt. "Einen solchen Zuwachs 
kann und darf weder die Commission ndch der Gemcinderath zu 
rückweisen^ und wir sind deßhalb vollkommen überzeugt, daß der 
Gemcinderath den: Verkaufe, stine Zustimmung nicht y<rfagcn wird. 
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es den Räubern gelang zu entfliehen, nur dem Gendarm gelang es, 
einen einzuholen, welcher, als er sich schon erreicht sah, umwendete 
und eine Pistole gegen die Brust des Gendarmen abfeuerte; der 
Schuß versagte jedoch, indem nur das Kapsel losging. Der Gen- 
darni packte den Räuber und warf ihn zu Boden; gleich kamen auch 
Bauern zu ihm, welche dem Gefangenen eine tüchtige Tracht Prü 
gel gaben, worauf er gebunden wurde. Den klebrigen konnte man 
der Dunkelheit halber nicht nachsetzen. 
Der Gefangene, Josef Szarkösi, Zigeuner, gab unterwegs und 
in seinem ersten Verhöre an, daß er Tags vorher einem gewissen 
Karl N., Schleifer/begegnet sei, welcher ihn aufforderte, gegen Ent 
lohnung ihm Sachen tragen zu helfen. Derselbe habe ihn in einen 
Wald geführt, wo er noch die Zigenner Peter und Jacob Szarkösi 
-und Mathias Zeno traf. Diese hatten Bündel bei sich, welche in 
der Nacht nun zum genannten Dörrofen gebracht wurden. Geschossen 
ckabe er, um sich vor dem Gendarm zu wehren. Er behauptete, am 
Diebstähle nicht betheiligt zu sein und erzählte, daß die Zigeuner ihm 
gesagt hätten, daß sie in einem Dorfe in Ungarn und in Jndendorf 
bei Graz je eine Niederlage hätten. Die Diebstähle würden zur 
Nachtszeit gemeinschaftlich durch Einbruch verübt, während der 
Schleifer Karl N. bei Tage auf^Recognoscirnng ausgehe. 
Die Genossen des Josef Szarkösi konnten bisher trotz aller 
Bemühungen nicht eruirt werden, auch die Nachforschungen in Be 
treff der erwähnten Niederlagen blieben erfolglos. Die aufgefun 
denen Bündel repräsentirten einen Werth von 500 fl. Bei der heuti 
gen Schlußverhandlnng leugnet der Angeklagte, auf den Gendarm 
geschossen und von einer Niederlage etwas erzählt zu haben; er habe 
blos tragen geholf n. Zu erwähnen wäre noch, daß ein Gendarm 
durch einen der von den Räubern abgefeuerten Schüsse am linken 
Oberschenkel schwer verwundet würde. , ^ 
Der Gerichtshof vcrurtheilt den Angeklagten zu sieben Jahren 
schweren Kerkers. _______________ 
Aus Paris. 
Die „Union" veröffentlicht an der Spitz:'des Blattes fol- 
-geudeS Telegramm: 
„Antwerpen, 25. Februar, 11 Uhr Morgens. 
Da es nicht in dem Wunsche deS Herrn Grafen von Cham- 
bord liegt, daß fein Verweilen in Antwerpen noch länger ein Anlaß 
zn Unruhen und zugleich ein Vorwand zn Feindseligkeiten gegen die 
belgische Regierung sei, so glaubt er, seine Freunde in Frankreich 
bitten zu sollen, ihre Besuche einzustellen." 
Das legitimistische Blatt ist über die Vorgänge in Antwerpen 
ganz entsetzt. ES fragt sich verzweifelt, ob es wirklich das letzte 
Wort des modernen Liberalismus sei, „den König von Frankreich 
aqua et igni zu interdiciren" und ob „das Europa der 
Könige sich zum Mitschuldigen dieses SchlußacteS der Civili 
sation machen werde". Die Antwerpener Corresstondenten 
deS Blattes suchen natürlich den dortigen Kundgebungen einen ganz 
besonders verdächtigen Charakter zu geben. Herr G. de Cado udal, 
ein Enkel des royalistischen Verschwörers und in der goldenen 
Jugend von Paris ebenso bekannt wie iu den Schnldbüchern der 
Wucherer des Marais, hat von den Fenstern des „Hotel St. Antoine" 
ans entdeckt, daß sich unter den Tumultuanten „Deutsche befanden, 
welche „Vive la Prusse!" riefen" und daß „die friedliche und fromme 
Stadt Antwerpen diesen schamlosen Kundgebungen ganz fremd 
geblieben ist". Ein anderer dieser legitimistischen Pilger, Herr Victor 
Bouton, hat die berüchtigten „weißen Blousen" von Belleville mit 
Mer Bestimmtheit wiedererkannt und läßt es, sich nicht ansreden, 
daß die sämmtlichen Demonstranten von der Internationale nach 
Antwerpen geschickt worden sind. 
In dem Departement Lot-et-Garonne wird die bona parti 
stische Agitation von dem ehemaligen Minister Forcade la Roqnette 
geleitet und der Siecle gibt einige spaßhafte Proben aus den Flug 
schriften, welche dieser Agent Napoleon IU. unter den dortigen 
ÜÜehte Chronik. 
Wien, 28. Februar. 
(Hof- und P e r s o n a l - N a ch r i ch t e n.) Se. M a j e- 
st ä t der Kaiser hat dem steierniärkischen Mnsikvereine in Graz 
einen Jahresbeitrag von Einhundert Gulden vorläufig auf drei 
Jahre ans seiner Privatkasse bewilligt. — Der Primas von 
Ungarn, Johann S i m o r, ist am 25. d. von Sr. Majestät in 
längerer Privataudienz empfangen und an demselben Tage zur 
Hostafel geladen worden. — Ihre Majestäten der Kaiser Fer-" 
dinand und die Kaiserin Maria Anna haben der Fraction 
Tregiovo iu Tirol zur Anschaffung von Kirchengeräthcn den Gc- 
sanuntbeitrag von 100 fl. bewilligt. — Obersthofmeistcr Baron 
v. N o p c s a ist gestern von Meran in Wien angekommen. 
(Der Vorstand des steiermärkischen Schriftsteller- 
vereins) begab sich gestern Vormittags zum Ehrenpräsidenten 
des Vereins, Anton Graf Auersperg, um diesem den Dank deS 
Vereins für das in so freundlicher Weise übernommene Ehren 
präsidium auszusprechen und zugleich ein Statuten-Exemplar zu 
überreichen, welches ans dem Einbande ans grünem Moire antique 
in Silbcrschrift die Widmung trägt: „Dem deutschen Dichterfürsten 
amd Ehrenpräsidenten des steiermärkischen Schriftstellervereins 
Anastasius Grün." Graf Auersperg nahm die Deputation in ge 
winnender Weise auf und versicherte, daß wenn er auch nicht, wie 
er es wünschte, activ für den Verein wirken könne, da er nicht 
immer in Graz domicilire, er doch nach besten Kräften und bei 
jedem Anlasse den Bestrebungen des Vereins seine moralische Unter 
stützung zuwenden werde. 
(Für die ö st e r r e i ch i s lh c Nordpol-Expedition) 
hat sich in Graz ein Comite gebildet aus den Herren Ignaz 
Graf A t t e m s, Cpntre - Admiral Breisach, Professor Dr. 
F o l w a r c z n y , Moriz v. K a i f e r f e l d, Bau-Ingenieur Fröh 
lich, Graf M e r a n, Professor Dr. P ö s ch l, Johann v. R e- 
b e n b u r g, Professor Dr. Rollet, Moriz Ritter v. Schrei 
ner und Graf Wurm brand, um in Steiermark Snbscriptio- 
nen einzuleiten. Das Comite sungirt als Hilfscomite des Wiener 
Central-Comites und cs wurden bereits über 6000 Gulden ge 
zeichnet. 
(Einbruchsdiebstahl.) Gestern Nachts wurde die Kanzlei 
der Gemeinde Brunn am Gebirge (bei Liesing) ausgeraubt. Diebe 
hatten die Thüren der Kanzlei und der Kassen aufgebrochen und 
nuS den letzteren eine Papicrrente per 22.700 fl. (Nr. 26.177), 
eine Silberrente per 4000 fl. (Nr. 7028), ein ganzes 1860er Los 
S. 4331, Nr. 54, eine Grnndentlaftungs-Obligation per 650 fl. 
(Nr. 2096), welche sämmtlich für das Bürgerspital in Brunn vinculirt 
-sind; ferner zwei vinculirte Papierrenten per 500 fl. und an Baargeld 
etwa 10 fl. entwendet. Die Diebe sind unbekannt. Die Polizeibehörde, 
der der Diebstahl telegraphisch angezeigt wurde, hat die Wechsel 
stuben, öffentlichen Kassen und Banken verständigt. 
(Werth papiere-Die bst ahl.) Wir haben vor eini 
gen Tagen von einem großen Werthpapiere-Diebstahl in Brüssel 
berichtet. Es ivurden 465 Aktien im durchschnittlichen Werthe von 
500 Francs gestohlen. Die hierüber von der Staatsanwaltschaft 
in Brüssel hieher gelangten Nachrichten lauten, daß diese Papiere 
am 1. October 1871 aus einer Kasse entwendet worden sind, 
»velche aus dem Schutte eines abgebrannten Palais in Brüssel her- 
vorgegraben wurde. Bei dem Brande dieses Palais hat dessen 
Eigenthümer, der Chevalier du Bois de Bianco, das Leben verlo 
ren. Von den Papieren hat man bis jetzt noch keine Spur auf- 
Lcjunden. 
Landbevölkerungen verbreitet. So heißt es in einem „Tischgespräch 
über Sedan": 
Ein Herr: Gleichviel, eS gibt Dinge, die man in Frankreich 
nicht verzeiht. Ein Souverän, sehen Sie, muß siegen oder sterben. 
Das ist ein Grundsatz. 
Ein Officier: Wo nehmen Sie denn diesen Grundsatz 
her? Hat man ^schon ein einzigesmal selbst in Frankreich gesehen, 
daß ein Souverän den Tod suchen mußte, weil er besiegt wor 
den war? 
Ein Professor: Der heilige Ludwig lieferte im Jahre 
125Q, als er mit seiner ganzen Armee von den Muselmännern ge 
fangengenommen worden war, Damiette als Lösegeld für seine Per 
son und zahlte 9000 Goldpfennige für seine Ofsiciere. Voltaire hat 
ihn „das Muster der Könige, der Helden und der Heiligen" 
genannt. 
Der Officier: Ohne so weit zurückzugehen, so übergab 
Johann der Gute, nachdem er bei Poitiers besiegt worden, seinen 
Degen den Engländern, und seine Gefangenschaft verlieh seinem 
Ruhme nur noch neuen Glanz. Als Franz I. bei Pavia unterlegen 
und Karl dem Fünften in die Hände gefallen war, lieferte er ihm 
Burgund aus und verlor darum weder Leben noch Ehre. Und um 
an Ereignisse zu erinnern, die nnS noch viel näher liegen: war etwa 
der König Karl Albert entehrt, weil er die Schlacht von 
Novara überlebte? Die Unterthanen dieser Fürsten erblickten 
in ihnen das Bild des besiegten Vaterlandes und weihten ihnen nur 
noch größere Achtung und Hingebung. 
Ein anderes Flugblatt führt unter dem Titel: „Historischer 
Proceß der Urheber des Kriegs von 1870" den Nachweis, daß die 
Schuld für diesen Krieg auf Rechnung der Herren Thiers, Gam- 
betta, Jules Favre,-Pelletau, Garnier-PagöS u. f w. zn setzen sei. 
Die Individuen, welche diese Flugschriften colportiren, vertrauen den 
Leuten noch mündlich das Folgende an: 
Die Feinde des Kaiserreichs, die Orleanisten und Republika 
ner, haben Napoleon III. gegen seinen Willen gedrängt, den Krieg 
zn unternehmen; nur durch die Schuld der Mitglieder der National- 
Regierung ist Elsaß und Lothringen verloren gegangen. Die Wieder- 
herltellnng des Kaiserreichs wird aber alles Unglück wieder gut 
machen und auch Elsaß und Lothringen zurückbringen, da eilte 
Heirat zwischen dem Sohne Napoleon HI. und der Nichte (!) des 
Deutschen Kaisers projectirt ist und der Letztere seiner Nichte Elsaß 
und Lothringen als Mitgift geben wird. 
Machtrag» 
Wien, 28. Februar. 
Dieser Tage wurde von Pest aus die Errichtung und Be 
sitzung eines dänischen Generalconsnlats für Ungarn 
gemeldet. Wie wir nun aus sicherer Quelle vernehmen, ist es über 
haupt noch keineswegs ausgemacht, daß die dänische Regierung ein 
Cynsulat in Ungarn errichtet. Umso weniger kann aber von der 
bereits erfolgten Besitzung des Postens die Rede sein. Vollends 
unwahrscheinlich erscheint die Candidatur, welche erwähnt worden. 
Amtliches. 
Wien, 28. Februar. 
Se. Majestät der Kaiser und König hat dem Staats- 
telegraphen-Jnspector Josef Horak als Ritter des Ordens der 
Eisernen Krone dritter Classe in Gemäßheit der Ordensstatnten den 
Jiitterstand verliehen. 
Se. Majestät der Kaiser und König hat den Dr. Jo- 
hann H a r a j e w i c z zmn Drrecior des St.-Lazarus- und Heiligen- 
Geist-Spitals in Krakau ernannt. Lasser m. p. 
Der k. k. Handelsmmrfter hat der Wahl des I. C. Machn« 
nek zum Präsidenten und des Moriz Primavesi zum Vice-Prä- 
sidenten der Handels- und Gewerbekammer zu Olmütz für das Jahr 
1872 die Bestätigung ertheilt. 
Telegramme. 
Pt'ag, 28. Februar. (Telegr. d. „Presse".) Nach 
Meldungen der „Bohemia" würde die Verfassungs- 
Partei, falls die polnische Taktik dahin führen sollte, 
daß die Polen gegen das Ausgleichs-Elaborat stim 
men, dem Elaborate, um ihre Geneigtheit zu einem Aus 
gleiche zu bekunden, bei der zweiten Lesung ohneI^ücksicht 
auf die Polen die Zweidrittel-Majorität zuwenden, 
bei der dritten Lesung jedoch den Entwurf schonungs 
los fallen lassen. 
Wegen des Gitschiner Brkefdiebstahls ist eine 
Untersuchungs-Commission dahin abgegangen. 
Pükis, 27. Februar. Thiers verweigerte es, eine De 
putation zu Gunsten der Einführung von Spielbanken 
zn empfangen und erklärte, daß er niemals seine Genehmi 
gung hiezu ertheilen werde. 
Pakts, 27. Februar, Abends. Gerüchtweise verlautet, 
daß in der morgigen Sitzung der N a t i o n a l - V e r s a m m- 
lung eine Interpellation über das Schreiben 
B a r t h e l e m y St. H i l a i r e's eingebracht werden wird. 
Dem Temps zufolge wird Thiers nächstens eine 
Botschaft an die National-Versamniluna 
richten. 
Nervyakk, 27. Februar. Die russische Flotte, mit dem 
Großfürsten Alexis an Bord, ist in Havana 
eingetroffen. 
Der in Washington abgehaltene Cabinetsrath soll 
beschlossen haben, keinen Theil der amerikanischen 
Klageschrift zurückzuziehen. Die Antwort der ame 
rikanischen Regierung auf die Note Granville's wird wahr 
scheinlich am Samstag abgehen. 
Die flleprüsentantenkammer hat die Bill in Betreff einer 
Reduction des Zolles auf Eiseublöcke verworfen. 
Amsterdam, 27. Februar. Papierrente 55V«. Silberrente 
62—.Wechsel per Wien—. 1860er Lose 547. Oesterr. 1864er Lose 
158. Amerikaner 97—. 
Amsterdam, 27. Februar. (Productenmarkt.) Weizen 
loco —.—, Roggen loco —, pro Februar —, pro März 
182.—, pro Mai 188.50. October —. FrühjahrS-RapS —, 
October-Raps 1872 - fl. Rüböl loco pro Maipro 
Herbst 1872 —. Schön, kalt. 
Petersburg, 27. Februar. (Getreidemarkt.) Mai» 
Roggen 6.80. 
(Kleine Nachrichten.) Gestern: Vormittags stürzte der 
Zinnnergeselle Franz Hollnb vom Dachstuhle des im Ban be 
griffenen Fränkel'schen Hauses in der Liechtensteinstraße, Eck der 
Türkenstraße, in den Hofranm hinab und blieb mit zerschmetterten 
Gliedern todt auf dem Platze liegen. Man schaffte die Leiche des 
Vernnqlückten in das allgemeine Krankenhaus. 
Im Cafe Zöpfel an der Elisabethbrücke wurde heute Nacht 
eine Gesellschaft von Spielern aufgehoben, welche das verbotene 
„Naschiwaschi" spielten. Ein Theil des Bankbetrages siel der Be 
hörde in die Hände. Die Spieler wurden dem Bezirksgerichte 
angezeigt. . 
(C i v i l e h e.) Man theilt uns aus Wr.-Neustadt mit, daß 
dort nächstens die erste Civilche stattfinden wird, und zwar wird 
Herr Eduard Großmann, Professor an der dortigen Ober-Realschule, 
mit Fräulein Hermine Naschka, Private, civilehelich getraut. 
(Ein Wohlverhaltungszeugniß für Pater 
Gabriel.) Johannes, Fürstbischof von Seckau, stellt Herrn 
Pater Gabriel Josef Gady ein WohlverhaltungSzeugniß aus, worin 
es heißt: „Während der ganzen Zeit des Wirkens in der Seel 
sorge wurde dem Priester Josef Gady von allen Seiten das beste 
Zeugniß gegeben. Schon seine bloße Erscheinung hatte etwas Ge 
winnendes und sein freundliches und liebevolles Benehmen erschloß 
ihm alle Herzen.. . . Sein Wandel war stets als echt priesterlich, 
tadellos und sittenrein bezeichnet." So bestätigt Johannes, Fürst 
bischof von Seckau. und es wird wol nicht das erstemal sein, daß 
er mit der öffentlichen Meinung in Widerspruch gerathen. 
(Der Papst) empfängt jetzt — wird dem „FrankfurterJour 
nal" ans Rom vom 20. d. geschrieben— täglich Trost- und Hul 
digungs-Deputationen. Gestern waren es etwa 100 Personen ans 
den Parochien von „Santa Maria in>Via Lata", „San Marcello" 
und „Santa Maria an der Straße". Anderthalb Stunden währte 
es, bis Pius IX. erschien. Wie man versichert, hatte er einen 
Schwäche-Anfall, der ums Haar die ganze Feierlichkeit hintertrie 
ben hätte. Als der beklagenswerthc Greis sich endlich so weit er 
holt hatte, daß er nach dem Thronsaal humpeln konnir, ward er 
von fünf Kindern in ohrzerreißender Weise angesungen, 
hatte dann drei Sonette mit den üblichen Reimen — 
kecke — Lanka Lecke — kröne — Pie Nono — aus 
zuhalten und erlitt schließlich eine dröhnende Ansprache des Prin 
cipe Altieri. Das diese Schaustellungen auf die Bevölkerung einen 
peinlichen Eindruck machen, davon kann sich Jeder überzeugen, 
der mit den Betheiligtcn einigermaßen in Berührung kommt. Ein 
Mitglied der gestrigen Deputation sagte wörtlich: „So lange er 
(Pio) aus dem Herrscherthrone saß, so lange fiel cs ihm nicht im 
Traume cin, uns vorzulassen; erst seitdem seine Macht gestürzt ist, 
hat er angefangen, demokratisch zu werden. Wir sollen ihm hel 
fen, das Verlorene wieder erobern, und wenn er von Neuem auf 
dem Throne sitzt, so gibt er uns einen väterlichen Fußtritt." 
(Das anderthalbhnndertjährige Jubiläum der 
Vosfischen Zeitung) wurde Samstag Abends mit einem Banket 
beschlossen, daß die Besitzer der Zeitung dem gesamncken Redactions- 
Administrations- und Druckerei-Personale gaben. Als Ehrengäste 
waren außer Verwandten und Freunden der Besitzer die Vertreter 
sämmtlicher Berliner Zeitungen, hervorragende Mitglieder des Ab 
geordnetenhauses, eine Deputation der städtischen Behörden, der Chef 
des Poft-Zeitungs:vesens rc., geladen. Die Reihe der Toaste eröff 
nete Staatsgerichtsrath Lessing mit dem auf den Kaiser. 
Dr. Louis Müller folgte mit einem auf die freie Presse 
in: freien Deutschen Äieich. Dr. Alexis Schmidt von der 
Spener'schen Zeitung dankte mit einem Hoch auf die Män- 
nus. Stadtgerichtsrath Leffing erwiderte. mit - einem Hoch auf die 
Gäste. Stadtverordneter Dr. Göschen wies auf die Bedeutung der 
Bossischen Zeitung für die Stadt und den Staat hin und Dr. 
Löwe (Kalbe) gedachte derjenigen Männer, welche im Schweiße 
ihres Angesichts an der Presse mitwirken; Lessing habe den ersten 
Schlag gegen die protestantischen und katholischen Jesuiten geführt. 
Mit dem Wunsche, daß die Vossische Zeitung für Freiheit und Recht 
in dem Geiste Lessing s weiter wirken möge, schloß er mit einem 
Hoch auf die Redaction und die Mitarbeiter dieser Zeitung. Franz 
Duncker gedachte der Arbeiter und speciell ihres Seniors, des 81jäh- 
rigen Factors Binder; ein Mitglied der Familie Müller, Herr Dr. 
Müller aus Bunzlau, gedachte der Manen Ludwig Rellstab's rc. 
Ein Borlkag übek Gkillpakzek. 
In dem von einem distinguirten Auditorium dicht gefüllten 
Saale der Wiener Handelsakademie hielt Professor Dr. Wilhelm 
Scherer Dinstag Abends einen Vortrag über Grillparzer; 
auf einer Estrade prangte (vom schwarzrothgoldeneur Bande um 
wunden, mit frischen Blumenkronen und -Guirlanden reizvoll ge 
schmückt) das Bildniß des Verblichenen, wie Daniel Penther mit 
wenigen, sicheren Strichen — nach Photographien - die ausdrucks- 
vollen Züge auf die Leinwand gebannt. 
... Seherer bekannte offen ein, zu den Gegnern populär« 
wlffenichaftllcher Vortrage, die meist nur Stückwerk bieten könn 
ten, zu zählen; wer mit der Erwartung den Saal betreten, anmn- 
thlges Geplauder zu boren, wie in glänzenden, lichterstrahlenden 
Salons mrt schwellenden Divans u. s. w., den könne er nicht be 
friedigen. In seine Stu dirstube wolle er zu kurzem Besuche 
die Hörer laden; Mit dem strengwisfenschaftlichen Ernst, wie er der 
Erforschung der^ griechischen, mittelalterlichen und Weimaraner 
Clastlker eigenthümlich, wolle er auch Grillparzer's Persönlichkeit 
und dichterischer Eigenart gerecht zn werden versuchen. 
Als erste Frage trete da folgende entgegen: Wie kam Grill- 
parzer zu seinen Stoffen! Eine Reihe dankenswerther Mittheilun- 
gen (Fran Helene Auspitz und Adolph Foglar) hat uns die Ent 
stehungsgeschichte der „Ahnfrau" aufgehellt; die Besprechung des 
„Sappl,o"-Stoffes überlasse er dem populär-wissenschaftlichen Vor 
trag seines Freundes Professor Wilhelm Hartl; die „Medea" gebe 
zu einer interessanten Parallele mit dem gleichiiainigen Drama des 
Euripides Anlaß, die gleichzeitig Beziehung und Verhältniß der 
modernen zur antiken Bühne anziehend charakterisiren — der „Otto 
kar" fei einer bekannten Reimchronik des 14. Jahrhunderts, deren 
angeblicher Verfasser Ottokar v. Horneck — durch die bekannte „ein 
gelegte Arie" zu Oesterreichs Preis eingeführt sei, entnommen; „DeS 
MeereS und der Liebe Wellen" fordern zu einem Vergleich 
mit der Schiller'fchen Ballade und dem altgriechischen Liede 
des Musäus heraus; die „Esther" biete Berührungspunkte 
mit jener Ra cin e's; das Lustspiel: „Weh dem, der 
lügt", lehnt sich an eine Erzählung des Gregor v. TourS (533), die 
nun bequem im ersten Bande der Freytag'schen „Bilder aus der 
deutschen Vergangenheit" nachzulesen sei. Zwei Hanptrichtun- 
gen: die antike und die vaterländische machten sich hauptsäch 
lich geltend in der Wahl dieser Stoffe; erstere an die Traditionel: 
der Weimaraner und Gras Platen anknüpfend, letztere an die zeit 
genössische Historiographie und Dramatik (Raupach. Jmmermann, 
Grab.be rc.); dazu trete die Liebestragödie; unter diesen sei uns 
von der Sa pp ho nach allbekannter Anekdote selbst die äußere Ver 
anlassung bekannt: wie ein junger Musiker den im Prater lustwan 
delnden Poeten um ein Libretto angeht und „Sappho" nennt. — 
Grillparzer aber die Bitte abschlägt, und. weiter einsam im Gehölz 
fortschreitend, die wunderbare Tragödie aussinnt. .,
	        

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