Full text: Zeitungsausschnitte über sonstige Veröffentlichungen

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 49 
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str Berlin vierteljährlich 1 Thlr. 25 Sgr.; 
für das deutsche Reich und Oesterreich 
2 Thlr. 5 Sgr. 
Nr. 132. 
Berlinische Nachrichten von Mts- und gelehrten Sachen. 
Zn der Haude. und Epenerschen Zeitimgs.Medition, S4.mmerstraßc. (Redacteur Or. L. Layßler in Berlin.) 
.. ^ u „I, 1 
Deutschland. 
Berlin, den 9. Juni. 
Se. Majestät der König haben Allergnädiast geruht- 
Dem Großherzoglich badischen Staats-Minister a. D. 
Fretherrn v. Roggenbach den Königlichen Kronen-Orden 
erster Klaffe mit dem Enmillcbande des Rothen Adler-Ord-ms 
zu verleihen. 
^er ßontg haben. Allergnädigst geruht, 
Allerhöchstlhre Genehnugung zu ertheilen zur Anlegung des 
den: Secondmeutenant strahl vom Thüringischen Ulanen- 
Regiment Nr. 6 verliehenen Ritterkreuzes erster Klasse des 
Großherzoglich hessischen Verdienst-Ordens Philipps des Groß- 
müthtgen und des dem Seeonde-Lieusenant Süß, h la suite 
ant rothen Bande. 
Se. Majestät der Kaiser haben Allergnadigst geruht, den: 
Lcgattons-Secretär v.Kusserow dm Charakter als Legations- 
Rath zu verleihen. 
Sc. Majestät der König häben'Mergnädigst geruht: 
Dem Ober-Revisor bei der Eosterkainmer zu Hannover 
Commiffair Brockmann den Charakter als Rechnunas' 
Rath; und 3 
,,Dem praktischen Arzt I)r. Habenicht zu Ebergötzen den 
Charakter als Sanrtats-Nath zu verleihen. 
<d 
deutschen Bundes Jonatht«. z"'" 
Bice-Consul des Deutschen Reiches daselbst zu ernennen 
geruht. 
Von dem Kaiserlichen Consul Tettenborn in Marseille 
ist Herr Leon Vidal in Port de Bouc zum Consular-Agen- 
ten für Port de Bouc, Martigues und Port St. Louis be 
stellt worden. # 
Der Privatdocent Dr. Max Jaffa in Königsberg i. Pr. 
ist zum außerordentlichen Professor in der medizinischett Facul- 
tät der dortigen Universität ernannt worden. 
Der Privatdocent Dr. Leopold Auerbach in Breslau ist 
zum außerordentlichen Professor in der medizinischen Facultät 
der dortigen Universität ernannt worden. 
Se. Excellenz der Staats- und Minister der geistlichen, 
Unterrichts- und Medizinal-AngelegenheüenDr. Falk ist aus 
Reichenbach O.-L. ! ier angekommen. 
Der General-Auditeur der Armee, Fleck, ist nach Cassel 
abgereist. 
Bekannt rrr ch.u n g. 
* In Gemäßheit des unter dem 10. ezember 1871 veröffentlich 
ten Programms, den Entwurf zu ein Parlamentsgebäude für den 
Deutschen Reichstag betreffend, hat i zur Beurtheilung der einge 
gangenen Concurrenzprojccte berufeneury am 31. Mai d. J.JHrc 
Berathungen begonnen nnd deninächst: ihrer .Sitzung vom 7. Juni 
d. I. ihre Entscheidung dahin abgeben, daß der von Hrn. L. 
Bvhnstedt in Gotha eingesandte Enlnrs die gestellte Aufgabe am 
besten gelöst habe, und demselben bei ersten Preis von eintausend 
Friedrichsd'ors zuerkannt. Für die ziächst besten Projekte hat die 
Jury die Entwürfe der Herren Endcmid Boecknrann in Berlin. 
Kaiser und v. Großheim in Berlin Nvlius und Bluntschli 
in Frankfurt a. M., G. G. Scott id I. Scott in London er 
achtet und jedem derselben einen Preis wir zweihundert Friedrichs- 
d'ors zuerkannt. In rühmender AneMnmg der Hingebung und des 
großen Fleißes, mit welchem eine. bedetesde Zahl tüchtiger künstle 
rischer Kräfte sich der Lösung der schmrigen Concurrcnz-Aufgabe 
gewidmet hat, ist von der Jury ferner >er' Wunsch ausgesprochen 
worden, daß sämmtliche eingegangenen 'ntwürfe noch acht Tage 
taug öffentlich ausgestellt werden möchten Bei dem großen Inter 
esse, welches diese Ausstellung bietet, is die Hoffnung berechtigt, 
daß die Herren Einsender der Entwürfe eneigt sein werden, deren 
Rücknahme noch bis zum Ablauf jener Frist auszusetzen. Es ist 
deshalb angeordnet worden, daß die Aussellung in den oberen Räu 
men des hiesigen Akademie-Gebäudes vvl Sonntag den 9. d. M. 
bis einschließlich Sonntag den 16. d. M. ügUch in den Nachmittags- 
stlmden von 12 bis 5 Uhr dem Publikum geöffnet lncibt. 
Berlin, den 8. Juni 1872. 
Das Reichskanzler-Amt. Delbrück. 
wegen Zahlung der am I. Juli d. I. fälligen Zinsen der Staats 
schuldscheine, der Anleihen von 1856, i8tf>7C und 1868A, der Neu- 
märkischen Schilldverschreibungen nnd der Anleihe des Norddeutschen 
Bundes von 1870. 
Die am 1. k. Mts. fälligen Zinsen der oben bezeichneten Papiere 
können bei dev Staatsschulden-Tilgnngskaffe hierselbst, Oranien- 
straße Nr. 94 unten links, schon vom 15. d. Mts. ab täglich, mit 
Ausnahme der Sonn- und Festtage nnd der Kassenrevisionstage, von 
9 Uhr Bormittags bis 1 Uhr Nachmittags gegen Ablieferung der 
Coupons in Empfang genommen werden. 
Non den Regiernngs-Hauptkassen, den Bezirks-Hauptkassen der 
Provinz Hannover nnd der Kreiskaffe in Frankfurt a./M. werden 
diese Coupons ebenfalls vorn 15. d. Mts. ab, mit Ausnahme der 
oben bezeichneten Tage eingelöst werden. Die Coupons müssen nach 
den einzelnen Schuldengattungeu und Appoiuts geordnet, und cs 
muß ihnen ein, die Stückzahl und den Betrag der verschiedenen 
Appoiuts enthaltenes, aufgerechnetes, unterschriebenes und mit 
Wohnungsaugabe versehenes Berzeichuiß beigefügt sein. 
Berlin, den 6. Juni 1872. 
Hauptverwaltung der Staatsschulden, 
v. Wedeil. Löwe. Hering. Rötger. 
MVWMn 
Beeskow der Provinz Sachsen zuzutheilen, wendeten sich 
die Stände des Beeskow-Stvrkower Kreises an den König. 
In einer Eingabe von seltsam erregter Sprache redeten 
sie von „einem brandenbnrgischen Volke", welchem sie das 
„sächsische" mit unverholener Abneigung entgegenstellten. 
Alle Beschwerden wurden von der Regierung, die Niemand 
wehe thun wollte, gelvissenhaft geprüft und, wenn irgend 
Partieillarismus im alte« Preußen. 
Heinrich v. Treitschke hat seine Darstellung „der ersten 
Verfassungskämpfe in Preußen" (Preußische Jahrbücher), 
mit einer lebendigen Schilderung des particularisttschen -Wi 
derstandes eingeleitet, welchen die Regierung nach 1815 aut 
allen Gebieten des staatlichen Lebens zu bekämpfen hatte. 
Wir versuchen, die wesentlichen Füge in kurzen Worten wie 
derzugeben. t £Y1 . c , 
Der preußische Staat war aus den Verhandlungen des 
Wiener Congresses um einige hundert Quadratmeilen klei 
ner hervorgegangen; dafür war ihm, neben den denkbar 
ungünstigsten Gebietsabgrenzung die Ausgabe zugefallen, 
eine neue, in Psaffenthnm nnd Kleinstaaterei verkommene 
Bevölkerung, fast ebenso zahlreich wie die der Stamm- 
lande, mit dem kräftigen Staatsgesühl zu erfüllen, welches 
allein die kleinste unter den Großmächten über die Stürme 
der Zukunft hinweghelfen konnte. 
Die Aufgabe war nicht unlösbar: sie i,t ,a gelost wor 
den. Allein tut Jahre 1815 war es nur Geistern ersten 
Ranges zu verübeln, wenn sie an derselben verzweifelten. 
Der' zähe und Willensstärke altpreußische Schlag, wenn er 
nur schneidig in einem Geist und nach einem Willen ar 
beitete^ wie er heute thut, wäre mit den reicheren Sachsen 
und Rheinländern wohl fertig geworden; allein auch m 
den alten Provinzen war aus der unvergleichlichen Einheit 
; E Mollens, die sich auf dem blutigen Wege von Lützen 
bis E^tvo nie Verleugner hatte, nach dein MÄAr-rM' 
ebenso unvergleichliche Zersplitterung der Einzel- Interessen 
und Sonderwünsche geworden. Als es galt, die Grund 
lagen einer neuen Verwaltung zu legen, aus zerstreuten 
und zerrissenen Landesfetzen lebensfähige Provinzen zu 
schaffen, da verweigerten dieselben Männer, denen auf dem 
Schlachtfelde kein Opfer zu groß geschienen, in kleinlichster 
Beschränktheit jedes Zugeständniß. Kein Kreis, keine Ge- 
Sieben Legenden von Gottfried Keller. 
Die Legende ist eine natürliche Vorläuferin der weltlichen 
Novelle. Da die schriststellernden Geistlichen die glückliche 
Entwicklung ihrer Liebenden nicht auf die Erde verlegen 
durften, translocirten sie sie in die Unsterblichkeit. Die 
Zeiten der Christenverfolgungen waren das romantische 
Zeitalter des fabulirenden 12. und 13. Jahrhunderts, wo 
alles was Orient und Occident an prägnanten novellisti 
schen Zügen darboten, für das neugierige erwachende 
Europa eingehackt und zu frischen Würsten gestopft und 
aufgekocht wurde. Die heidnischen Siebenschläfer der 
griechischen alten Novellistik werden unter Kaiser Decius 
neu in die Welt gesetzt: wer weiß, von den Münden welcher 
prähistorischen Höhle, auch vor ihrer griechischen Periode 
bereits, einstmals ihr märchenhaftes Schnarchen zuerst 
wiedertönte. 
Heute, wo ein Macaulay sogar die alten Gesänge, auf 
die ein Livius die Anfänge seiner römischen Geschichte ba- 
sirt haben soll, für den historischen Leierkasten der lebenden 
Generation neugesungen hat, könnte der Versuch Gott 
fried Keller's nichts Auffallendes haben, die spätere 
Form der christlichen Legende (die Kosegarten unserer Zeit 
am angenehmsten in einheitliche Fornr gebracht hat) in die 
*der früheren Jahrhunderte zurückzuversetzen. Ohne Zwei 
fel erzählte man früher anders. Keller giebt sich nun den 
Anschein als wolle er solche frühere Histörchen reconftruiren. 
In sehr anmuthiger Form empfangen wir ein starkes hal 
bes Dutzend kleiner Erzählungen, welche des Resultat dieser 
retrospectiven Studien sein sollen. 
Da erstens zwei Novellen, deren eine die Bekehrung einer 
jungen vornehmen Römerin zum Christenthum, die andere 
die eines jungen Mönches ans doni Kloster heraus zum 
ehelichen Stande erzählt. „Eugenia" sowohl als „Vitalis" 
haben in einer überkünstelten Culturepoche die Richtung 
verloren und werden durch innerlichste gesunde Naturanlage 
endlich zur Wirklichkeit getrieben. Die junge vornehme 
Dame war unter Verkleidung in ein Kloster eingedrungen, 
wo sie es bis zum Abte gebracht hatte; der junge Mönch 
dagegen suchte seine Heiligkeit durch Bekehrung verlorner 
Kinder zu steigern: beide werden aus ebenso überraschende 
als poetische Art in die gewäßigte Zone des mensch 
lichen Lebens zurückgeführt. Dergleichen könnte im 5. oder 
6. Jahrhundert etwa ein heidnischer, dichterisch begabter 
Philosoph, der damals ohne besondere Kämpfe übergetreten 
wäre, im Anklang ehemaliger Stimmungen verfaßt haben, 
wie wir ja auch den guten Christen und sogar Bischof Sido 
nius Apollinaris, sobald es sich um Hochzeitsgedichte und 
dergleichen handelt, in den alten heidnischen Ton mit aller 
lei leiser oder lauter angedeuteter ün/thologischer Ironie 
zurückfallen sehn. 
Wenn wir nun aber den Verfasser des „Grünen Hein 
richs", der „Leute von Seltwvla" und der „Neueren 
Gedichte" dergleichen auf den Markt bringen sehn, so 
sind wir doch geneigt zu fragen, wie der Cardinal von 
-Ferrara Arioft gefragt haben soll, „wo zum Kuckuck habt 
Ihr all das Zeugs her? Hier also, mutatis mutandis, 
„woher zum Kuckuck haben Sie das, geehrter Herr?" 
Und da findet sich, daß Keller's Art, die Dinge vorzubrin 
gen und die Scenen zu arrangiren, die etivas ironisch- 
skeptische Art, die einem die Personen mehr von Ferne 
zeigt als in die Hand giebt, die Eigenthümlichkeit des Zürcher 
Staatsschreibers zu sein scheint. Usteri's kleine Erzählun 
gen aus dem Zürcher Bürgerleben in alterthümlicher 
Mundart sind in einem ähnlich klangvollen, aber doch 
chronikenhaften Tone geschrieben, kurz angebunden, vor- 
wärtsdringeud und ein befriedigendes Ende erstrebend. 
Man beendigt die Erzählungen wie man von einem ange 
nehmen Frühstück aufsteht, wobei ein paar Gläser Cham 
pagner und ein Stückchen Käse nicht fehlen durften. Kel 
ler berichtet ans den ersten Jahrhunderten des Christen 
thums so treuherzig unbefangen, als wäre er in Alexandrien, 
dem Schauplatze seiner beiden Geschichten „Eugenia" und 
„Der schlimmheilige Vitalis" geboren und heute, nach etwa 
1500 Jahren, und um sich einen kleinen literarischen Witz 
zu machen, noch einmal als Schriftsteller auf die Welt ge 
kommen. 
Eine zweite Kategorie dieser Legenden bilden drei weitere 
Geschichtchen, welche die Jungfrau Maria zum Gegenstände 
haben, die in verschiedene weltliche Händel verwickelt, Grund 
zu durchaus kindermärchenhaften Abenteuern giebt. Hier 
hat Keller weniger wie dort die antike Erzählungsweise, 
sondern die französischen Feenmärchen sich zum Muster 
gesetzt, in denen auch bei uns Musäus und Benedicte Neu- 
bert (deren „Volksmärchen der Deutschen" auch wohl wie 
der nachgedruckt werden könnten) gedichtet haben. Hier ist 
das Ironische, der leichte Spott des Selbernichtdranglau- 
bens noch natürlicher. Der Dichter meldet durch den Ton, 
den er anschlägt, gleich vorn weg, er habe die Absicht, nick 
Grazie ein Märchen zu erzählen. 
Blieben nun noch zwei, und diese die kürzesten Stücke: 
„Dorotheen's Blumenkörbchen" und „Das Tanzlegendchen". 
Hier steht man einigermaßen verwundert still und hat den 
Weg verloren. Man denkt an die „Kinderlegenden" im 
Anhange zu Grimm's Kindermärchen. Verwandtschaft ist 
offenbar vorhanden. Wa^aWT'wMNier Dichter übrigens 
damit? Es ist, als würden uns ein paar Brodkugeln aus 
dem feinsten Kuchenteige geknetet an die Nase geknipst. 
- Doch nichts steht allein auf der Welt, ohne wenigstens 
Vater und Mutter zu haben. Auch hier gäbe es eine Ant 
wort für den Cardinal von Ferrara. Wir muffen uns 
von Zürich nach Basel aufmachen, wo in Böcklin einer der 
genialsten Maler arbeitet, die jemals in den Regionen des 
Märchenhaften zu Hause waren. Böcklin bindet uns alles 
als wirklich und wahrhaftig passirt auf, was ihm nur durch
	        
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