Full text: Zeitungsausschnitte über sonstige Veröffentlichungen

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© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 49 
Müller-Fr aureutli, Carl, Die deutschen 
Liigendichtungen bis auf Münchhausen. Halle, 
Max Niemeyer. 1881. 148 8. 8. 
Vorstehende Schrift ist mit vielem Fleiss und 
Eifer gearbeitet und verdient um so mehr Aner 
kennung, als sie, abgesehen von dem vortrefflichen, 
aber vorzugsweise nur die Lügenmärchen und 
Lügenlieder berücksichtigenden Abschnitt inUhland’s 
Abhandlung über die deutschen Volkslieder (Schriften 
zur beschichte der Dichtung und Sage III, 222—43), 
die erste Behandlung des Themas ist. Natürlich ist 
eine erste Behandlung eines so reichen Themas immer 
unvollkommen und nur als Vorarbeit einer einstigen 
vollkommeneren anzusehen. Wiederholte gründliche 
Durchforschung der deutschen Literatur wird gewiss 
noch manches ergeben, vor allem aber müssen die 
Lügendichtungen der fremden Literaturen ver 
gleichend herangezogen und ihre etwaigen Ein 
wirkungen auf die deutschen untersucht werden. 
Bis jetzt fehlt es, so viel ich weiss, an Arbeiten 
über die nicht deutschen Lügendichtungen, und 
deshalb ist es nicht zu verwundern, dass unser 
Vers, sie nur wenig berücksichtigt hat. Er hätte 
aber jedenfalls die wichtigsten fremden Märchen- 
und Volksliedersammlungen, so weit dieselben ihm 
im Original oder durch DÜbersetzungen zugänglich 
waren, durchsehen müssen; es würde dies den Ab 
schnitten über die Lügenmärchen und Lügenlieder, 
von denen ersterer der schwächste des ganzen 
Buches ist, sehr zu gute gekommen sein. — Ein 
mehr äusserlieher Mangel der Schrift ist, dass von 
den 9 Bogen derselben die drei letzten unter dem 
Titel ‘Nachweise und Anhänge’ 292 eng gedruckte 
Anmerkungen enthalten. Dieselben bestehen theils 
aus kurzen Citaten, und zwar öfters nur aus einem 
einzigen, theils aus Anmerkungen bis zur Länge 
von ein oder zwei Seiten. Es wäre für den 
Leser viel bequemer, wenn die Mehrzahl der 
Anmerkungen zum Theil in den Text verar 
beitet, zum Theil unter ihn gesetzt und nur die 
jenigen, die wirklich als Anhänge zu betrachten 
sind, hinter dem Text ihren Platz gefunden hätten. 
— Von den Nachträgen, kleinen Berichtigungen 
und Bemerkungen zu Einzelheiten, die ich mittheilen 
könnte, mögen einige hier folgen. Ein paar Nach 
träge und Berichtigungen haben auch F. Lichten 
stein in der Deutschen Litteraturzeitung 1882, Nr. 
28, Sp. 1011 f., und J. Bolte in dem Jahresbericht 
der Gesellschaft für deutsche Philologie in Berlin 
IV, 35 f., gegeben. — Zu den 8. 5 ff. besprochenen 
Lügenmärchen wären viele nachzutragen, ich be 
gnüge mich aber hier auf meine Anmerkung zu 
einem Märchen aus Venetien im Jahrb. für roman. 
u. engl. Lit. VII, 275 ff. hinzuweisen, die ich jetzt 
sehr vermehren könnte. — Das S. 17 f. besprochene 
Grimmsche Märchen Nr. 138 hat noch folgende 
Parallelen: L. Strackerjan, Aberglaube und Sagen 
aus dem Herzogthum Oldenburg, II, 297, Nr. 617 ; 
A. Ive, Fiabe popolari rovignesi, Nr. 4; P. Sebillot, 
Litterature orale de la Haute-Bretagne, 8. 389; 8. 
Baring-Gould, Household Stories, Nr. 12 (Appendix 
zu W. Henderson, Notes on the Folk Lore of the 
Northern Counties of England and The Borders); F. 
J. Wiedemann, Aus dem inneren und äusseren Leben 
der Ehsten, S. 290 (als Räthsel mit unklarer Lösung). 
— Oberflächlich sind die Bemerkungen S. 30 und 
80 f. über Heiligenlegenden und Lügenschwänke. — 
Eine hübsche Variante der S. 62 f. besprochenen 
Erzählung von der Lügenbrücke findet sich aus 
dem Volksmund mitgetheilt bei L. Adam, Les Patois 
lorrains, 8. 409. Die Geschichte spielt hier zwischen 
S. Peter und Te hon Dien und die Brücke von 
Abaucourt ist die Lügenbrücke. — Den 8. 65 f. 
erwähnten Riesenfischen, die für Inseln gehalten 
werden, ist besonders der Fisch Jasconius in der 
Navigatio S. Brand ani hinzuzufügen. — Zur Ge 
schichte von Hans dauert in der Tonne, der aus 
dem Spundloch heraus einen Wolf am Schwänze 
packt u. s. w. (S. 69), verweise ich auf das Archiv 
für slavische Philologie I, 275 f. und füge meinen 
dortigen Nachweisen jetzt noch Melusine I, 91, E. 
Rolland, Faune populaire de la France, I, 142, M. 
Kremnitz, Rumänische Märchen, 8. 152, hinzu. — 
Bei Besprechung des Vincentius Ladislaus des Her 
zogs Heinrich Julius als ‘Abbild des Miles gloriosus 
und Vorläufer der Bramarbasse des dreissigjährigen 
Kriegs, der Horribilicribrifax und Daradiridatum- 
tarides’ (S. 75 f.) hat der Vers, auffallenderweise 
den wiederholt gedruckten Aufsatz Herman Grimm’s 
‘Das Theater des Herzogs Heinrich Julius von 
Braunschweig zu Wolfenbüttel’ (Westermann's Deut 
sche Monatshefte I, 1856, S. 323 ff., H. Grimm, 
Essays, Hannover 1859, 8. 134 ff., Fünfzehn Essays, 
neue Folge, Berlin 1875, 8. 142 ff.) nicht benutzt, 
durch welchen er auf den ‘Capitano’ der italienischen 
Komödie und auf Francesco Andreini’s — nicht, 
wie bei Grimm überall gedruckt ist, Andrieni’s — 
Dialoge ‘Le bravure de! Capitano Spavento’ hin 
gewiesen worden wäre. Heber den ‘Capitano’ und 
Andreini’s Dialoge hat seitdem auch A. Bartoli in 
seiner vortrefflichen Einleitung zu den von ihm 
herausgegebenen ‘Scenari inediti della Commedia 
delP arte’, Firenze 1880, 8. XVIII—XXV, LIII— 
LV, gehandelt. Bei dieser Gelegenheit sei darauf 
aufmerksam gemacht, dass eine deutsche Heber 
setzung der drei ersten Dialoge Andreini’s mit dem 
Titel ‘Hauptmann Schreck. Auß Wellischer sprach 
in Hochdeutsche vbersetzt, Durch Chim Haarlock 
von Vorhoff. Zu Berckweis Vorlegte Saul Klar- 
wick. Im Jahr, 1627’ (4°) im Besitz der Grossh. 
Bibliothek zu Weimar ist. Erich Schmidt’s An 
nahme (Anzeiger für d. Alterth. u. d. Lit. VII, 318), 
Andreini’s Buch werde auch nach Deutschland ge 
langt sein, erhält dadurch eine Bestätigung. Auch 
ein, wie es scheint, ganz unbekanntes, ebenfalls im 
Besitz der Weimarischen Bibliothek befindliches 
Werkehen von Johann Rist sei hier erwähnt, welches 
betitelt ist: ‘Johannis Ristii Holsati Capitan Spavento 
Oder Rodomontades Espagnolles. Das ist: Spanische 
Auffschneidereyen, auß dem Frantzösischen in deut 
sche Verß gebracht. Zum Drittenmahl Gedruckt 
bey Johann Guttwasser, in Verlegung Tobise Gunder- 
mans, Buchführer, 1640’ (8°). Rist’s Dedication des 
Büchleins ist vom 1. Januar 1635. Ueber sein 
Original, die in spanischer und französischer Sprache 
verfassten ‘Rodomuntadas castellanas’ (s. 1. 1607; 
Rouen 1610), weiss ich nichts weiter, als was Rist’s 
Vorwort, Ticknor, Geschichte der schönen Literatur 
in Spanien, II, 244, und Brunet, Manuel, IV, 1347,
	        

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