Full text: Zeitungsausschnitte über sonstige Veröffentlichungen

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 49 
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aus : 
Hessische Morgenzeitung, 
Kassel, Nr. 4954, 1672, 
Jul.23, S. 2 
# Das hundertjährige Jubiläum der königlichen 
Zeichenakademie zu Hanau. 
Unsere Zcichenakademie, welche für unsere zum großen 
Theile künstlerische Auffassung voraussetzende Gewerbe von 
so hoher Bedeutung geworden, wurde von dem Erbprinzen 
von H4sen, dem nachmaligen Landgrafen Wilhelm IX. 
auf Ersuchen von Hanauer Gewerbetreibenden, welche die 
Nothwendigkeit einer derartigen Anstalt wohl erkannten, den 
den 20. Juli 1772 gegründet. Sehr bescheiden trat die 
neue Stiftung mit einem jährlichen Zuschuß von 500 fl. 
und 30 Klafter Holz ins Leben, vor Allem auf die Opfer 
bereitwilligkeit der Bürger angewiesen, die dann auch nicht 
fehlte. Ein Franzose, der nur wenig der deutschen 
Sprache mächtig war, Professor Gallien, leitete, unterstützt 
von Jacob Büry, die Anstalt. Das Monopol auf Erthei- 
lung von Zeichenunterricht, welches schon bei der Stiftung 
den Lehrern zur Verbefferung ihres Gehaltes und um neue 
Kräfte durch günstige materielle Situirung anzuziehen, ge 
geben war, hatte zunächst den üblen Einfluß, daß diese sich 
mehr mit dem lohnenden Privatunterricht, als mit ihren 
sonstigen Schülern beschäftigten und dies, verbunden mit 
der einseitigen französischen Kunstrichtung, welcher Gallien 
huldigte, bewirkte, daß die Zahl der Schüler bis auf 50 
herabsank, welche kaum noch im Zaume gehalten wurden. 
Dieser traurige Zustand dauerte fort, bis 1806 Gallien pen- 
sionirt wurde und an seiner Statt ein, als Künstler wenig 
bedeutender, aber als energischer Organisator bekannter Mann, 
Konrad Westermayer, trat. Das Einkommen der Akademie 
betrug damals jährlich 268 fl. bei einem Vermögensbestand 
von 2500 fl.; die Zeitoerhältnifse waren auch nicht dazu 
angethan, Westermayer bei Antritt seiner Stellung zu er- 
muthigen, aber es gelang der Thatkraft und Aufopferungs 
fähigkeit des neuen originellen Dirigenten, unter seinem 
strengen Negimente gegen 200 Schüler zu vereinigen. Leider 
war diese Blüthe nur eine kurze, und als 1834 Wester 
mayer gestorben, befand sich die Akademie in so trostlosem 
Zustande, daß viel Selbstvertrauen dazu gehörte, diese Erb 
schaft anzutreten. 1837 wurde Th. Pellissier, ein früherer 
Schüler, zum Jnspector ernannt und von dieser Zeit datirt 
die stetig wachsende Blüthe und Bedeutung der Akademie, 
welche jetzt unter der vortrefflichen Leitung des Herrn Di- 
rector Hausmann über 400 Schüler zählt. So lange 
solche Kräfte diese Anstalt lenken, wie Director Hausmann, 
dessen Ruf als Künstler ebenso unbestritten, wie der eines 
thatkräftigen, anregenden und liebenswürdigen Lehrers, so 
lange der Dirigent, von so tüchtigen Lehrern unterstützt 
wird, wie dies jetzt der Fall ist, so lange wird unsere 
Kunstanstalt auch blühen und gedeihen. Wenn auch Maler j 
jetzt sollen ausgebildet werden, ist der Einfluß der Anstalt 
auf unsere Industrie ein ganz unberechenbarer und nicht 
zum kleinsten Theile ist der Akademie das Aufblühen der 
berühmten Golowaarenindustrie Hanaus zu verdanken. Daß 
unter diesen Umständen das erste hundertjährige Jubiläum 
der Anstalt gern und freudig von unserer Bürgerschaft ge 
feiert wurde, bedarf wohl kaum der Erwähnung. 
Von Seiten königl. Regierung waren zur Feier 500 
Thaler, sowie weitere 200 Thaler zur Anschaffung von 
Kunstwerken zur Verfügung gestellt und schloffen sich diesen 
Gaben reiche Geschenke Sr. Excellenz des Herrn Handels- 
und Cultusministers an. Diese Gegenstände, sowie die von 
Berlin hierher gesendeten werthvollen Theile der Minutoli- 
Sammlung und der Sammlungen des königl. Gewerbe- 
museums waren mit Fabrikaten unserer Industriellen zu 
einer zwar kleinen, aber höchst interessanten Kunstindustrie- 
Ausstellung in den Räumen des Neustädter Rathhauses ver 
einigt. In dessen großem Saale, reich decorirt mit 
Statuen und Teppichen, mit den Gemälden des Stifters 
und der Lehrer der Anstalt, wie Bildern unserer Hanauer 
Künstler, begann gestern Vormittag 9 Uhr der Festactus 
mit der Eröffnungsrede des Vorsitzenden, des Herrn Land 
raths Freiherrn v. Schrötter. Hierauf entwickelte Herr 
Director Hausmann in .frischen und kräftigen Zügen die
	        
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