Full text: Zeitungsausschnitte über Grimmdenkmäler, -feiern, -sammlungen und -museen

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Mittwoch 
Casseler Tagevratt und Anzeiger. 
9. December 189k> 
© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 48 
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J. Th. »5VV an die Geschäftsstelle 
dieses Blattes. 
Saubere j. Frau od. Mädchen zur 
Auftv. gesucht, Eötn. Allee 79 
chen zur 
. Pt. Üs. 
Arlteres ftäulriit 
vder Wittwe, w. geneigt ist, kl. bäuSl. 
Arb. mit zu übernehmen, gegen freie 
Wohnung und Heiz. z. 1. Jan. gesucht. 
Aug, u. ». H. »006 an die ®efd)ft. 
TW. Keijungs-Woilllur 
bei gutem Lohn für dauernde Be 
schäftigung gesucht. Wo? sagt die 
Geschäftsstelle d. Bl. 
WM" Ein braves, fleißiges Mäd 
chen, am liebsten vom Lande, für sofort 
gesucht, Querallee 56, I. Et. 
Fortsetzung siehe drittes Blatt. 
I. Mann, erfahren in Krankenpflege, 
mit g. Zettftmsse, der auch Hausatbeit 
verrichten kann, sucht Stelle. Angebote 
unt. Nr. »610 an d. Gesckst. d. Bt. 
E. I7j. Mädchen, d. Nähen ». Zu 
schneiden erl.. s. St. als Gehülfin z. Jan. 
N. Wallstrahe 4, bei Schneider. 
Eine Frau sucht Aufwartung, oberste 
Gasse 41, Hinterhaus II. 
TOBT“ Gesunde, kräftige Amme 
sucht sofort Stelle. Angebote unt Nr. 
»611 an d. Geschäftsst. d. Blattes. 
Ein ordentl. Mädchen mit g. Zeug 
nissen sucht wegen Bersetzuny der Herr 
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Fortsetzung siehe drittes Blatt. 
Druck und Verlag der Köuigl. Hofbuchdruckerei von Gebrüder Gotthelft, Easiel. 
Zeitung für Stadt und Land. 
j- 
«boimemrutlpreia betritt fjic Hagel » Mark bei freier tzirsenin? ii?» 
t anS: bei alle» Pos>nu0»Nku in iitib augkrhalb Pre.ißeuS !5 Mark 
0 PsA. — löcfJcUuHiirit flirr ttnffel stad tu der Gelcha'fiofltLe d. Bl» 
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Uuz-rigen für da» GüiittlanSlisat» werde« nur bi» Lo»,e.rve»d 
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9. Dclmiier. 
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Pediti on b. BI„ uiitboU Moifr i» Berlin und tzrankfurt a. M. u, 
aaseujltili u, Bögler tu Easiel, Haiitdurg, tzrankfurt ». M. und 
Berit», G. Ü. Daube L Co. in Fraukfurt a. M. und Hamburg. Ins 
Validendauk in Berlin und DreSdem Adolf Steiner tu Hamburg. 
1896. 
43. Jahrgang. 
Der Proceß Lützow-Leckert. 
Ueber die Schlnßverhandlmtg am Montag ist bereits in 
voriger Nummer ein zusammenfasiender Bericht veröffent 
licht worden. Wir tragen hier noch Einzelnes ausführlicher 
„ach, zunächst den Gang der Verhandtung. der zur Ver 
haftung des Criminalcommisiars v. Tausch im Gerichtssaal 
führte: 
Oberstaalsanwalt: Haben. Sie gar nicht darüber ge- 
spwchen?— v. Tausch: Ja, ich habe überLeckert gesprochen, 
aber ich habe etwas Derartiges nie von ihm erzählt. — 
Oberstaatsanwalt: Ist es Ihnen nunmehr gestaltet worden, 
dew Nomeu Ihres Gewährsmannes zu nennen, der Ihnen 
den Herrn v. Hnlm als den Verfasser des Artikels in der 
-Cölnischen Zertung" bezeichnete? — Zeuge: Ja, es ist der 
Jonlnalist Stärck vom „Berliner Tageblatt" gewesen. 
Oberstaatsanivalt: Der Herr war gestern Abend bei mir: 
er ist geladen und wird vernommen werden. 
N.-A-Lubszynski: Ich muß meine Verwunderung darüber 
aussprechen, daß der Zeuge v. Tausch seiner Mappe iuimer 
neue Briefe entnimmt, die er schon am ersten Tage seiner 
Vernehmung hätte produciren müssen, da er dock geschivoren 
hat, nichts zu verschweigen. Doch dies nur nebenbei. Ich 
will hervorheben,, daß das Gestäudniß des Angeklagten von 
Lützow sich bisher in allen Pünkten al§ wahr erwiesen hat 
Daß der Zeuae v. Tausch ein besonderes Interesse an der 
Veröffentlichung des ersten Artikels hatte, halte ich für er 
wiesen- Er wird es mir nicht übel nehmen, wenn ick an 
nehme, daß er den ersten Artikel schon vor seinem Erscheinen 
gekannt Kat. — Zeuge v. Tausch: Nein, ich habe weder 
diesen, noch sonsteinen politischen Artikelinspirirt. — Verth.: 
Halten Sie es nicht für einen politischen Artikel, wenn Sie 
Nachrichten über de» Gesuüdheitszustand des Kaisers^ in die 
Presse lanciren? — Zeuge v. Tausch: Das habe ick nie 
gethan. — Verth.: Haben Sie auch niemals eilten verletzen 
den Artikel über einen Ihrer Vorgesetzten, den Grafen Still 
sried, in die Presse gebracht? - Zeuge v. Tausch: Niemals. 
Präs.: Bei dem großen und berechtigten Interesse, welches 
dieser Proceß erregt, ist gewiß eine möglichst weitgehende 
Aufklärung geboten, aber ich möchte doch den Vertheidiger 
bitten, seine Anträge auf Beweiserhebmlg zu den von ihm 
angeregten Punkten vorläusig nicht zu stellen. 
Der nächste Zeuge ist der Chefredacteur des „Berliner 
Tageblattes", Dr. Arthur Levyiohu. Vors.: Herr Zeuge, 
es ist in» „Berliner Tageblatt" eine Notiz erschienen, des 
Inhalts, daß Leckert im Auswärtigen Amt empfaiigen wor 
den sei. Von wem haben Sie diese Notiz? — Zeuge: Von 
dem Crimrnalcommissar v. Tausch. — Vors.: Unter welchen 
Umständen geschah dies? — Zeuge: Eines Abends erschien 
Herr v. T. bei mir und bat mich um die zweite Hälfte des 
von uns gebrachten Föllmer'schen Artikels, da er nur die 
erste Hälfte habe und die zweite ihm abhanden gekonimen 
sei. Diese Unterredung fand am Abend des 21. Octobcr 
statt. Ich wollte jedoch der politischen Polizei keine Dienste 
leisten, es wurde mir auch sehr bald klar, daß der ganze 
Besuch des v. T. nur ein Vorwand war, wie diese Herren 
gewöhnlich irgend einen Vorwand vorschützen. Im Laufe 
der Unterredrrng fragte ich v. T.: Wer siiid denn eigentlich 
diese Leckert und Lützow? (Auf Antrag des Oberstaats 
anwalts Drescher beschließt der Gerichtshof, den Zeirgen 
v. Tausch während der weiteren Vernehninng des Zeugen 
abtreten zu lassen.) v. Tausch sagte hierauf, Leckert sei ein 
Mann, der in fcuiüetoniftifdjev Weise und als Theater- 
referent für verschiedene Zeitungen, so unter Anderm 
für die „Tägliche Rundschau", thätig sei. Ick fragte 
dann weiter: Wie kommt. Leckert dazu, sich auch mit 
Politik zu befassen, und wie konrmt Lützow zu einer Ver 
bindung mit Leckert? v. T. antwortete mir; Leckert hat 
Beziehungen zum Auswärtigen Amt. Lützow ist hierbei nur 
ein Strohmann und der Dupirte gewesen. Alles dies ist 
später von mir aufgeschrieben und in einem LUtikek ver 
öffentlicht worden. Dieser Artikel wird getreuer als mein 
Gedächtniß die Ereignisse wiedergeben. Ich ahnte damals 
auch noch nicht die Bedeutung der Sache. — Vertheidiger: 
Der Zeuge v. T. hat nun eben unter seinem Eide bekundet, 
daß er nie dem Chefledactenc Levysohn erklärt habe, Leckert 
sei im Auswärtigen Amt empfangen worden. — Zeuge: 
J^ch bleibe bei meiner abgegebenen Aussage. — Rechts- 
anwatt Lnbszhnski: Ist Ihnen vielleicht die Veröffentlichung 
der Unterredung von v. T. verboten worden? v. T. be 
hauptet, daß er Ihnen gesagt hat, „das bleibt unter uns 
und soll nickt veröffentlicht werden". — Zeuge: Dies ist 
nifle: 
möglich. Ich bezog dies aber zumeist auf die Mittheilungen, 
die er mir über verschiedene hochgestellte Männer ncachte. 
— Vors.: Hat v. T. dabei auch beu Namen des Herrn 
v. Marschall erwähnt? — Zeuge: Ich samt dies nicht mehr 
sagen. — Vors.: Vielleicht hat v. T. Ihnen zwar über die 
Sacke selbst nicht Schweigen geboten, Sie aber gebeten, 
über die Quelle zu schweigen. — Zeuge: Ich erinnere mich 
jetzt, daß er zu mir sagte: „Das bleibt unter uns." Ich 
habe dies aber ans die ungeschminkten Ausdrücke bezogen, 
die v. T. bezüglich der Negierung machte. Auf die Mit 
theilungen über Leckert, welcher Affaire ich damals über 
haupt geringe Bedeutung beimaß, bezog ich dies nicht, 
v. T. sprach oft zu mir über die Regierung in den unge 
schminktesten Ausdrücken, so daß ich ihm mißtraute und es 
für eine Provocation hielt. Ich wußte, daß ich einen Be 
amten vor mir hatte, und habe nie diese Mittheilungen für 
mein Blatt verwerthet. — Rechtsanwalt Gcnnerich: Hatten 
Sie die Emvstndung, als ob v. T. die Beziehungen des 
Leckert zum Auswärtigen Amt als eigenes Erlcbniß hin 
stellte oder erhielten Sie den Eindruck, als ob er ihm von 
Lützow gemachte Mittheilungen wiederholte? — Zeuge: Ich 
hatte die Empfindung, als ob v. T. dies Alles aus eigener 
Wissenschaft erzählte. 
Es wird hierauf der oben erwähnte Artikel des „Berliner 
Tageblattes",, welcher sich auf die Unterredung des Zeugen 
mit v. T. bezicht, verlesen. Freiherr v. Marschall erbittet 
sich die Erlaubniß zu folgenden Ausführungen: Unmittelbar 
nach Erscheinen deS fraglichen Artikels fragte ich den Zeugen 
Levhsohn nach Entstehen des Artikels. Herr Dr. Levysohn 
erzählte mir genau dassUbe, was er hier soeben ausgeführt 
hat, nur stellte er die Sacke so dar, als ob er seine Mit 
theilungen von einem Anonymus habe. Er nannte 3nt 
Namen v. T. nicht und sagte zu mir, er könne den N m 
deS Betreffenden nicht nennen. Hierauf sagte ich zu iwm 
Aber ich kann Ihnen den Namen neunen, es ist v. Tausch 
vr. Levysohn antwortete darauf nichts» aber ich hatte die 
Enipfilldung, als wenn das, was ich gesagt hatte, nicht 
falsch sei! 
Oberstaatsanwalt Drescher: Angesichts dieser Aussagen ist 
der Moment gekommen, den ich fürchtete, der Moment, in 
welchem ich gezwungen bin, den folgenschweren Antrag zu 
stellen: den Zeugen v. Lausch wegen dringmden Verdachtes 
deS wiffemlichen Meineids zu verhaften. — Vors.: Das 
Gericht wird über diesen Antrag berathen. — Nach kurzer 
jett erscheint der Gerichtshof wieder und richtet an den 
/ereingecukenen Zeugen v. Tausch nochmals dir Frage, ob 
X bej feiger Aussage bleiben könne. — 
Ja, ick habe nie zu Dr. Levysohn gesagt, daß Leckert int 
Auswärtigen Amt cmpfangeil worden sei. — Bors.: Haben 
Sie denn den Artikel im „Berliner Tageblatt" gelesen? — 
Zeuge: Jawohl, und ick sagte sofort zu Herrn Gclieimratb Fried' 
heim: „Nun sehen Sie dock, da ist ja Alles veröffentlicht 
und gerade das. was ich gar nickt gesagt habe. ist gesperrt 
gedruckt." — Bork.: Ihre Vernehmung ist hier zu Ende, 
und wenn Sie noch etwas zu sagen haben, so ist es jetzt die höchste 
Zeit dazu. Sie bleiben also bei Ihrer Behauptung, daß 
Sie nie zu Dr. Levysohn gesagt haben, Leckert sei im Aus 
wärtigen Amt empfangen worden? — Zeuge: Jawohl. — 
Vors.: Das Gericht beschließt, den Zeugen von 
Tausch wegen dringenden Verdachtes des 
wissentlichen Meineides zu verhaften (Große 
Sensation.) v. Tausch ist zur gerichtlichen Haft abzuführen. 
Es steht Ihnen (zu v. Tausch) gegen diesen Beschluß Be 
schwerde beim Könialicken Anitsgerickt offen. — v. Tausch 
hebt noch einmal die Hand bock und betheuert: Was ick 
gesagt habe, ist wahr. Er wird abgeführt. 
^ Aus der Vernehmung des Journalisten Stärck ist noch 
die Behauptung desselben nachzutragen, daß v. Tausch aus 
dem Standpunkte vieler Bismarckanhänger stehe, den Frhrn. 
v. Marschall gewissermaßen für einen unbefugten Eindring 
ling halte und seine Anficht dahin kundgegeben habe, Gras 
Herbert Bismarck passe für den Posten des Staatssecrelärs 
weit mehr. als Frhr. v Marsckaü. 
Auf jede weitere Beweisansnahme wird allseitig verzichtet, 
ebenso auf jek>e weitere Verlesung von Zeitungsartikeln 
Die Beweisaufnahme.ist somit geschlossen. 
Nack einer Panse beginnen die Plaidoyers. Wir geben 
die Rede des Staatsanwaltes, da stc alle wesentlichen 
Momente des Processes zusammenfaßt, hier im Worllaute 
wieder: 
Oberstaatsanwalt Drescher: Meine Herren Richter! Wir 
nähern uns dem Ende eines großen Processes, eines Pro 
cesses von hoher, eminent politischer Bedeutung, eines 
Processes, der in den letzten Tagen überreich war an un 
erwarteten Ereignissen und überreichen Zwischenfallen, an 
dramatischen Scenen. Der Gipfelpunkt wurde heute er 
reicht in dem Moment, als ein Manu zur Haft gebracht 
wurde, der in dieser Sache eine gefahrbringende, eine ver- 
hängnißvolle Rolle gespielt hat. Es ist nickt meine Auf 
gabe, auf die Vorgänge, die zu de>n Sturze dieses Mannes 
geführt haben, hier näher einzugehen. Der Mann wird 
seinem verdienten Schicksal nicht entgehen. Jetzt aber schon 
ein voreiliges, endgiltigcs Urtheil zu fällen, würde dem 
obersten Grundsätze der Rechtspflege „audiatur et altera 
pars“ widersprechen. Wenn ick also über alle Vorgänce. 
die diesen Mann berühren, hinweagehe, so kann ick aber 
dock schon sagen: Dienstlich ist er schwer compromittirt. Ick 
berühre aber heute diese Vorgänge nur so weit, als sie iry 
nnmittelbarenr Zusammenhange mit der Schuldfrage und 
der Frage der Strafabmessung stehen. Ick habe gesagt, 
daß dieser Proceß eine eminent Hobe politische Bedeutung 
bat. ^ Allerdings ist diese Bedeutung nickt in den Pecsön- 
lichkeitcn der Angeklagten begründet. Höchstens die beiden 
angeklaaten Redacteure können auf etwas politische Bedeu 
tung Anspruch machen. Die vier übrigen Angeklagten baden 
nicht die geringste politische Bedeutung. Der Angeklagte 
Föllmer wird es mir wohl nicht übel nehmen, wenn ick 
sage, er hat lediglich aus Unverstand gehandelt, und der 
Angeklagte Leckert mag das Interesse seines SohneS haben 
wahrnehmen wollen. Leckert.tun. und v. Lützow bezeichne 
ich als ganz gewöhnlickie Calninnianten. Ich werde im 
Lause meines Plaidoyers manches harte Wort sprechen 
müssen. Aber ich werde mich bemühen, möglichst objectiv 
zu sein. Da ist zuerst der Angeklagte Leckert jun. Er 
ist ein junger, nnerfahreuer Mann von 20 Jahren, der vor 
3 Jahren noch die Schulbank drückte, dann ein halbes Jahr 
ergebnißlos die kaufmännische Laufbahn verfolgte und dann 
plötzlich den Berus in sich spürte, Schriftsteller und Jour 
nalist zu werden. Dazu gebort am End; dock mehr. Lecker« 
mag in seiner an Größenwahn streifenden Eitelkeit wirklich 
geglaubt haben, er habe das Zeug zu einem Journa 
listen in sich. Richtig ist cs ja, daß er als solcher Un 
geheuerliches geleistet. Das erste, was er als Journalist 
thut, daß er fick einen nom de guevre beilegte. Er nannte 
ich als Schriftsteller Heinz Larsen. Wie gesagt, um Sckrift- 
keller zu sein, dazu gehört mehr. Dazu gehört gereifte 
Lebenserfahrung, Urtheilskraft und vor Allem Liebe zur 
Wahrheit und Liebe zur Ehre. Das aber geht Ihnen alles 
ab. Ich glaube, ich trete Ihnen damit nicht zu nabe. Eine 
politische Bedeutung ist Ihnen nicht zuzumessen. Ick komme 
nun zu dem zweiten Angeklagten. Er ist ein Mann von 
altem Abel, von hohem, berühmtem Namen, ein frühere» 
Osficier, der jetzt auf der Anklagebank sttzt. Er steht aus 
der gleichen Stufe, wie sein Gesckäftsgenosse Lockert. Er 
besitzt allerdings Lebenserfahrung nud Gewandtheit, allzu 
viel Gelvandtbeit. Aber auch ihm fehlt die Liebe zur Wahr 
heit und die Liebe zur Ehre. Für eine wissentliche Unwahr 
heit hat er sein Ehrenwort eingesetzt. Er hat ferner einc 
Doppelrolle gespielt, die als Journalist und als Vertrauens 
mann der politischen Polizei. DaS beiveist genug. Ick 
komme auf die in dem Processe viel besprocke»le Stellung 
der Vertrauensmänner. Man glaubt augenscheinlich vielfach 
im Publikum, daß der Behörde durch die Anstellung von 
Vertrauensmännern ein gewisser Makel anhaftet. Dagegen 
muß ick die Behörde schützen. Leider sind wir gezwungen, 
solche Vertrauensmänner zu halten; sie sind unentbehrlich 
im SicherheitLinteresse. Auf eine Behörde ist also ein Vor- 
»vurf nickt zu richten. Eine andere Frage ist allerdings, in 
welcher Weise die Vertrauensmänner benutzt werden, und 
welche Personen sich dazu hergeben. Werden solche Ver- 
trauensiiiäliner angenommen, dann muß es auch mit großer 
Vorsicht und großem Takt geschehen, sonst treten derartige 
Verhältnisse ein, wie sie der Proceß aufgedeckt hat. Und 
nun frage ich, welche Personen geben sich dazu her, Ver 
trauensmänner zu werden? Es sind Leute von verlorener 
Existenz. Der Angeklagte von Lützow bat in seinem Leben 
Schiffbruch gelitten und wollte sein Brod verdienen. Er 
ist auf diese We se auf den Weg gekommen, den er zu seinem 
eigenen Verderben eingeschlagen hat. Er ist auch kem Mann 
von politischer Bedeutung. — Wo liegt denn nun aber die 
eminent politische Bedeutung des Falles? Sie liegt in den 
Personen der Beleidigten und in dem Gegenstände der Be- 
lcidiguna Beleidigt sind der Graf zu Eulenburg, der Hof- 
marsckall Sr. Maj. des Kaisers, ein hochgeachteter Mann 
aus der nächsten jUmgebung des Monarchen, an den sick 
bisher noch Niemand herangewagt hat. Nur den Ange 
klagten Leckert und v. Lützow war es vorbehalten, an diesen 
Mann sich heranzuwagen und gegen ihn einen unerhört 
schweren Vorwurf zn schteudern. Beleidigt sind ferner der 
Staatssecretär v. Marschall, der Prinz Alexander zu Hohen 
lohe und der Wirkliche Legationsrath Dr. Hammann in 
Bezug auf ihre Amtsehre. Dem Hofmarschall Grafen zu 
Eulenburg ist der Vorwurf einer Fälschung, eines Ver 
trauensbruches, eines VerratbS gemacht. Er soll die In 
tentionen Sr. Majestät eigenmächtig durchkreuzt haben zum 
Schaden seines Vaterlandes und englischen Einflüssen ge 
horchend. Das ist ein Vorwurf, wie er schwerer 
kaum gedacht werden kann. Es ist bei dieser 
Gelegenheit wieder daS Wort „Nebenregierung- be 
nutzt worden. Ich muß sagen: Mir ist diese 
o ^ f . 1 Bezeichnung in meinem dienstlichen Leben — darum allein 
Zeuge v. Tausch:»kann eS sich handeln, nicht aber um mein- persönliche 
politische Stellung — oster begegne^ und ich muß sagen: 
Es ist ein »»ichisnntziges Wort, das in jedem ,Falle geeignet 
ist, die Ehrfurcht gegen Seine Majestät den Kaiser zu ver 
letzen, unter Ulltständen sogar ein Wort, welches eine 
Akajestätsbeleidigung enthält, insofern als Sr. Majestät 
Mangel an Willensstärke vorgeworfen und er als gefügiges 
Werkzeug irgend einer Clique hingestellt werden soll. Ick 
würde keinen Angenblick zaudern, gegen Jeden mit einer 
Anklage wegen Majestätsbeleidignng unter Umständen vor 
zugehen — »nag er einer Partei angehören, welche er wolle 
—, der dieses Wort unter besonderen Umständen anwendet. 
Ich habe schon darauf hingewiesen, daß vor Jahren dieser 
Borwurf gegen den Chef des Civilcabinets in dreistester 
Weise von antisemitischer Seite erhoben worden ist. Dieses 
Wort ist altch dazu benutzt worden, um Angriffe gegen das 
Auswärtige Amt und seinen Chef zu erheben. Diese An 
griffe sind nicht neu. Der Anktageartikel ist eiaelltlich nur 
eine Fortsetzung einer ganren Reihe anderer Artikel und 
Bornvürfe, die mehr oder »vcniger versteckt an die Oeffentlich- 
keit gekommen sind. Da mao irgend ein Angriff gegen die 
Umgebung Sr. Majestät erhoben werden, sofort heißt e8: 
„Die Nebenregicrnng ist im Spiele", glle Ministcrverände- 
rnngen 1»,erden auf die Thätigkeit des Ans»värtigen Anckes 
zurückgeführt, welches als die Brntstätte aller Kabalen und 
Intriguen geschildert wird, und so sollte man eö kaum 
glauben, daß alles Mögliche dein Auswärtigen Amte auf 
gebürdet wird. Ja, was sind das für Zustä»»dc? Ist e8 
nickt im Staatsintcresse dringend geboten, einmal Klarheit 
zu schaffen? Oeffentliche Berichtigungen des Staatsaiizeigers 
niltzen nichts. Man stürzte sich vielmehr »vieder ans diese 
Berichtigungen. Dagegen hilft nur das eine Mittel „Straf 
antrag und Gerichts-Entscheidung". Ick kann mir wohl 
denken, daß man in gewisser vornehmer Zurückhaltung Be 
leidigungen verachtet, aber das bat sofort feine Grenze, jen 
seits welcher das Staatsinteresse liegt. Es mußte endlich 
einmal klare Rechnung gernacht werden. Es mußte den 
Leuten, die immer wieder mit ihren versteckten Angriffen 
hervortraten, zugerufen werden: „Heraus aus dem Busch!" 
Aber bat bettn dieser große Proceß den Zweck erreicht? Ick 
fürchte, daß dtejenigen. welche bisher diese unberechtigten 
Vorwürfe erhoben hatten, mit Nein antworten werden. 
Wenn es die Hauptaufgabe des Proceffes sein sollte, die 
Hintermänner zu erntitteln, welche hinter den beiden Artikeln 
in der „Welt ant Montag" standen, so mag auch dieser Z»veck 
als verfehlt ^bezeichnet werden. Aber ick glaube gar nickt, 
daß Leckert einen Hintermann gehabt hat. Er hat die 
Informationen, die er seinem Collegen v. Lützow gegeben 
hat, in seinem eigenen „kluaen" Hirn ausgeheckt. Ick meine 
aber, daß die Hauptaufgabe dieses Processes ge»vesen ist. 
den Beweis dafür zu erbringen, daß alle die Vorwürfe, 
»selche seit langer Zeit und systematisch gegen das Aus- 
»värtige Amt geschleudert wurden, in Nichts zerfallen, daß 
je un»vahr sind von A bis Z., daß sie un»vabr sind nach 
!eder Richtung hin. Und das ist meiner Ueberzengung nach 
im vollsten Umfange erreicht. Ich halte es für nn»vider- 
legbar daraethan. daß auch nicht der Schatten eines Ver 
dachts, auch nicht die Spur eines Makels an den Beamten 
des Auswärtigen Amtes haften geblieben ist. Ja, das 
Gegenilieit ist enviesen! Und daß dies erretckt ist, oas ver 
leiht dem Processe die eminent politische Bedeutung. 
Oberstaatsanwalt Drescher wendet sich nnn 4« 
den einzelnen Anklagepunkten. Es handelt sich zunächst um 
die beiden Artikel der Welt am Montag, welche den ?ln- 
geklagten Lützow, Leckert und Dr. Ploetz zur Last gelegt 
worden. Der Gegenstartd selbst ist in meinen allgemeinen 
Ansführnugen beleuchtet. Die beiden Artikel werfen dem 
Grasen, Elckenbnrg vor. daß er, englischen Einflüssen fol 
gend, die Zarenrede gefälscht in die Oeffentlichkeir gebracht 
hat. Daß hierin der Vonvurf eines Verratbes der Inten 
tionen des Kaisers liegt, bedarf wohl keiner Begründung. 
Ebenso »venia bedarf es der näheren Erö.terimg. daß. wenn 
dieser Borivurf zutreffen sollte, der Betreffende dadurch 
der allgemeinen Verachtung ausgesetzt werde. Es liegt Be 
leidigung wider besseres Wissen, der Tbatbestand des 8 187 
Dt. G. B. vor. Der Angeklagte Leckert bestreitet seine 
Fcknld und sagt, er batte dem Lützow keine Information 
gegeben, die in die Presse kommen sollte, alles sei nur ge 
sprächsweise erzählt worden. Ferner behauptet er, daß er 
nicht den Namen Eutenburg genannt, sondern nur allge 
mein von dem „U»»verantwortlichen" gesprochen habe. Aber 
diese Behauptungen sind Ausftückte. denn es steht fest, daß 
Leckert einen — wenigstens im Inhalt — ähnlichen Artikel 
vor der Veröffentlichung in der Welt am Montag schon 
dem Zeugen Rivpler zur Veröffentlichung in der Täglichen 
Rundschau angeboten habe. .Ferner ist erwiesen, daß Leckert 
den Lützow nach dem Erscheinen des ersten Artikels in der 
Welt am Montag, der ja in der gesamntten Presse — zn 
ihrer Ehre sei es gesagt — mit Recht als kecke Erfindmtg 
und erlogene Behauptung gebrandmarkt wurde, mittels 
Postkarte zur Besprechung des wetteren Overationsplaties 
aufforderte. Er räumt hierdurch seine Thäterschaft gc- 
ivissermaßen ein.. Der zweite Angeklagte Lützow ist ge 
ständig, er hat die Artikel verfaßt und dem Dr. Ploetz zur 
Vctöffentlicknng übergeben. Er führt zu seiner Entschnidi- 
gung an, daß er nicht wider besseres Wissen, sondern fco»»a 
fide gehandelt und sick somit nur gegen 8 186 St. G. B. 
vergangen habe. Es entsteht demnach bei beiden Ange 
klagten die Frage, ob sie wider besseres Wissen vorgegangen 
sind. Bei dem Angeklagten Leckert hat man auf die Nach 
richt und ihren außerordentlichen Inhalt zu sehen. Es 
handelt sich hier nicht um eine gewöhnliche alltägliche Nach 
richt, an bte man mitunter mit Fug und Neckt glattben ztt 
dürfen meint. Hier hattdelt es sich vieltnehr um etwas 
über das Gewöhnliche Hinausgehendes. Man muß sich 
verwtmdert fragen, katm dann ein nur einigermaßen 
vernünftiger Mensch solch' eine Nachricht für wahr halten, 
wenn er nicht einen zuverlässigen Gewährsmann hat ? Besteht 
aber hier ein Gewährsmann? Nie und nimm ernt ehr! Es 
handelt sich vielmehr um den „großen Unbekannten", der so 
oft in Strafproceffen eine Rolle spielt. Was sagt 
denn überhaupt Leckert von seinem „Gcwährstttattn" ? E 
ist sehr, schwankend in seinen Behauptungen, denn einmal 
ist. cs ein Beamter des Auswärtigen Amtes, dann ein Mit 
glied einer Behörde, etwa ein Rath. Das sind schwankende 
Angaben, die den Angeklagten unglanbtvttrdtg erscheinen 
lassen. Zu sagen: Ich habe einen Gewährsmann, darf 
nichts verrathen, mein Ehrenwort bindet nttch — das ist 
sehr bequem. Nach meiner Ansicht ist die ganze Geschichte 
mit dein Getvährsiuann ein Rkärchen. Hat der Angeklagte 
aber ketnen Gewährsmann, so hat er sich die Sachen eben 
aus den Fingern gesogen, mag dies noch so unglanbtvürdig 
erscheinen. Hei einem solch' hohlen Renotttntisten ist es 
schon zu glauben. Leckert ist überhaitpt ein Mann, der gertt 
cenomtttirt und mit der Wahrheit auf dem gespanntesten 
Fuße steht. Welch' eine Unverschämtheit von dem An 
geklagten Leckert. zu behaupten, daß er eine Andienz beim 
Reichskanzler gehabt habe! Und utir scheint, er glaubt noch 
heute, daß er eine Audienz beim Reichskanzler gehabt hat. 
Wie hat der Angeklagte nicht den Herrn Werle, den Ver 
leger des „Breslauer Generalanzeiger", angelogen! Solch' 
em Wiensch verdient keine Spur von Glaubwürdigkeit; ich 
behaupte, daß Leckert wider besseres Wissen gehandelt hat, 
und dasselbe will ich mit Bezug auf den Angeklagten von 
Lützow nachweisen. Der erfahrene, gewandte v. Lützow soll 
nicht »u der Ueberzeugung gekommen kein, daß der Angeklagte 
Leckert ein bobler, leerer Nenomtnift war? Welcher ver 
nünftige Mensch soll dies glauben? Sollte v. Lützow noch 
nickt ans seinem angeblichen Irrthum herausgekoltttnen sein, 
als die gesammte Presse seinen ersten Artikel verdammte 
und den Inhalt desselben als dumm und albern bezeichnete, 
der den Stempel der Erfindung an der Stirn trage? Welch' 
eine Verlogenl-eit und Verworfenheit ltegl in der Bezichti 
gung gegen den Schriftsteller Kukutfch! Der Angeklagte 
v. Lützotv stützt sich nun auf den Critttinalcottuntssar von 
Tausch. Ich will den Letzteren gewiß nickt in Schutz nehmen, 
das Resultat der gegen ihn einzuleitenden Untersuchung 
wird abzntvarten. sein. Man muß hierbei berücksichttgen, 
wer der Mann ist, der dir den Commissar so schwer be 
lastenden Enthüllungen macht. Die Aussagen eines solchen 
Mannes muß man mit der größten Vorsicht aufnehmen und 
seine „Etuhiillungen" sind auch nicht als baare Münze so 
fort anziittehtnen, denn sie sind doch nur unter dem Ein 
drucke zu Stande gekoinmen, daß für ihn nun Alles ver 
loren sei. Deshalb hat er den Herrn v. Tausch schließlich fallen 
lassen. Helfen kann ihm dies blutwenig, für seine bona fide, 
ist damit nichts, aber auch gar nichts bewiesen. Zweifellos 
ist and), daß beide Angeklagte auch mündlich den Freihcrrn 
v. Marschall und Beamte des Auswärtigen Amtes verleum 
derisch beleidigt haben. Lützow hat unter wiederholtem Bruch 
feines Ehrenwortes dem Angeklagten Dr. Ploetz versickert, 
daß er in Sacken des Artikels vom Frbrn. v. Marschall 
mtpsangen worden sei. Er hat die Unwahrheit dieser Be- 
hanptnttg schließlich zugestehen müssen und iß damit der 
ntündlicken Vrrleutttdttng überführt. Dazu tritt die schrift 
liche Verleumdung in den» an Herrn v. Tausch erstatteten 
Bericht. Er hat sich da auch wieder h?.»ter Herrn v. Tausch 
stecken wollen und gesagt, es fei „bestellte Arbeit" gewesen. 
Der 8 193 kaut» hier nickt Platz greifen, denn es handclt 
sich hier nickt um eine Vertheidigung, sondern um einen 
Vertrauensmanns - Bruch, für den er Belohnung erwaricte. 
um eine Jnformatiott, die der Angeklagte seinem Herrn und 
Meister gab. Darauf kann ich wohl diese beiden A'-ge- 
klagten verlassen und niich dem Dr. Ploetz zuwenden. Für 
ihn dürfte der 8 186 in Anwendung zu bringen sein, zu 
nächst sicker bezüglich des ersten Artikels, den er trotz seiner 
Ungeheuerlichkeit für wahr gehalten haben mag. da sein Ge 
währsmann der bis dabin unverdächtige v. Lützow war. 
Zweifelhafter ist die Sacke bei dem zweiten Artikel. Bei 
diesem hat stch Dr. Ploetz in ganz loyaler Wcise bei 
autoritativer Stelle erkundigt, und man kü»mte sich wuitdern, 
daß trotzdem der zweite Artikel erschienen ist. Aber er hat 
doch Zusätze gemacht, die bekundeten, daß er selbst nicht mehr 
an bte Wahrheit der im ersten Artikel ausgestellten Be 
hauptungen glaube. Seine Erklärung, die er über die Auf 
nahme des zweiten Artikels gegeben, klingt immerhin glaub 
würdig, und muß ich anheim geben, den Angeklagten Dr. 
Ploetz nur wegen des ersten Artikels aus 8 186 zn vernr- 
theilen. — Die Angeklagten Föllmer und Leckert sen. werden 
verantwortlich gemacht für den Passus in der Staatsbürger- 
Zeitung : „Auch will man muthmaßen, daß hinter der Sacke 
der Freiherr von Marschall und der Prinz zu Hohenlohe 
stehen." DaS sind schtvere Beleidigungen dieser beiden 
Herren. Föllmer hat diese Preßktmdgebung gewollt und 
auch erreicht. Wenn es nun auch sehr letchtfertig und ge 
wissenlos ist, wenn Herren der Presse mit der Ehre Anderer 
so mir nichts, die nichts umgehen, so mag doch dem Ange 
klagten Föllmer zu Gute gehalten werden, daß er mehr aus 
Unverstand gehandelt hat. Die üble Nachrede aus 8 186 
bleibt bestehen. Was Leckert seu. betrifft, so batte ich ihn für 
unschuldig, denn er hat nur im Interesse seines Sohnes ge 
handelt, ohne Kenntniß der Artikel. — Der Angeklagte 
Berger tst verantwortlich für zwei Artikel, die den Vorwurf 
enthalten, daß Alles, was irgendwie Schlechtes passirt 
vom Auswärttgen An»te angezettelt werde. Dieser Vorwurf 
zieht sich durch zahlreiche Artikel der Staatsbürger Zeitung. 
Es »st kaum glaublich, daß- ein Blatt, wie die Staats 
bürger - Zeitung, sich dazu versteigen kann, in seinem 
blinden Haß gegen den Herrn von Marschall so schwere 
Vorwürfe zn erheben. Diese beiden Artikel tragen durchaus 
den Charakter von Vcrletmtdnngsartikeln. ihre Pointe 
richtet sich deutlich gegen das Auswärtige Amt, es wird in 
dem zweiten Artikel ganz llav ausgesprochen, daß bte eigent 
lichen Inspiratoren die Herren v. Marschall und Prittz 
Hohenlohe seien. Die Vertreter der Staatsbürger-Zcttung 
haben seit Monaten gegen das Auswärtige Amt gehetzt, 
und es wäre loyal, wenn der Vertreter der Zeitung jetzt 
nach Schluß dieser Beweisaufnahnie, die kem Titelchen 
eines Verdachts gegen das Attswärlige Amt hat bestehen 
lassen, mm mit dem Zngeständttiß hervorträte: „Ich habe 
mich überzeugt, daß ich ntich geirrt habe." Das wäre loyal 
und das wäre dctttscbe Llrt, die die Staalsbürger Zeitung 
ja immer zu verlreten behauptet. Bis jetzt hat Herr- 
Berger aber ein derartiges Wort nicht gefunden. Bei der 
Strafabittessting kont.tte in Betracht die ungeheure Schwere 
der gegen Herrn v. Dkarschall geschlenderten Beleidigungen, 
und daß man ein ganzes Nest von Verleumdern vor stch 
habe, in welches mau mit fester Hand hincingreifen müsse. 
Leckert müsse trotz seiner Jngend einen enipsindlichen Denk 
zettel haben. Jcl^ beantrage gegcit Leckert 1 Jahr 
6 Monate Gefängttiß. Gegen Lützotv konintt in Betracht, 
daß er als ehemaliger Osficier und Träger eines altehr- 
würdigcn Namens mit der Ehre anderer Menschen be 
sonders vorsichtig ntttzugehen bat, ferner, daß er sich mit 
Herrn von Tausch in Verbindung gesetzt hat und recht 
viele Verbindungen besaß, in welche seine Verletttndnngen 
durchsickern konnten. Trotz seiner ..Enthüllungen" liegen 
auch bei ihm niildernde Umstände nicht vor. Ich beantrage 
auch gegen ihn 1 Jahr 6 Monate Gefängniß. Gegen 
Dr. Ploetz beantrage ich mit Rücksicht auf die guten 
Folgen, die die Sache schließlich gehabt hat. eine Festungs 
haft von 1 Monat, gegen Berger zwei Monate Festungs 
haft. gegen Föllmer 300 Akk. Geldstrafe, gegen Leckert sen 
Freisprcchttng. Das Ergebttiß dieser Vcrhaitdlnngcn tnuß 
allgeniein als ein glückliches bezeichnet werden, es umöte 
Wandel und Klarheit geschaffen werden. Deut Staats 
secretär persönlich ist an der Bestrafung der einzelnen 
Angeklagten nichts gelegen, er hatte seine schwer gefährdete 
Ehre zu ivahren: deshalb hat er sich in die Oeff iitlich- 
keit zu flüchten, und der Gerichtshof tvird, denke ich, nicht 
umbin können, den schwer beleidigten Herren ztt sagen: tvir 
gewähren Euch den nachgesttchten Sclmtz ttttb geben Euch 
Euer Recht! 
Nach den schon kurz gemcldetett Ned-en der Vertheidiger 
und nachdem der Oberstaatsanwalt statt Festtutg Gesängniß 
beantragt, zog sich der Gerichtshof unt 6'/« Uhr zttrück. 
Nach fast dreistündiger Berathung verkündet der Vorsitzende, 
Landgerichtsdirector Rößler, das Urtheil dahin: Das Gericht 
hat als erwiesen angesehen, daß der Angeklagte v. Lützow 
gegen einen Sold von ntonalttd) 200 Mk. ittt Dienste des 
Crimtnalcommissaritts v. Tausch stand, daß er diescnt nicht 
nur Attskiinfte über Verfasser von Artikeln rc. ertheilte, 
sondern ihm auch zrtr Forderung seiner (v. Tausch) perfött- 
lichen Jtlteresseu behilflich war. v. Lützow hat den ersten 
Artikel der „Welt am Montag", welcher schwere Beleidi 
gungen auf Grund unwahrer Thatsachen gegen den Grafen 
Eulenburg uiittheilt. auf Grund der Informationen dcS 
Leckert geschrieben. Letzterer hat nach Ansicht des Gerichts 
wider besseres Wissen gehandelt, denn er ist mit srtiirtn 
aitgeblichen Gewährsmattn nicht herausgekontttien. Leckert 
ist all» der verleumderischen Beleidiqnna schuldig, di«
	        

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