Full text: Zeitungsausschnitte über Grimmdenkmäler, -feiern, -sammlungen und -museen

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 48 
aus 
: Casseler Allgemeine Zeitung, Nr. 6 
1897, Jan. 6 , S. 2 
„Noch eine Grimmseier". 
Unter dieser Ueberschrift veröffentlichte der „Hanauer An 
zeiger" vom 30. November einen Bericht über die dortige 
socialdemokratische Grimm-Feier, der zumal für uns 
Caffcler, die wir jetzt eine Grimm-Sammlung veranstalten 
und in nächster Zukunft ein Grimm-Denkmal errichten 
werden, nicht ohne Interesse ist. DaS genannte Blatt 
schreibt u. A.: „Herr Manfred Wittich aus Leipzig, der 
Redner des Abends, habe gesagt, daß selten die Er 
richtung eines Denkmals mehr im Sinne des Volkes 
gelegen habe, als die Errichtung des Grimm-Denkmals 
rn Hanau. Männer der Kunst und Wissenschaft wollten 
auch die Socialdemokraten auf die vornehmste Weise ge- 
ehrt wissen, denn die Socialdemokraten vertreten oen 
Standpunkt: „Nicht nieder mit Kunst und Wiffertschast. 
sondern her mit Kunst und Wissenschaft." Das Proletariat 
wolle die edeln Güter der Cultur nicht mehr den 
Bourgeois allein überlassen, vielmehr theilnehmen an den 
gewaltigen Errungenschaften, und noch nie sei ein solcher 
ström von Kunst und Wissenschaft über das deutsche Volk 
geflossen, als das seit Beginn der socialdemokratischen 
Arbeiterbewegung derjg Fall sei. (??) Bei der Enthüllung 
des Denkmals, zu dessen Erbauung seiner Zeit auch socia- 
listische Blätter aufgefordert und socialistische Bürger ihr 
Scherflein beigesteuert hätten, seien wohl viele „loyale 
schwarz-weiß-preußische Reden" gehalten worden, aber 
keine derselben werde darauf hingewiesen haben {?), daß 
diese Männer auch volksthümlich dachten und auch den 
Kleinsten im Volke hochachteten. Die Grimm's erst hätten 
ihm durch ihre Schriften „den Star gestochen, daß' nicht 
in den goldenen Spitzen die Volkskraft liege, sondern in 
der breiten Masse". Immer und immer wieder sei von 
den Grimm's darauf hingewiesen worden, wie alles Wohl 
von unten komme (?). In ihrem Leben hätten sie dem 
altgermanischen Communismus gehuldigt, denn alles, was 
sie gehabt und gethan hätten, sei gemeinsam gewesen, und 
solches Zusammenarbeiten sei das Geheimniß der gesummten 
Culturgeschichte. Ihr Patriotismus, der sich durch hin« 
g ebende Liebe zum Volke und einiges Zusammengehen mit 
em Volke geoffenbart habe, sei das Wahre und Echte und 
werde auch von den Socialdemokraten gehegt und ge- 
pflegt. Obwohl Beide keine Socialdemokraten gewesen seien, 
jo hätten sie doch das Ehrwürdige im Volke hochgehalten 
Und seien durch ihr Wirken und Schaffen den Proletariern 
verwandt. — Nach dem Hauptredner ergriff, wie es in dem 
betreffenden Bericht weiter heißt, Genosse Hoch das Wort, 
um über die Art des Hanauer Grimmfestes bittere Klage 
zu führen. Die Feier hätte volksthümlich sein müssen, sei 
aber das gerade Gegentheil gewesen und habe sich so zu 
Linern Hohn auf die Brüder gestaltet. (?) Man habe die 
verkehrtesten Ansichten über die gefeierten Männer zu 
Tage gefördert. Die „herrschenden Massen" seien geradezu 
Unfähig, große Männer des Volkes in richtiger Weise zu 
würdigen. — Dies ein kurzer Auszug aus dem Hanauer 
" Isttt. Wir theilen sein Urtheil, daß sich etwas anders als 
n anderen Köpfen in diesen Rednern das Bild der großen 
Männer malt. Sie stehen aber im Banne der social 
demokratischen Weltanschauung und schauen Alles in deren 
Lichte. Aber so sehr wir uns auch von ihnen unterscheiden, 
ihrem Streben nach Bildung und nach Theilnahme arl 
den Errungenschaften der höheren Kultur dürfen wir die 
Berechtigung nicht absprechen, und deshalb haben wir 
geglaubt, den Lesern dieses Blattes von jener eigenartigen 
Grimmseier eine kurze Mittheilung machen zu sollen. 
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