Full text: Zeitungsausschnitte über Grimmdenkmäler, -feiern, -sammlungen und -museen

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 48 
Oswald schwankte; aber er kam nach kurzem Kampfe zu dem Schluß, daß die Annahme 
dieser Einladung keinen Bruch seines Gelöbnisses bedeute. Am Ende durfte er doch auch nicht 
sich selber ein so klägliches Mißtrauens-Zeugniß ausstellen, wie eine Ablehnung des harmlosen 
Vorschlages es bedeutet haben würde, und so warf er rasch eine kurze, freundliche Zusage auf 
das Papier. 
(Fortsetzung folgt») 
^ Verbindende* Dialog 
zu den von den Herren H. Sponsel und F. Hardt anläßlich der Grimmfeier gestellten 
lebenden Bildern, von I. L. Fischer; gesprochen von Fräulein Seel. 
I. 
Schneewittchen. 
Die Sonne geht zur Rüste! Ihr letzter, sanfter Strahl 
Grüßt Thäler, grüßt die Berge für heut' zum letzten Mal. 
Die grauen Nebel steigen gespenstig jetzt empor, 
Gigantische Gestalten schan'n zanb'risch drauh hervor. 
Der Hirte führt die Heerde dein uofjm Dorfe zu, 
Es suchen auf die Menschen ihr Heim zu süßer Ruh. 
Der Abendglocken Läuten an unser Ohr sanft tönt, 
Da knieen fronnne Beter, mit ihrem Gott versöhnt. 
Und dunkle Nacht sinkt nieder auf Feld und Flur und 
Wald, 
Und stiller, sanfter Friede kehrt ein im Haus alsbald. 
Da plötzlich Sturm! An Fenster und Laden rüttelt er, 
Als sei jetzt losgelassen des Jägers mildes Heer. 
Die zarte Taube girret auf hohem Wipfel hier, 
Der Kuckuck ruft so fleißig sein Kuckuck, Kuckuck mir. 
Eichkätzchen flink sich tummelt, huscht schnell von Ast 
zu Ast, 
Und dort im dichten Dickicht hält scheues Wild die Rast. 
Des Weges kommt gegangen ein Mägdlein zart und 
fein, 
Ern Körbchen trägt's mit Kuchen und einer Flasche 
Wein. 
Großmütterchcn im Walde, es soll sich laben d'ran, 
Denkt freudig klein Rothkäppchen und schreitet rasch 
voran. 
Doch wie es weiter eilet dahin im dunklen Wald, 
Wie es die Blumen pflücket und sich zu ihm gar bald 
Der böse Wolf gesellet, sich tückisch um es schleicht, 
Auch diese schöne Märchen sei uns im Bild gezeigt. 
Doch drinnen sitzt im Stübchen, dort bei dem Ofen 
mann, 
Großmütterchen im Pfühle. Sanft ruht in seinem Arm 
Der Enkel, und im Kreise die andern bittend steh'n: 
„Großmütterlein, erzähle ein Märchen uns recht schön!" 
Und dieses denkt und sinnet, schallt auf die Enkelschaar, 
Da leuchtet ihm das Auge wie einst so frisch und klar: 
„Es mar eimnal Schneewittchen", begann es licht ltnd 
mild; 
Doch dieses soll uns zeigen hier unser erstes Bild. 
II. 
Rothkäppchen. 
Der Frühling ist gekommen, die Sonne scheint nun 
tvarm; 
Bergangeil und vergessen ist Winters Leid unb Harm. 
„Hinaus, hinaus in's Freie, hin 311 dem grünen Wald!" 
So singen frohe Schaaren, daß lallt es schallt und hallt. 
Der Forst hat angezogen ein neues, schönes Kleid, 
Und wundersames Regen zeigt sich zur Lenzenszeit. 
Es murmeln Bach und Quellen; es zirpt und summt 
und singt, 
Im Wald, inl dunklen Haine hell Lied um Lied erklingt. 
Ein bunter schöner Teppich ist draußen ausgespnnilt, 
Zahllos die Blumen blühen an Bach- und Waldesrand. 
Es nicken Anemonen, süß duftet Schlüsselblum', 
Unb Maienglöckchen läuten des Frühlings lauten Ruhm. 
III. 
Dornröschen. 
Bor Zeiten lvar ein König und>eine Königin, 
Die waren sehr betrübet irnd lebten traurig hin. 
„Ach, wenn ein Kind wir hätten!" so sagten sie gar oft, 
Unb kriegten immer keines, wie sehr sie auch gehofst. 
Doch endlich kam ein Mädchen, so schön, so lieb unb 
hold, 
Sic hättcn's ilicht gegeben für aller Welten Gold. 
Zll einen! Freudenfeste lud inan viel Gäste ein 
Und auch die weisen Frauen, die sollten gut ihm sein. 
Doch iveil's der goldnen Teller nur zwölfe gab im Schloß 
Sind von den dreizehn Frauen geladen zwölfe blos. — 
Nachdem das Fest zu Ende beschenkten diese reich 
Das Königskind mit Gaben, mit Schönheit auch zu 
gleich. 
Als ihrer elfe hatten die Sprüche schon gethan 
Da plötzlich kam zornfunkelnd die Nichtgelad'ne an: 
„Es soll die Königstochter, wenn fünfzehn Jahr sie alt, 
Sich an der Spindel stechen und sterben dann alsbald. 
Ohn' noch ein Wort zu sprechen, ging fort sie aus dem 
Saal; 
Da sind gar sehr erschrocken die vielen Gäste all, 
Doch nun kam schnell die zwölfte; sie sprach so licht 
und klar: 
„Das Mägdlein soll nicht sterben, nur schlafen hundert 
Jahr!" 
Der König wollt' bewahren sein Kind und ließ sogleich 
Verbrennen alle Spindeln in seinem ganzen Reich. 
Am Mädchen aber wurden die Gaben all erfüllt; 
Es würd' gar schön, verständig und freundlich, sauft 
und mild. 
Da g'schah es, daß am Tage, wo alt es fünfzehn Jahr, 
Allein zurückgeblieben im großen Schlosse war. 
Es ging wohl allerorten im Schloß allein herum, 
Sah' selbst im alten Thurme sich überall dort um. 
Es kam zu einer Thüre, trat in ein Kämmerlein, 
Da spann den Flachs so einsig ein altes Mütterlein. 
„Was machst du da?" — „Ich spinne!" — „Wie das 
so lustig thut!" 
Es rühret an die Spindel, da floß auch schon das Blut. 
Doch in dein Augenblicke, !vo es den Stich empfand, 
Fiel auf das Bett es nieder, das nebenan dort stand. 
Es lag im tiefen Schlafe, mit ihm, was war im Schloß 
Der angekomm'ue König, die Königin, ihr Troß. 
Die Hunde in dem Hofe, die Tauben auf dem Dach, 
Die Fliegen an den Wänden, das Feuer folgte nach, 
Ja selbst der saft'ge Braten, der Küchenjnng und Koch: 
Sie alle, alle schliefen, kein Blättchen regt sich noch. 
Und eine Dornenhecke uingab bald allgemach 
Das Schloß; nicht konnt' man sehen die Fahne auf 
dem Dach. 
Doch ging inr Land die Sage von dem Dornröschen 
schön, 
Das einst nach hundert Jahren sollt ans dem Schlaf 
aufsteh'n. 
Oft kamen Königssöhne herzn ans weiter Fern, 
Sie hätten wohl erlöset Dornröschen gar zu gern. 
Doch blieben alle hängen am scharfen, spitzen Dorn, 
Sie inußten elend sterben; nicht half Gewalt, nicht Zorn. 
Wie aber er gekommen, der Königssohn so schön, 
Und wie dann statt der Dornen nur Blumen dort zu 
seh'n, 
Wie er Dornröschen weckte mit süßem heißen Kuß, 
Ein Bild, ein schönes, neues uns das jetzt zeigen nniß. 
IV. 
Hänse! ttttfc Gretel. 
Es legen fromme Eltern Sorg', Noth und auch den 
Schmerz 
Und ihre lieben Kinder an Gottes Vaterherz. 
Die sind da wohlgeborgen, in Gottes treuer Hut, 
Sie ruhen warm und sicher und sind geschützt gar gut. 
Doch wenn sich Eltern wenden von ihrem Herrn und 
Gott 
Und dann noch Nahrungssorgen sie suchen heim und 
Noth: 
Da !vird das Herz verbittert, man haßt, wo sonst man 
liebt, 
Ilnd inanches arme Kindlein wird oft recht sehr betrübt. 
So war es bei der Mutter von Häusel Gretel dort, 
Die selbst den bess'ren Vater zum Bösen riß mit fort. 
Die guten Kinder wurden gebracht zum Wald hinein, 
Wo wilde Thiere hausten, da ließ man sie allein. 
Doch Hansels helle Steine, die glänzten in der Nacht 
Und diese haben wieder, die Kinder heimgebracht. 
Sie kamen hin zur Hütte und schlichen sich hinein, 
Sie hossten da^zu bleiben, doch hat's nichts sollen, sein. 
Bald hat den Vater wieder das böse Weib bestimmt, 
Daß nochmals er zuin Walde sein Hänsel, Gretel nimmt. 
Und diesnial, 0 der Qualen, sie kamen nicht nach Haus, 
Sie sahen nicht die Wege, die führten dort hinaus. 
Sie nianderten und fanden nach langer Nacht und Tag 
Ein Häuschen, das im Waldr, so still verborgen lag. 
Es war von Brot gebauet, mit Kuchen schön gedeckt, 
Die Fenster waren Zucker, wie's da den Kindern schmeckt! 
„Knuper, knuper, kneischcu", rief eine feine Stiinm, 
„Wer knuspert au dem Häuschen?" doch schauen wir 
dorthin; 
Ein Bild wird dies uns zeigen, wie da die Kinder 
steh'n, 
Und Kuchen, Zucker essen vom Hänschen, das so schön! 
V. 
Apotheose. 
Was wogt und drängt die Menge so fröhlich dort dahin? 
Was deuten all die Fahnen und auch der frohe Sinn? 
Die Häuser, die geschmücket mit Blumen, Kränzen heut? 
Und ivarum allerwegen strahlt aus den Augen Freud? 
Was wollen wohl die Sänger mit ihrem frischen Sang? 
Wozu Musik, Fanfaren und lauter Hörnerklang? 
Ist uns vielleicht geworden ein neuer, großer Sieg, 
Der so viel Volk zusammen zum schönen Feste rief? 
Sind's frohe Kaisertage, die freudig man begeht? 
Gedenkt man hent an Leipzig, an Friedrichs Majestät? 
Warum sind so viel Gäste in unsern Mauern doch? 
Was birgt uns jene Hülle auf Hanaus Marktplatz noch? 
So fragte man am Morgen. — Dock) jetzt! — Wir 
wissen's ja: 
Es feiert seine Söhne hent mein Hanovia! 
Die Brüder Grimm, geboren in Hanan an dem Main, 
Die Männer groß und herrlich und doch so kindlich, 
rein. 
Sie sind es, deren Augen in's Kinderherz geblickt, 
Durch wnndcrsame Märchen die Kleinen oft entzückt, 
lind denen heute huldigt die muntre Kinderschaa: 
Am Standbild dir du edles, du wackres Brüderpaar. 
Es sind die Sprachgelehrten, die jeder Deutsche kennt, 
Und deren Namen heute die Welt mit Achtung nennt; 
Die treu erprobten Männer, so wetterfest, wenns gilt, 
llnbeugsam in deut Rechte, doch sonst so sanft und 
mild! 
Sie sind der Stolz der Hessen und ihrer Vaterstadt. 
Germanias besten Söhnen man zugezählt sie hat. 
Ein Dcnkinal würd' gesctzet dem Paar von Erz und 
Stein, 
— Wir schauen noch ein schönrcs im Kindcrhcrzen klein. 
Du ehrtest deine Söhne, mein Hanau, viel und sehr, 
Und deine Huldigungen, sie waren hoch und hehr. 
Nun wachse und gedeihe, du schöne Stadt am Main, 
Und inögen solcher Männer dir mehr beschiedcn sein! 
Du aber, schönes Denkinal, das heut würd' hier ent 
hüllt, 
Zeig noch eininal recht freundlich dich uns in einen: 
Bild!
	        

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