Full text: Zeitungsausschnitte über Grimmdenkmäler, -feiern, -sammlungen und -museen

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© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 48 
zum „Kancmer Anzeigen". 
ftx, 245. Montag den 19. Oktober 1896, 
Rotnan von Reinhold Ortmann. (Nachdruck verbotm) 
(Fortsetzung.) 
War doch jene wortkarge Depesche das einzige Lebenszeichen gewesen, das er seiner Ver 
lobten bisher gegeben, und fühlte er doch, daß er in Verlegenheit sein würde, wenn es galt, 
ihr zu seiner Rechtfertigung die wahren Ursachen dieser Saumseligkeit zu nennen. Eine so ver 
drießliche Aussicht war vielleicht von vornherein danach angethan, ihm die Freude zu beeinträch 
tigen, die er sonst an Hedwig's Mittheilungen gehabt haben würde. Er fand ihren Brief zwar 
sehr liebevoll und herzlich, aber bei Weitem nicht so himmelhoch jauchzend, wie er es seiner 
Meinung nach unter dem ersten Eindruck einer so beglückenden Nachricht eigentlich hätte sein 
müssen. Was sie ihm da über seinen Erfolg zu sagen hatte, erschien ihm ziemlich matt und kühl 
im Vergleich mit den begeisterten Aeußerungen, die er aus Gabrielens Munde vernommen, und 
aus dem ganzen Schreiben wehte ihm etwas wie ein Hauch von leiser Wehmuth entgegen, die 
ihn verstimmte, weil sie ihm angesichts einer so herrlichen Wendung der Dinge ganz und gar 
nicht am Patze schien. 
Er legte das Blatt beiseite und suchte seine Erinnerung wieder mit den schönen, heiteren 
Bildern der jüngsten Vergaugenheit zu füllen. Und doch gingen ihm einige Wendungen aus 
Hedwig's Briefe, die in ihrer schlichten Innigkeit etwas geradezu Rührendes hatten, nicht aus 
dem Sinn. 
„Noch habe ich nicht das geringste Unrecht gegen sie begangen," sagte er sich immer und 
immer wieder,' als wenn er damit den häßlichen Druck verscheuchen könnte, den er auf dem Herzen 
fühlte; aber er mußte diese Versicherung doch wohl selber nicht für eine völlig überzeugende halten, 
da er plötzlich den Entschluß faßte, Gabriele Dornheim keinen weiteren Besuch in ihrer Wohnung 
zu machen und aus freiem Antriebe keinen Schritt zu thun, der ihm auf's Neue in den gefähr 
lichen Zauberkreis ihrer Schönheit brachte. 
Standhaft blieb er während der nächsten vierundzwanzig Stunden diesem Gelöbniß treu, 
obwohl es ihn zu einer gewissen Vormittagszeit schweren Kampf kostete, der lockenden Versuchung 
zu widerstehen. Gegen Abend erhielt er ein zierliches, ouftendes Billet von etwas unregelmäßi 
ger Handschrift, das folgenden Inhalt hatte: 
„Lieber Freund und hochverehrter Meister! 
„Soeben erfahre ich, daß auch Sie zu der morgen stattfindenden Soiröe im herzoglichen 
Schlosse eingeladen worden find. Das trifft sich herrlich für unsere Pläne, und ich zweifle 
an ihrem Gelingen jetzt weniger denn je. Aber ich möchte Sie gern vorher noch einmal 
sprechen, schon um Ihnen einige gute Rathschläge in Bezug auf Ihr Verhalten an unserem 
Hofe zu geben. Denn es geht da in manchen Dingen etwas wunderlich zu, und es gibt 
gewisse gefährliche St-llen, die nur der Kundige zu meiden versteht und an denen den Neu 
ling leicht zu Fall kommen kann. — Haben Sie Lust, morgen Vormittag mit mir eine 
kleine Spazierfahrt nach der alten Burg zu machen? — Natürlich wird uns eine meiner 
älteren Kolleginnen als Ehrendame begleiten — für Ihren Ruf hätten Sie also nichts 
zu fürchten. Wir haben keine Opernprobe und ich erwarte Sie um zwölf Uhr in meiner 
Wohnung. Eine Absage, gleichviel unter welchem Vorwände, würde Ihnen schrecklich 
übel nehmen Ihre treu ergebne 
Gabriele Dornheim."
	        

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