Full text: Zeitungsausschnitte über Grimmdenkmäler, -feiern, -sammlungen und -museen

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 48 
Nr. 245 
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)i Expedition Salzg. 28 
«nd sämmtliche Post 
anstalten. 
Einzelne Nr. IO Pfg. 
Montag den 19. Oktober 1896. 
Inserate 
die 4gespali. Garmond- 
seile od.der. RaumlOPf. 
Jnseraten-Annahme 
in der Exped. Salzg. 28 
sowie den Annoncen-Ex- 
peditionen von Rudolf 
Masse, Haasenstein & 
Vogler, G. L. Daube L 
Comp., Herrmavn'sche 
Buchhandlung» Jäger- 
sche Buchhandlung in 
Frankfurt a. M. 
Deutsches Reich. 
K Berlin» 18. Oktober. Die Schießversuche, welche 
im Beisein des Kaisers auf dem Artillerie-Schießplatze zu 
Kunnersdorf stattgefunden haben, dürften, wie verlautet, 
Anlaß bieten, dem Reichstage eine Vorlage zu machen, 
welche Mittel zur Verbesserung der Artillerie verlangt." 
— In einer Betrachtung über allerlei Wahlen spricht 
die „Nationalztg." über die Verluste der Nationalliberalen 
bei den hessischen Landtagswahlen und sagt dann: 
„Wir bedauern die Verluste der hessischen National 
liberalen selbstverständlich sehr, denn daß wir bei aller 
Meinungsverschiedenheit die Gesinnungsgeuossen der Herren 
v. Hehl, Graf Oriola rc. den Ultramontanen, Sozialdemo 
kraten und Antisemiten vorziehen, braucht nicht erst gesagt 
zu werden, aber die Frage ist nicht zu umgehen, ob der 
Ausfall der hessischen Wahlen nicht eine Bestätigung enthält, 
Hessen ist die Heimath und das Herrschaftsgebiet der Richtung 
Osann, Hehl, Oriola, sie hat sich dort, ungehindert durch 
einen linken Flügel, bethätigen können, bis auf weitere Auf 
klärung können wir in ihren Verlusten nur die Bestätigung 
unserer Ansicht erblicken, daß man eine politische Position 
durch Zugeständnisse an ungerechtfertigte Forderungen nicht 
zu befestigen vermag, weil man in denselben doch bald von 
minder bedenklichen Leuten übertroffen wird, daß man aber 
durch solche Zugeständnisse auf einer anderen Seite an Ver 
trauen und Anhängerschaft verliert." 
— Die hessischen Landtagswahlen sind abgeschlossen; 
die Opposition in der 2. Kammer besteht aus 8 Antisemiten, 
6 Freisinnigen, 6 Centrumsleuten und 5 Sozialdemokraten, 
denen 25 Nationalliberale gegenüberstehen. 
— Durch kaiserliche Kabinetsordre soll der „Straßb. 
Post" zufolge bestimmt sein, daß Offiziere, die unter An 
knüpfung an eine Heirathsannonce eine Heirath schließen, den 
Abschied erhalten. 
Hessen-Nassau. 
Kassel, 15. Oktober. Der Postschaffner W. Gleißner 
von hier, welcher seit einigen Tagen vermißt wurde, wurde 
gestern als Leiche am Wehr der Vogt'schen Mühle von der 
Fulda angeschwemmt. Eine Rüge, die er sich zugezogen 
hatte, soll ifyn in den Tod getrieben haben. — In Meklis 
vergnügten sich drei Knaben, darunter zwei Brüder, auf 
einer Wiese damit, daß sie mit einer Flobertpistole nach 
Ratten schossen. Als einer der Brüder die Pistole in die 
Hand nahm, entlud sie sich unversehens, die Kugel drang 
dem jüngeren Bruder in die Brust und führte dessen Tod 
herbei. 
Ms. Großalmerode, 18. Oktober. (Mörder wieder 
eingefangen.) Der Taglöhner Brack aus dem benachbarten 
Wickenrode, welcher wegen Gattenmordes in Untersuchungs 
haft im hiesigen Amtsgerichtsgefängniß saß und am vorigen 
Meine Kriegsgefangene. 
Erzählung aus dem Feldzug 1870/71 von Fred. Vincent 
(Fortsetzung.) 
„Richtig! Ist der Herr nicht preußischer Offizier im 
. . ten Regiment?" 
„Er war es!" erwiderte ich erstaunt. Haben Sie ihn 
denn damals gekannt?" 
„So? Er war es? Aber gleichviel, halten wir uns 
an das Geschäft. Wie ist die Differenz entstanden? Gestern 
Abend, beim Spiel, natürlich?" 
Nachdem ich kurz berichtet, meinte sie wieder mit dem 
sonderbaren Lächeln: 
„Ach, das läßt sich ja sehr leicht arrangieren. Sie, 
mein Cousin, werden dem Herrn sein Geld und seine Bons 
zurückgeben und sich in Gegenwart dieser Zeugen wegen Ihrer 
Heftigkeit entschuldigen, und Alles ist ausgeglichen!" 
Wir waren aufgefahren, erstaunt über die Leichtigkeit, 
mit der sie die Sache behandelte. In den Worten der schönen 
Frau hatte ein sehr energischer Ton durchgeklungen, und der 
Baron schien denselben zu kennen, denn er war sehr bleich 
geworden. Abwehrend hob er die Hand, aber sein Ton klang 
bittend, als . er hastig hervorstieß: 
„Aber, Hortense, welche Auslegung würde man einem 
solchen Schritt meinerseits beilegen! Nein, nein, das ist ganz 
unmöglich!" 
„Und ich sage Ihnen, Alphonse, ich will nicht, daß 
diese Differenz Folgen hat, und an Ihnen ist es, dieselben zu 
vermeiden!" 
„Aber, Hortense, was Sie verlangen, ist ja ganz un 
möglich ! Bedenken Sie doch nur, ich müßte damit eingestehen, 
daß ich . . Nein, nein, das geht nicht, so gerne ich Ihnen 
auch jeden Wunsch erfülle. Ich würde mich ja dadurch selbst 
unmöglich machen, meine Ehre verlieren!" 
„Und glauben Sie, Herr Baron, daß Ihre Ehre 
weniger verloren ist, wenn ich von einem gewissen Dokument 
Mittwoch entsprang, wie damals mitgetheilt, hat sich der 
goldenen Freiheit nicht lange erfreut, denn gestern Morgen 
wurde er von dem Gendarmen im Walde wieder eingefangen 
und in das hiesige Gerichtsgefängniß eingeliefert. Brack hat 
sich in den ausgedehnten Waldungen am Hirschberg umher 
getrieben und den Bergleuten rc. die Frühstücksbeutel weg 
genommen, um seinen Hunger zu stillen. Als B., dem der 
Mangel an Nahrungsmitteln die Freude an der Freiheit 
verleidet hat, im Walde von Gendarmen erwischt wurde, 
ließ er sich ohne Widerstreben fesseln und abführen. 
Ms. Homberg a. d. E., 18. Oktober. (Landtags- 
abgeordneter von Gehren 7.) Der langjährige Vertreter der 
Kreise Homberg-Ziegenhain im Abgeordnetenhause, Landrath 
Geh. Reg.-Rath Otto von Gehren, ist vorgestern Abend in 
Bad Wildungen im Alter von 79 Jahren nach längerem 
Leiden gestorben. 
Orb, 16. Oktober. Gestern wurde dnrch Herrn 
Briefträger Pfeifer ein prächtiges Sträußchen Erdbeeren ge 
pflückt. Die betreffenden Beeren waren an der Villbacher 
Straße gepflückt und vollständig reif. Gewiß eine um 
Jahreszeit seltene Erscheinung. — Gestern wurde auf de 
hiesigen Markt das erste diesjährige Weißkraut zum Verk 
angeboten. Der Preis stellte sich auf 5 Pf. pro Kopf. 
8t. Frankfurt» 18. Oktober. Rich. Jaffs fund 
Wilhelm Wolfs, die Verfasser des gestern Abend erstmq/ bei 
uns zur Aufführung gelangten Schwankes „Die Höllen' 
haben alle Ursache mit dessen Aufnahme zufrieden Hu sein. 
Die Novität hat mancherlei Fehler, man darf aber nicht 
vergessen, daß sie ein Schwank ist. — Unser früheres Bühnen 
mitglied Fräulein Thessa Klinkhammer trat sehr erfolgreich 
und elegant als Frau v. Chatenay im hübschen Lustspiel „Ein 
delicater Auftrag" auf. 
— Das am Mainkai zu Markte gebrachte Weißkraut 
wurde gestern mit 7 bis 8 Mark für hundert Köpfe ver 
kauft , Kartoffeln kosteten 4 Mark bis 4 Mark 50 Pfennig 
das Malter. 
Frankfurt» 18. Oktbr. Repertoirentwurf der ver 
einigten Stadttheater in Frankfurt am Main. Opernhaus. 
Dienstag den 20. Oktober: Tell (Oper.) Mittwoch den 21. 
Trompeter von Säkkingen. Donnerstag den 22. Evangeli- 
mann. Freitag den 23. Zigeunerbaron. Samstag den 24. 
Heimchen am Herd. Sonntag den 25., Nachmittags halb 
4 Uhr: Der arme Jonathan. Abends 7 Uhr: Die Huge 
notten. Montag den 26. Hänsel und Gretel. Coppelia 1. 
und 2. Akt. 
Schauspielhaus. Dienstag den 20. Oktober': Die 
Höllenbrücke. Ein delicater Auftrag. Mittwoch den 21. Die 
Ahnfrau. Donnerstag den 22. Die officielle Frau. Freitag 
den 23. Bürgerlich und romantisch. Frankfurt in Feindes 
land Samstag den 24. Morituri: 1. Teja, 2. Fritzchen, 
3. Das ewig Männliche, von Sudermann. Sonntag den 
25., Nachmittags halb 4 Uhr : Minna von Barnhelm. Abends 
Gebrauch mache? Ihr Gegner wird dann jedenfalls darauf 
verzichten, Sie zur Rechenschaft zu ziehen, wie wir, die alte- 
Frau Baronin, Dösiröe und ich, darauf verzichten würden 
Sie ferner noch zu kennen ! Also bedenken Sie, mein Herr, 
daß Ihnen kaum etwas Anderes übrig bleibt, als die 
Differenz so auszugleichen, wie ich dies bestimmt verlange." 
„Ich glaube kaum, daß sich mein Freund mit diesem 
Ausgleich einverstanden erklären wird!" versuchte ich dem 
Franzosen zu Hilfe zu kommen. 
„Ach ja, Sie haben ganz recht! Das will auch noch 
bedacht sein! Doch — entschuldigen Sie mich einen Augen 
blick !" und damit war sie zwischen den Portieren verschwunden. 
Der Baron klemmte die Lippen zwischen die Zähne und 
trat an das Fenster, während wir Andern uns sprachlos vor 
Staunen ansahen. Die stumme Pause dauerte indeß nicht 
lange, denn schon nach wenigen Minuten trat die junge Frau 
wieder ein und überreichte mir ein versiegeltes Billet. 
„Wollen Sie die Güte haben, dies Ihrem Freunde zu 
geben und ihm mitzutheilen, aus welche Weise der Herr 
Baron sein Unrecht gut zu machen beabsichtigt. Und, nicht 
wahr, mir zu Liebe reden Sie Ihrem Freunde recht zu, daß 
er den Ausgleich acceptirt, denn Sie werden sicherlich nicht 
dazu beitragen wollen, drei hilflose Frauen von dem schönen 
Baden-Baden, wo sie so gerne sind, zu vertreiben. — Und 
nun, meine Herren, darf ich Sie wohl bitten, sich alle Drei 
zu dem Gegner meines Herrn Cousins zu begeben, um Zeuge 
davon zu sein, wie der Baron de Tincourt diese kleine 
„geschäftliche" Angelegenheit a l’amiable ordnet. Er wird 
Ihnen in einer halben Stunde folgen verlassen Sie sich darauf." 
Mit einer stummen Verbeugung hatten wir uns 
empfohlen und bald waren wir in meinem Hotel angelangt, 
wo ich die beiden Anderen im Speisesaal zurückließ um allein 
zu Pfeffenhausen hinauf zu gehen. 
Er erwartete mich bereits auf seinem Zimmer und rief 
mir erwartungsvoll entgegen: 
„Hier ist das Geld! Ich habe guten Erfolg gehabt und 
hoffentlich Du auch! Aber, alle Wetter, Kollegienrath, was 
7 Uhr: Morituri: 1. Teja, 2. Fritzchen, 3. Das ewig 
Männliche. Montag den 26.: Die Höllenbrücke. Ein delicater 
Auftrag. 
A Wiesbaden, 18. Oktober. Das russische Kaiser 
paar traf heute Vormittag 10''/4 Uhr hier ein und wurde 
von der Großfürstin Constantin auf dem Bahnhof empfangen. 
In der Kapelle bot der Propst Protopopoff den russischen 
Majestäten nach russischem Ritus in feierlicher Form Brod 
und Salz dar. Nach dem Gottesdienste begrüßte der Kaiser 
Gurko, welcher mit Gemahlin anwesend war. Von der 
Kapelle begab sich das Kaiserpaar unter militärischen Ehren 
bezeugungen Seitens der Garnison zur Großfürstin Con 
stantin, wo das Dejeuner eingenommen wurde. Nach dem 
Dejeuner kehrten die Majestäten nach Darmstadt zurück. 
8 0 r a l e s. 
Die Gnthüüüngsfeier 
des National-Zenkmals für die Brüder 
Grimm. 
Hanau, 19. Oktober. 
Nachdem am Samstag Abend in den Räumen des 
Bürgervereins ein geselliges Beisammensein stattgefunden, 
dem die bereits eingetroffenen auswärtigen Gäste anwohnten, 
ging gestern, am Sonntag den 18. Oktober, einem in 
mehrfacher Beziehung denkwürdigen Tag für Deutsch 
land, die Enthüllung des National-Denkmals für die Brüder 
Johann und Wilhelm Grimm in würdigster Weise vor sich. 
Die Stadt hatte reichen Flaggenschmuck angelegt. Soweit 
wir ermitteln konnten, waren von auswärtigen Festgästen 
eingetroffen die Herren Unterstaatssekretär von Wehrauch, 
Berlin, als Vertreter des Herrn Kultusministers, Graf 
Clairon d'Haussonville für die Königl. Regierung zu Kassel, 
ferner: Professor Dr. Valentin-Frankfurt, Dr. Kochendörsfer- 
Marburg, Geh. Reg.-Rath Prof. Dr. Bauer-Marburg, 
Professor Dr. Bindewald-Gießen, Professor Dr. v. Bradke- 
Gießen, Ghmnasial-Direktor Prof. Dr. Hartwig-Frankfurt, 
Prof. Dr. Schmidt-Berlin, Dr. Brunner-Kassel, Prof. Dr. 
Sommer-Gießen, Kammerherr von der Malsburg-Escheberg- 
Kassel, Dr. Wilhelm Jordan-Frankfurt, Prof. Eberle-München, 
Prof. Dr. Schroeder»Marburg, Geh. Hofrath Prof. Dr. 
Suphan - Weimar, Oberbibliothekar Dr. Lohmeher - Kassel, 
Oberbürgermeister Rauch - Wandsbeck, Oberbürgermeister 
Schüler-Marburg, Landgerichtsrath Bösser-Wiesbaden, Geh. 
Reg.-Rath Prof. Dr. Justi-Marburg, Prof. Dr. Dietrich- 
Marburg, Dr. C. von Wild - Kassel, Professor Dr. Wolff- 
Frankfurt. 
Pünktlich um 2 Uhr Nachmittags nahm die eigentliche 
Enthüllungsfeier ihren Anfang. Nachdem die Festtheilnehmer 
vor dem verhüllten Denkmal auf dem Markplatze Stellung 
machst Du für ein verteufeltes Gesicht? Ist der liebens 
würdige Herr vielleicht gar. schon verduftet und haben wir 
das Nachsehen?" 
„Nein, aber es ist eine merkwürdige Geschichte!" und 
ich setzte mich ihm gegenüber und berichtete und er hörte mir 
mit gespannter Aufmerksamkeit zu. 
Immer weiter und glänzender wurden seine Aug.en, 
das Blut kam und ging in seinem ausdrucksvollen Gesicht und 
als ich ihm schließlich das Billet gab, da riß er es hastig 
auf, durchflog mit einem Blick seinen Inhalt — es konnten 
nur wenige Zeilen sein — und ließ es mit einem tiefen 
Athemzuge wieder sinken. Er hatte mich während meiner 
ganzen Erzählung mit keiner Silbe unterbrochen und als ich 
mich jetzt mit der Frage an ihn wandte, ob er den vorge 
schlagenen Ansgleich anzunehmen gedenke, da sah er mich wie 
geistesabwesend an und sagte endlich: 
„Lieber, alter Junge, thu' mir den einzigen Gefallen 
und sprich kein Wort. Damit muß ich allein fertig werden, 
also störe mich nicht, sonst muß ich Dich hinauswerfen!" 
Er war furchtbar erregt, soviel bemerkte ich, denn 
trotzdem er sich alle Mühe gab, seine Bewegung zu unter 
drücken und seine Züge zu beherrschen, wechselte der Aus 
druck der letzteren beständig. So saß er mir lange Zeit 
laut- und regungslos gegenüber, bis der kleine Grabowski 
kam mit der Nachricht, daß der Franzose unten warte, und 
wir Beide Pfeffenhausen nun fragten, ob er dessen Entschul 
digung annehmen wolle. 
„Ah, richtig, der Herr Baron de Tincourt; an den 
hatte ich gar nicht mehr gedacht! Seine Entschuldigung? 
Natürlich nehme ich sie an, natürlich!" 
Und er nahm sie in derselben geistesabwesenden Weise 
an und ebenso empfing er das Geld und die Bons, steckte 
Alles ohne einen Blick darauf zu werfen in die Brusttasche, 
murmelte einige Worte und plötzlich ergriff er seinen Hut 
und stürzte zum Saal und zum Hotel hinaus. 
Ich habe ihn nicht wiedergesehen. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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