Full text: Zeitungsausschnitte über Grimmdenkmäler, -feiern, -sammlungen und -museen

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 48 
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Über die Kunst in England 
Weierhof. von John Constable 
Liebe zur Natur ist da, weil er diese Liebe nötig braucht, 
und weil er, ohne die Natur zu beobachten, doch nicht 
so weit käme iu seinen Bildern. Er beobachtet also, aber 
beobachtet wie man einen Konkurrenten beobachtet, den 
man schlagen will. Er gibt die Natur wieder, aber in 
dem er sie mit üppigen Vorhängen auf beiden Seiten ein 
faßt, damit das Ganze dann ein wundervoller Anblick sei, 
zehnmal schöner als die Natur. Er ist ein gewaltiger 
Künstler, wenn Künstler derjenige ist, der seine Kunst bis 
zum letzten Griff beherrscht, bis sie ihm nichts mehr zu 
versagen hat; aber er ist ein sehr häßlicher Kiinstler, wenn 
Künstler derjenige ist, der die Mittel seiner Kunst auf 
dem Altar der Hingabe opfert, sein glänzendes Ver 
mögen der Schöpferin Nalur bescheidentlich, wie leiden 
schaftlich es auch in ihm woge, zu Füßen legt. 
Dies ist nun modern gesprochen; es versteht sich, 
daß eine solche Beurteilung, die einer Verurteilung Tur 
ners gleichkommt, als eine durchaus unhaltbare sich dar 
stellt vom historischen Gesichtspunkt. Denn Turner darf 
nur nach und in seiner Zeit aufgefaßt werden, die neuen 
Grundsätze waren erst im Entstehen und er war durch 
nichts verpflichtet, sie zu kennen oder gar anzuerkennen. 
Diese Grundsätze sind nicht neu. Ohne darüber zu 
reden, haben die Größten sie stets befolgt und sie haben 
gleich selbstverständlich in ihnen geruht, wie die Gesetze, 
die die Wahrheit der Rede zur Pflicht machen, uns er 
füllen. Nur als Doctrin sind sie nicht aufgestellt ge 
wesen; man hatte keine Veranlassung, ehe nicht in der 
langen und glanzvollen Epoche der Spätrenaissance gegen 
sie gesündigt wurde. Hier bediente sich die wuchernde 
Geschicklichkeit schon zusammengebrachter, fertiger Lettern 
reihen lieber, als daß sie noch die einzelnen Buchstaben, 
getreu und mühselig beobachtend, zusammensetzte — bei 
diesem Verfahren war alle keusche Liebe, alle Wahrhaftig 
keit zur Natur in den Winkel gekommen, und wir hatten 
sie bei den Primitiven einerseits, bei den holländischen 
Landschaftern andererseits wieder aufzunehmen; die „Prä- 
raffaeliten", die es in England zu ihrer Aufgabe machten, 
würden sich mit mehr Sinn Prä„rubens"fiten genannt 
haben, denn erst etwa mit Rubens Zeit beginnt die 
Sanction der Massenfälschungen. 
Turner, ohne ein Verständnis für diese neuen Protest- 
Gefühle zu haben, ohne z. B. durch seinen ausgezeichne 
ten Genossen Constable zur Kraft des einfachen Wahren 
überzeugt zu werden, ist also im Sinne der entarteten 
Renaissance wohl noch ein großer Maler zu nennen. Er 
würde, ohne aufzufallen, selber für einen alten Farben 
künstler durchgehen; er ist mehr, als Salvator Rosa. Er 
ist ein Meister der Technik, wie es wenige gibt, gewesen. 
Auch seine Phantasie weist ihm eine der höchsten Stellun 
gen zu: und wenn ich ihm, historisch in seiner Zeit auf 
gefaßt, einen Platz unter den guten Künstlern immer noch 
nicht einräumen kann, so ist es, weil er das Unglück 
hatte, aus seiner Richtung zu kommen. 
Jedes große Talent hat den Weg, den es gehen 
muß und der durch keinen zweiten ersetzt werden kann. 
Verfehlt es den Weg, so hat die Begabung nicht präzis 
genug gesprochen und ist also für die Verhältnisse des 
Talents nicht genügend gewesen; das Talent tötet sich. 
Sieht es den Weg und schlägt ihn nicht ein, so kommt 
es hingegen zu einem Zweikampf zwischen ihm und dem 
Willen, der es zu verhindern gedenkt. Der Zweikampf 
des großen Talents mit einem mächtigen Willen ist eines 
der erschütterndsten Schauspiele. Zum Schlüsse, gleich 
den starken Männern auf dem Acker der griechischen 
Sage, bringen Wille und Talent sich gegenseitig um. 
Dieses Schauspiel ist nach meiner Ansicht — es liegt mir 
ob, zu bekennen, daß ich alleinstehe — bei Turner ein 
getreten. 
Sein Talent ist ein Rembrandtisches gewesen und 
sein Wille war Klassizität: das Resultat waren Feuer 
werke. 
Ansichten aus Italien, eigentlich im Sinne und mit 
den Koulissen Claude Lorraius, denen Rembrandt die 
Sanftmut der Farbe geraubt und ein subjektiv zuckendes 
Leuchten gegeben hat; dann wiederum Meisterstücke ganz 
in Rembrandts Art, die durch Größe und alles auf 
hebende Regelmäßigkeit des Bizarren, also durch „Still' 
im Nichtstilhaften um jenen Stil gekommen sind, welchen 
sie haben könnten; das sind Turners Werke, von einem 
umfassenden Gesichtspunkt aus betrachtet. Im einzelnen 
hat man sich das Vergnügen gemacht, dieselben in drei 
Perioden abzuteilen; die ersten sind die schlechtweg eng 
lischen Jugendwerke, die zweiten die in der Art des Claude, 
die dritten jene, in denen er sich befreit hat und Claudes 
einrahmende Bäume nicht mehr braucht, um das Licht 
bis in die Enden seiner Bilder leuchtend ausströmen zu 
lassen. 
Turners Bilder sind Experimente, interessant für 
den Kenner, aufregend für den Freund des Sensationellen, 
kaum Dagewesenen; wertvoll für jene, denen es ein Ver 
gnügen des Geistes ist, der menschlichen Genialität in 
ihren Verirrungen nachzuforschen, wichtig für die Kunst 
geschichte, weil in irgend einem Punkte Extreme bis zum 
Ende geführt worden sind, höchst betrübend für den, der 
nur in ihnen eine ungemeine Begabung sich zerfleischen sieht. 
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Manchmal flackert das Genie hell auf; da ist unter 
vielem andern, eine Darstellung der „Queen Mab". Man 
kennt jene Episode aus Romeo und Julia, die selbst von 
Shakesspeare an phantastischem Reichtum kaum überboten, 
eins der glänzendsten Gesichte ist, das „des Dichters Aug', 
in schönem Wahnsinn rollend", je gesehen hat. Hier gab 
Turner Magie. Es widerspricht den Möglichkeiten des 
Ausdrucks, das mit der Feder schildern zu wollen. Man 
kann es nicht hervorbringen. Flüssiges Gold flutet in 
Rötlichem, flutet in Grünlichem dahin, geinalte Zauber- 
töne wie Feenfabeln in Dämpfen, man erkennt keine De 
tails, man sicht keinen Grund ein, alles wogt und flutet 
und klingt durcheinander, und nichts gibt doch ein so 
treues Bild der Vorstellung, die Shakesspearcs Worte in 
unsern Geistern geweckt haben. 
Wer die verwandte Musik gehört hat, die Berlioz 
zur Illustrierung der Queen Mab geschrieben, wird 
Gleiches empfinden. 
Eine Parallele zwischen dem englischen Landschafts 
maler, der weit mehr als ein Landschafter war und dem 
französischen Komponisten, der mehr als ein Musiker ge 
wesen — mehr, und weniger als ein Musiker gewesen — 
liegt allerdings nah. Auch Turner ist nicht ganz ein 
ganzer Künstler gewesen. »Le singe des genies« viel 
leicht? wie Wiertz? O nein, das nicht, ihm hat wirkliches 
Genie angehört, eine ganze Fülle von Genie, dessen Herr 
schaft sich weit hinaus erstreckte, Küsten mit Palmen, 
Felsgrotten und strahlende Meeresflächen, mythische Dunkel 
heiten, alle jene Sachen, bei denen die Natur sich Mühe 
zur Phantastik gegeben, hervorbrachte; aber dem üppigen 
Reich benachbart lag das Reich des Wahnwitzes. Er 
lagerte an den Grenzen, begierig, die Blößen des Gegners 
zu ersehen, und unternahm zuerst geringere, dann stets 
eingreifendere Streifzüge in ein Gebiet, das ursprünglich 
ihm nicht Unterthan war; er fühlte sich hier behaglich, im 
Vollen, er hatte etwas zum Greifen, der fremde Reichtum 
reizte ihn, er wurde gewaltthätiger, gleichsam als wäre 
er der Herr. Das Genie verteidigte sich, ohne zurückzu 
gehen — mit Genialität verteidigte es alle seine Positi 
onen und zuweilen gelang es ihm selbst, den frechen 
Wahnwitz zu schlagen; doch weil es sich wieder üppige 
Sorglosigkeit erlaubte, erhielt der Gegner neue Angriffs 
punkte, und drang vor, und im blutigsten Aneinander 
trafen die beiden zusammen. Das sind dann die inter 
essantesten Gemälde von Joseph Mallord W. Turner 
geworden. 
Man hat vielleicht nie einen Band des verstorbenen 
E. T. A. Hoffmann in die Hand genommen und wird 
darum die Kühnheit besitzen, diese Geschichte vom Genius 
und seiner Gefahr nicht glauben zu wollen. Aber ich 
glaube gerade im eigenen Interesse des kunstgeschichtlichen 
Verständnisses, bei Turner ist es das beste, an Magie 
zu glauben. 
Er gestaltet das Unwahrscheinliche — nicht ist es aber 
die klassische Walpurgisnacht, wie sie Böcklins klares 
Künstlerauge 51t schauen scheint, sondern als spiegelte 
sie sich in dem Auge jenes armen Teufels ab, der 
Faustens Begleiter war und an die nordische gewöhnt 
ist, während er die von Hellas erlebt. In der That: 
Turner darf in diesen symbolischen Zug nordischer Na 
turen nach der Schönheit des Südens eingereiht werden. 
Wir können ihn wie einen Barbaren denken, der Italien 
der Heimat vorzieht. Er gehört zu den unglücklichen 
unter ihnen, denen der Drang nach der glänzenden Schön 
heit den Ruin der Einheit brachte; denen es ein unruh- 
volles Natirrell versagte, in ihrer Nebelwelt sich zu be 
schränken, aber die so sehr in ihr ihre Stärke ruhen haben, 
daß sie wesenlos werden, wenn sie sie verläugnen. Völker 
wanderer, die ihr Heimatsgefühl verlieren, aber noch um 
die Griechentempel nordische Nebel wallen sehen. 
So ist er denn durch zwei Dinge zu charak 
terisieren. Der Phantastik räumte er große Stücke ein 
— der echte germanische Zug der Phantastik, dem 
Albrecht Dürer und Rembrandt sv vieles danken, ohne 
je ihre Sklaven zu werden —, doch vernichtend wurde 
für ihn der fremde Zug, die Sucht nach fremden 
Idealen. Mit ihnen eilte Vermischung des eigenen 
Naturells suchen, wurde ihm zum Untergang. Die 
Natur duldet keine Verbindung, die unnatürlich wäre. 
Sein Talent ging zu gründe, weil er das Gefühl der 
Einheit iu seinem Talent verlor. 
Sieht man genau hin, so findet man schon selbst in 
seiner ersten Periode Anzeichen, daß er Gefahr läuft, der 
Natur zu entfremden. Er wuchert schon zu Anfang mit 
der Natur und ist spekulativ. Er sieht später nicht eine 
graue Meeresfläche, ohne durch einen vehementen roten 
Fleck mitten hinein ihr beispringen zu wollen, um da 
durch die Kühle der Meeresfläche zu erwärmen; einen 
Fleck voll Farbe, »somewhat bigger than a Shilling«! 
und von so unsinnig leuchtender Farbe, daß sie alles um 
sich her aufzehrt und tötet. Er feuert Kanonen ab. 
Kein Wunder, daß man ihn hörte. 
In der That ist die Bewundertlug, die ihm zu teil 
geworden ist, eine ungeheure gewesen. Auch bei den 
Franzosen. Doch, scheint mir, darf uns das letztere nicht 
zu sehr wundern. Sie sind, trotz allem, in der Kunst 
ein nachahmendes Volk. (Die prachtvollen Ausnahmen 
können die Regel nur bestätigen.) Sie sind fast immer 
und durchaus kouventionell. Ihre Kunst kennt (die pracht 
vollen Ausnahmen immer abgezogen) keine Abnormitäten; 
sie ist in gewissem Sinne geradezu langweilig. Dieses 
Volk hängt so sehr mit der Form zusammen und der 
Größe der Linien. Poussin steht immer noch an ihrer 
Spitze. Ihre Kunstschriftsteller, selbst wenn sie „radikal" 
sind,° sind doch noch immer in gewissen Dingen her 
gebrachter in der Beweisführung und der Wohlredenhcit, 
als die konservativsten bei uns. Das macht die lateinische 
Seemanns-Begräbnis, von ). ill. UX Turner
	        

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