Volltext: Zeitungsausschnitte über Allg. Kunstgeschichte

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© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 47 
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aus : Nationalzeitung, 1885, Okt. 30 
Eine Geschmacksfrage. 
Seit Winckelmann haben wir uns gewöhnt, in der plasti 
schen Kunst die Griechen als Lehrmeister zu betrachten; und 
diese, so ist jetzt unabweislich klargelegt, wandten Polychromie 
sowobl bei ihren Architekturen an als auch bei ihren Marmor- 
und Terracottabildwccken. Nur Schade, daß man nicht genau VtfXJ. tfjunjvn 
weiß, wann sie aus Farbe verzichteten und wie stark oder wie A b . 
fein sie färbten! Farblose Fundstücke beweisen Nichts, .denn sie ^ 
können polychrom gewesen fein; während die spärlichen Farben- ^ WW**, 
reste, die sich erhielten, keinen hinreichenden Aufschluß über die l 
Art der Bemalung geben. Und die Skala vom zarten Por- 
zellanfigürchen bis zur kraffen Wachsfigur ist recht weit. 
Aber stehen uns denn die griechischen Künstler nicht lediglich 
im Formsinn hoch erhaben da? War wirklich ihr Farbensinn 
so entwickelt, daß wir darin nicht um ebenso viel feinfühliger 
sein könnten, als wir es in der Musik sicherlich sind? Apelles, 
Echion, Melanthus und Nikomachus malten rhre Bilder nur 
in den Abstufungen der vier Farben: Schwarz und Weiß, Gelb 
und Roch. Sie entzückten ihre Zeitgenossen, uns aber würden 
sie schwerlich damit genügen. Die Späteren sollen reichere 
Koloristen gewesen sein, nur wissen wir nicht, ob ihr Reichthum 
in unseren "Augen nicht auch Armuth wäre. 
Daß sich die besten Bildhauer Griechenlands die besten 
Maler wählten, um ihre Statuen zu färben, wie Praxiteles 
den Nikias, verdient Nachahmung, weil beide Kunstgattungen 
selten von einer Person beherrscht werden; aber es ist sehr die 
Frage, ob wir mit der griechischen Polychromie einverstanden 
sein würden, falls sie ein Ungefähr wieder ans Licht brächte. 
Zn weißem Marmor erstanden Hellas' Meisterwerke aus * • 
dem Schooße der Erde, und der „archäologische Irrthum", die 
Gnechcn hatten alle Skulpturen ebenso geschaffen, war verzeih- 
ucy, weü das farblos Gefundene in göttlicher Schönheit prangte, 
^a, dreser Irrthum gedieh wohl eigentlich zum guten Geschick 
fut ue Bildung emes erhabenen Stils, wie er in Michelangelo 
gewaltig zu Tage trat. Wer weiß, ob farbige, schmuckverzierte, 
vergoldete Statuen ;o tiefe Wirkungen hervorgebracht hatten? 
Am Ende gar eme nachhaltige Geschmacksverirrung! 
• . Augesichts einer Ausstellung polychromer Plastik, wie die 
in der Berliner Nationalgalerie bevorstehende, werden Künstler 
und Kunstfreunde in begreifliche Erregung gerathen; denn es 
Ham eit sich bei Vielen darum, zu erforschen, wie weit es an 
gehe, mit der Bemalung von Skulpturen, die von allen Kultur 
völkern des Erdballs geübt worden, der natürlichen Erscheinung 
nahe zu kommen. Ueber Nichts wird ja bekanntlich mehr ge 
stritten, als über Fragen, für die es keine bestimmte Antwort 
giebt, ber denen nur die Feinsinnigkeit entscheiden kann, welche 
Jeder am meisten sich selber beizuruessen geneigt ist. 
Der Kunstgeschmack ändert sich, wie die Kleidermode, aus 
Abwechielungsbedürfniß; aber vor dem Naturalismus wird man 
stets innehalten, so lange man sich klar macht, daß „der Schein 
nie die Wirklichkeit erreichen soll." Die Hellenen wichen be 
wußt von der Natur ab, um Jdealgestalten zu bilden; und 
daun sollten sie diese naturalistisch bemalt haben? Bemalt 
wohl, aber mit idealer Färbung! Gleichviel, ob diese unserem 
Farbensinn entsprechen würde. 
Kunstwerke sollen erfreuen und erheben; je näher aber ein 
bemalender Bildhauer der Natur kommt, um fo näher kommt 
er dem Erschreckenden. Es fehlte dann nur noch, daß er seinen 
Gestalten durch einen sinnreichen Mechanismus die Gabe der 
Bewegung und Rede verliehe, um das Grausige zu vollenden. 
Je wahrer, um so peinigender! Was helfen alle Hinweise auf 
naturalistisch gefärbte Portraitbüsten des Robbia-Zeitalters? Sie 
sind gut geinacht, aber unschön.
	        

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