Full text: Zeitungsausschnitte über Lessing

86 - 
aufrecht erhielt, nämlich die (in der Tat sehr radikale, einem viel' 
berufenen Ausspruch Prudhons vorgreifende) Aeußerung „proprlotö 
dxoit terrible et qui peut-6tre n’est pas vecessaire“. Nichtsdesto 
weniger habe das Werk, das die Vorurteile und die „abscheulichen 
Mißbräuche der barbarischen Kriminalrechtsgelehrsamkeit" so feurig 
bekämpft, eine Art von Entzückung hervorgerufen. Iselin em.pfindet 
es vielleicht zu viel gelobt zu haben, sieht es aber noch inu:::: „für 
eines derjenigen an, die zum Besten des menschlichen Gest. rechts 
unter allen neuen Geburten des Verstandes am meisten beitragen 
werden." Ein ganzes Charakterbild steckt in einem Briefe, den Ioh. 
Jakob Bodmer, der Führer der „Schweizer" im großen Literatur 
kampf gegen die Schule Gottsched, an den mit ihm in wesentlichen 
Punkten übereinstimmenden Berliner Großmeister der Aufklärung 
Friedrich Nicolai richtet. Die Zuschrift begleitete die neuen histo 
rischen Dramen Bodmers, die der Dichter vor allem vom Verfasser 
des „Nothanker" gervnrbigt wissen will unb betont in iebem seiner 
wunderlichen, schwerfälligen, wie aus dem Felsen gehauenen Säge 
den Kontrast zwischen der Realistik Nicolais und dem heroischen 
Stil, den Bodmer felbst sür seine Historien gewählt hat. Man 
glaubt Gegensatz- von heute in der Sprache des achtzehnten Jahr 
hunderts behandelt zu sehen, wenn Bodmer schreibt: „Wenn meine 
Personen in dem höchsten Affekte sich ihrer selbst noch bewußt sind, 
wenn sie noch Augen haben zu sehen und Kopf zu denken, so mag 
man es kalten Ernst, alte Vernunft, fühlloses Herz, deklamation, 
predigt — Tod der Poesie — nennen! Ich würde es für Leb hal 
ten, wenn inan Begebenheiten bearbeitet fände, die an sich selbst 
groß sind und nur darum ihrer Ansprache auf die Schaubühne ver- 
lustig werden: wenn Jemand sie aus giltiger Ursache verwirft, 
schändet, verurtheilt, so leid ich es mit der Aufrichtigkeit, mit wel 
cher ich leide, daß die krumme lime nicht die gerade ist." 
Ungemein lebetrdig mit phonographischer Treue, wie man heute 
sagen möchte, ist auf einem der wiedergegebenen Blätter ein 
Gespräch aufgefrischt, das zwei bedeutende Persönlichkeiten vor 
mehr als hundert Jahren miteinander geführt haben. Frau 
vcu Stael hatte in ihren Abendzirkeln eine eigentümliche Sitte ein 
geführt. Man faß miteinander am grünen Tische, auf dem stch 
Schreibmaterialien vorfanden, und unterhielt sich unbelauscht mit 
einzelnen, indem Fragen und Antworten auf Papierstreifen, die 
zwischen je zweien hinüber und herüber gereicht wurden, sich 
aneinanderreihten. Ein derartiges „Schreibgespräch", das die Der- 
fafferin des Buches über Deutschland mit dem deutsch gewordenen 
Franzosen Ehamisso 1810 oder 1811 führte, ist auf diesem Blatte 
-verewigt — ein Dialog in zwei Sprachen, der intime Bekenntnisse 
des weiblichen und zartsinnig galante Aussprüche des männlichen 
Teils in sich schließt. 
Unter den wiedergegebenen Stammbuchblättern (zumeist aus dem 
Ende des 17. und des 18. Jahrhunderts) finden sich Köstlichkeiten 
der verschiedensten Art: Altfränkisch-Zierliches, Naives und Klu- 
- ges, Patriarchalisch-Beschränktes und Zeitglossen, die für alle Zei 
gten zu passen scheinen. Klingt es nicht wie von gestern oder 
- heute, wenn der Dichter und Polyhistor Daniel Wilhelm Triller 
in Wittenberg seinem Freunde, dem Advokaten Johann Ludwig 
Grimm in Regensburg ant 30. Oktober 1771 ins Album schreibt: 
- „Du forderst. Werthester, von mir ein teutsch Gedicht, 
Doch meine Poesie taugt heut zu Tage nicht; 
Wer die Gedanken nicht in dunkle Wolken hüllet, 
Auf hohen Stelzen geht, das Ohr mit Schwulst erfüllet. 
Sich von der Deutlichkeit und der Natur entfernt. 
Das Sylbenmaß verletzt und reines Teutsch verlernt; 
Heißt heute kein Poet und wird nicht mehr gelitten: 
: Nun folg' ich leider noch den alten bösen Sitten, , h 
V-r And schreibe mit Vernunft, natürlich, leicht und rein, . 
T Drum kann ich nun mit Recht, kein guter Dichter seyn. 
Und fürchte mir zum Schimpf den VoEwurf noch im Gr be. 
Daß ich nach der Natur, nur schlecht, gedichtet habe!" 
Charakteristisch durch den lapidaren Stil der gewichtigen Sätze 
: sind die Sentenzen, die der berühmte Weltlehrcr Johann Amos 
Comemus im Jahre 1667 (im 75. Lebensjahre) seinem Sohne 
Daniel in das Stammbuch schrieb. Da heißt es u. a.: 
„Vivo Ooo, qvi est aullior Vitas tuae; et vivo Conscienliae, 
qvae est vita vilae tuae; et Famao hunestae, qvae erit vita 
posl yitam tuam ct nostram 
Das wären ein paar Beispiele und Andeutungen aus dem reichen 
Inhalt des Nachweiswcrkes, des Schlüsselbehälters zu der Schatze 
kammmer in der Dorotheenstraße. Bon dem Charakter des ge-, 
weihten Hauses geben die letzten Blätter des Prachtbuches eine 
anschauliche Vorstellung, Photogravüren, die die kunstgeschmück 
ten Jnnenräume des Sammlerheims darstellen, darunter ein 
lockendes, neu eingerichtetes Gemach, das die berufenen Forscher 
einlädt, sich mit Sammlung in die Schätze des Hauses zu ver> 
senken. 
Die älteste Christus- und Apostel-Darstellung. 
Im Jahre 1910 wurde beim Graben eines Brunnen zu Am 
tiochln am Oronteo ln Syrien tu aufgedeckten unterirdischen Kam^ 
morn neben einer größeren Anzahl gänzlich zerbrochener Silbers 
gegenstände eine Reihe von wohlerhaltenen, überaus wertvollen 
Silbergeräten aufgefunden. Es waren dies zwei Kelche, drei 
Buchdeckel und ein großes Zeremonialkreuz. Die Ausgräber ver 
kauften den Fund noch im selben Jahre an die gegenwärtigen 
Eigentümer, die Brüder Kouchakji. Bei Ausbruch des Krieges 
wurde dieser kostbare Schatz zur größeren Sicherheit aus Paris 
nach New Port übergeführt, wo er von den ersten amerikanischen 
Fachmännern untersucht worden ist. Während die Buchdeckel ins 
6. Jahrhundert gehören, ist der große Kelch sicher noch in das erste 
Jahrhundert nach Christus zu fetzen. Da die Ortsüberlieferung 
von einer großen christlichen Kathedrale zu Antiochia, der christ 
lichen Glaubensmetropole im Osten, in den früheren Jahrhunder 
ten des Christentum spricht, so mögen die Gegenstände zu einer: 
alten Antiochener Kirche gehören. 
Ueber das Hauptstück des Schatzes, den 19 Zentimeter in der 
Höhe und 18 Zentimeter im weitesten Durchmesser messenden Kelch 
hat nun Gustavuö A. Eisen im „American Journal os Archaeo- 
logh" eine Untersuchung veröffentlicht, aus der hervorgeht, daß 
das Stück nicht allein künstlerisch von seltenem Werte ist, sondern 
möglicherweise durch die den Kelch schmückenden Gestalten Christi 
und der Apostel auch eine ganz außergewöhnlich geschichtliche und 
religionsgeschichtliche Bedeutung besitzt, indem diese Gestalten nach 
dem amreikanischen Forscher üb erh cku pt die ältesten aller 
Christus- und A p o st c l d a r st e l l u n g e n sein sollen. Die 
„Kunstchronik" veröffentlicht einen sehr aufschlußreichen Bericht 
über Eisens Abhandlung. In seiner Form, Technik und Ausschmückung 
kann der Kelch von Antiochia im allgemeinen mit dem ungefähr 
gleichzeitigen Silber/chatze von Doscoreale verglichen werden. Die 
künstlerischen Verzierungen und Bildnisse müssen von einem 
Meister hergestellt worden sein. Das Ornament besteht ans einem 
verwickelten Rahmenwerke von Weintrauben, deren Raben zwölf 
,Rahmen bilden, in denen jeweils eine sitzende Figur dargestellt 
ist. Diese Skulpturen sind höchst künstlerisch und in einem durch 
aus naturalistischen Stile hergestellt, und zwar in zwei Gruppen, 
von denen jede nach einem Christus oder nach einem Täufer hin 
schaut. Die Deutung der beiden Mittelfiguren ist nicht ganz sicher; 
sie mögen zwei verschiedene Darstellungen von Christus und dem 
Täufer thronend darstellen. Die sine dieser Figuren gleicht der 
des Kaisers Auguftus auf dem Doscoreale-Becher, während dev 
Thron mit dem jugendlichen zwölfjährigen Christus, deut des ju 
gendlichen Augnstus auf dem gleichen Augustus-Becher gleicht. 
^Dir Apostel haben alle dieselbe Stellung, viele tragen Schriftrollen 
in den Händen, einer scheint eine Geldbörse, ein anderer vielleicht 
ein Schwert zu halten. Die Köpfe sind nicht allein von außer 
ordentlichem künstlerischen Werte; sie zeigen auch Individualitäten, 
die nicht auf bloßem Zufalle beruhen können. 
Eine derartige Individualisierung in der antiken christlichen 
Kunst hat sich bisher erst im 5. Jahrhundert feststellen lassen. Das 
überraschende Ergebnis, zu dem Eisen kommt, ist dieses: „Es er 
scheint unwahrscheinlich, daß ein Bildhauer zwölf Köpfe und Ge 
sichter so verschieden und streng individualisiert hat darstellen 
können, ohne daß er die dargestellten Persönlichk itcn oder 
w'e n i g st e n s zuverlässige Bildnisse von ihnen 
vor sich hatte, die ihn geleitet haben. Jedes der Bildnisse 
auf dem Kelche zeigt ganz ungewöhnliche Charakteristiken, wie 
man sie außerhalb der klassischen Bildhauerkunst selten findet. 
Christi Antlitz scheint göttlich. Kein folgender Künstler hat in 
seinem Antlitz solche Süßigkeit und solche Liclbe wiedergeben kön 
nen, wie sie auch die schriftliche Ueberlieferung von Christi be 
richtet und wie sie also hier zum ersten Male verwirklicht ist. 
Ebenso merkwürdig sind die Köpfe der Apostel. Jeder trägt einen 
Charakter und doch ist jeder Kopf nur einen Zentimeter hoch." Zu 
s-- 87 m 
bemerken ist noch, baß die Echtheit des Kelches nirgends be- 
zweifelt wird. Der inneve Kelch scheint eine besondere geheiligte 
Reliquie gewesen zu sein und der Mulpturenmantel wurde hingu- 
gcsiigt, zugleich um ihn zu erhalten und um ihn zu schmücken^ 
ScDaffettde Kritik. 
Im Alter hat sich Goethe einmal beklagt, daß die meisten 
Menschen sich um das Wie eines Kunstwerkes viel weniger be 
kümmerten als um das Was. Solchem Brauche, der auch in der 
literarhistorischen Forschung verbreiteter war als billig, strebte 
Oscar Walze! in zahlreichen, weitblickenden Abhandlungen der 
letzten Jahre entgegenzuarbeiten. Einen weiteren Schritt auf 
diesem Wege bedeutet sein geistvolles Büchlein: „Ricarda Huch. 
Ein Wort über Kunst des Erzählens." (Jnstlvcrlag 1916.) War 
es Walze! gegenüber den Pfychologismen der üblichen Betrachtung 
früher als erstes Ziel erschienen, „den Künstler über seinem Werke 
zu vergessen" und von Künstlerbetrachtung zu Kunstbetrachtung 
aufzusteigen, so kehrt dieses Buch nun zurück zur Erforschung einer 
Dichtergestalt und sucht die immanente Entwicklung künstlerischer 
Formgesetze in den Werken eines besonders reichen Künstlertums 
zu verfolgen. So entsteht — unter glücklichem Verzicht auf jedes 
historische Lebensdatum — eine innere Lcbensgeschichte eines 
Künstlergeistes. 
Eine merkwürdige Doppelheit lm Wesen der vielfarbigen 
Kunst leckn und Forscherin Ricarda Huch findet Walzel zunächst in 
dem schroffen Gegensatz zwischen ihren historischen und ihren 
poetischen Schöpfungen: „Objektivität in der dichterischen, unge 
hinderte Subjektivität in der wissenschaftlichen Darstclluitg." Ein 
leuchtender noch erscheint der Grundgedanke des Buches: die Selbst- 
erziehung einer stark perfönlichkeitsbctonten Künstlernatur zur 
herbsten Objöktivität epischer Darstellung. Widergespiegelt wird 
diese Entwicklung in gewissen Gesetzen künstlerischer Formung in 
jedem ihrer Werke: in der merkwürdigen Figur des „Mittlers", 
einer Lieblingserscheinung ihrer Romane und Novellen, des Be 
richterstatters, der sich zwischen den Erzähler und das Erzählte 
schiebt, das Ich des Künstlers völlig verhüllend; in der ornamen 
talen Tonwandlung der „Geschichten von Garibaldi", endlich in der 
gedämpften Architektonik des „großen Krieges". Kaum angedeutet 
werden hier die reichen Kapitel, die uns zu anderen Grundmotiven 
der Dichterin führen. Man darf diesem inhaltvollen Büchlein wohl 
als Bestes nachsagen, daß es tticht nur Rätsel löst, sondern auch 
Rätsel knüpft; nicht nur Fragen beantwortet, sondern neue Frageit 
stellt: Fragen, die nicht nur der Künstlerin Ricarda Huch, sondern 
in weiterem Umkreise dem gesamten „Problem der Form in der 
Dichtkunst" gelten. Auch dieser Fragen Lösung dürfen wir viel 
leicht von Oscar Walzel erhoffen, wenn er dazu schreitet, aus den 
wohlbehauenen Steinen, die er im Laufe der letzten Jahre zu 
sammentrug, das stattliche Gebäude einer ncugeartctcn Kunstlehre 
aufzuführen, Dr. B. Badt. 
Der Verlag Georg Westermann in Braunschweig hat zur hun 
dertsten Wiederkehr des Geburtstages des Dichters Theodor Storm 
zwei Publikationen herailsgegeben, die den Dank und die Be 
achtung des größten Publikums wachzurufen geeignet sind. Die 
eine der beiden Veröffentlichungen ist ein kleines, geschickt redi 
giertes „Storm-Gedenkbuch" (Preis 3 M>), aus dessen mannig 
faltigem Inhalt besonders eine Reihe von Widmungs- und Ge- 
denkworten moderner Dichter an Theodor Storm hervorzuheben 
ist. Wir finden dyrunter viele, die wir in so enger Gemeinschaft 
mit Storm bisher kaum vermutet hätten: Eduard Keyserling, 
Gabriele Reuter, Franz Karl Ginzkcy, Hugo von Hofmannsthal, 
Richard Schaukal, Wilhelm von Scholz, Thomas Mann, Heinrich 
Lilienfein — wenigstens ist es uns nicht bekannt, daß sie jemals 
vorher für Storm das Wort ergriffen hätten. Diese geschlossene 
Anerkennung ist um so wichtiger, da das Bild Storms als Ver 
fechters künstlerischer Anschauungen und einer fest umrissenen 
Weltanschauung in den letzten Jahren an Klarheit dltrchans ge 
wonnen hat. Diesen Lorbeerblättern folgen ein paar, bisher un 
bekannte, der Frühperiode Storms angehörende Gedichte, ferner 
Beiträge zum Leben und zur Beurteilung des Dichters in Ab 
handlungen, Gedenkblättern und Erinnerungen und schließlich 
Terbe des Briefwechsels zwischen Storm und dem österreichischen 
Schriftsteller Emil Kuh, und Briefe an die Familie Scherfs in 
Hamburg. Erhöht wird der Wert dieses kleinen, aber vielseitigen 
.Bandes durch die Beigabe einer Anzahl von.Federzeichnungen, 
unter denen die Bilder eines im Frühjahr 1915 bei Jaroslau ge 
fallenen jungen Künstlers, Otto Soltau, durch Sicherheit und 
Originalität hervorragen. Es ist eine Auswahl in verkleinerter 
Nachbildung aus den 18 Bildbeigaben, die die zweite Publikation, 
di« der Verlag unter dem Titel „Theodor Storm, Meisternovellen, 
Ein deutscher Hausschatz" in großem Format (Preis 25 M.) heraus- 
gegeben hat. In diesem Bande sind sechs Novellen und ebensoviel 
kleine Gedichte Storms enthalten: Jmmensee, Viola trieolov, Im 
Schloß, Aquis ß-ubmerfus, Earsten Curator und Der Schimmel- 
roiter. Es ließe sich darüber streiten, ob in diesen Novellen die 
für Starrn kennzeichnendsten vereinigt wurden, auch di« Anord 
nung, die weder völlig chronologisch ist noch auch innere Grup» 
pierung erkennen läßt, könnte zu Fragen Anlaß geben; gewiß 
aber wird mancher bedauern, daß eine so zarte und schöne Blüte 
des Stormschcn Gartens, wie die Novelle „Ein Fest auf Haders- 
levhuus", die dem Dichte? viele Freunde einbrachte (ich erinnere 
nur an Detlev von Ltliencrous begeisterte Worte Über ÖlCfCÖ tlCillC 
Wert) nicht aufgenommen wuvde. Es mag aber sein, daß nur für 
die vorliegenden Novellen Zeichnungen von Soltau vorhanden 
waren und man die Einheitlichkeit des Bandes durch Hinzuziehung 
anderer Küttstler nicht stören wollte. Es ist nur zu loben, daß 
dem Bande lediglich Soltausche Zeichnungen beigegeben sind; er 
wird dadurch zugleich ein Gedenkstein für diesen vortrefflichen 
Künstler. Denn diese Zeichnungen sind nicht das, was man ge- 
meinhin mit dem Ausdrilck Illustrationen abtut: es sind — jede 
einzelne für sich — Kunstwerke ersten Ranges, an denen auch der 
verwöhnteste Geschmack sein Genüge finden wird. Auch wenn 
man die Beziehungen zu den Stormschen Novellen völlig streichen 
wollte, wenn man sie etwa vereinigt, ohne die beigefügten Stellen 
aus Storm, in einer Mappe gesondert publizierte, sic würden 
ihren vollen Wert behalten und würden die Offenbarung eines 
mit Meisterschaft um die Probleme der Schwarz-Weiß-Zeichnung 
ringenden Künstlers bleiben. Es ist kein Schade, daß sie alle in 
einer Manier gearbeitet sind, sondern ein Vorzug, da sie ans diese 
Weise auch dem Laien klar machen, wie der Künstler die Unmög^ 
lichkeil, Licht au zeichnen, problemartig saht und durch seine 
Technik die erregende Wirkung des Lichts im Raum in seinen 
Zeichnungen zur Darstellung bringt. Es ist nicht allein das Kon- 
turcnlofe, mit dem er diese Wirkung hervorbringt, sondern auch 
die lineare Zerlegung der einzelnen Gegenstände, durch die sie 
innerhalb der Bilder zu Lichtquellen zu werden scheinen. Be 
sonders um dieser vortrefflichen Zeichnungen willen halten wir 
es -— abgesehen von der Anerkennung, die man uneingeschränkt 
der künstlerischen Darstellungskrast Storms zollt — für notwendig, 
daß man den Wert des Buches richtig einschätzt: als eine Tat, 
die nicht allein einen Schritt macht auf dem Gebiete der Buch 
illustration, sondern auch auf dem künstlerischen Felde der Schwarz- 
Weiß-Zeichnung eine volle Leistung bedeutet. 
F r i t z B ö h m ^ 
Max 2. Friedländer, Von Eyck bis Vrirsgel. Verlag 
Julius Bard, Berlin. Einer der besten Kenner der nicderländi- 
schcrt Malerei, Max I. Friedländer, hat die Früchte seiner Studien 
in einem Bande vereinigt, den er „Bon Eyck bis Bruegel" betitelt. 
Es sind einige Aufsätze, in denen die Werke der bedeutendsten 
Vertreter der niederländischen Tafelbildnerei jeweils in chrono 
logischer Entwicklung und unter Berücksichtigung der neuesten 
Forschungsergebnisse durchgesprochen werden. Die Namen sind: 
Jan van Eyck, Petrus Christus, Rogier van der Weyden, Dirk 
Vouts, Hugo van der Goes, Hans Memling, Gerhard David/ 
Geertgen Tot, St. Jans, Hieronymus Bosch, Quinten Mnssys, 
Joachim Patinic, Joos van Eleve, Jan Provost, Inn Gossaert, 
Jan Ioest, Iait Mostaert, Lucas van Leyden, Pieter Bruegcl. 
Vorangestellt ist eine gedrängte, jedoch sehr fruchtbare Uebersicht 
über die Kunsttopographie der Niederlande, worin die Meister? 
nach ihrer Zugehörigkeit zum germanisch-nordniederländischen uuöj 
zum romanisch-südnicdcrländischeu Kulturgebict geschieden werden, 
und der Versuch gemacht wird, in Abwägung des Individuellen 
und des Stammcseigentümlichcn feste Punkte zu gewinnen. Be 
rücksichtigt mau die große Schwierigkeit dieses Unternehmens und' 
die leichtherzige Art, mit der sonst vage Hypothesen als Grundlage 
hochgetürmter wissenschaftlicher Konstruktionen benutzt werden, so 
erscheint die vorsichtig-sachliche Art überaus dankenswert, mit der 
hier an die Wurzeln herangeleuchtet wird. Allgemeiner Natur 
ist noch ein Aufsatz, der vom 16. ins 16. Jahrhundert hinüber-: 
leiten soll. Der Verfasser verzichtet als auf etwas Vergewaltigen 
des auf eine für alle Fälle gütlige Definition ihres WefensAnter- 
fchiedes, ebenso aus eine eindeutige Charakteristik des im 
16. Jahrhundert erscheinenden Neuen, indem er es vorzieht, an 
ihre Stelle, w'e er sagt „eine Summe halber Wahrheiten" zu
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.