Full text: Zeitungsausschnitte über Lessing

J£ 65. Erste Beilage jttr Kömgl- pnvilegirtm Berlinischm Zeitimg. 
Sonntag den 17. März. 
18«. 
me 
BW 
G. Lesfing's Bildnisse. 
Obwohl einige schöne, nach dem Leben gemalte Bildnisse 
Vorhanden find, welche Lesfing in verschiedenen Lebens 
epochen, und ohne Zweifel ähnlich, darstellen, da fie unter 
einander so wie mit der Todtenmaske übereinstimmen; ob 
wohl mit diesen vortrefflichen Hülfsmitteln unsere größ 
ten Bildhauer, Schadow, Rauch, Rietschel, treu und schön 
Lesfing dargestellt haben, ist dennoch in neuester Zeit ein 
Bildmß von ihm, ein zierlicher Kupferstich, erschienen, 
welcher die Kopie eines abscheulichen älteren Blattes ist. 
Hier erscheint er so unähnlich, so aufgedunsen, so häßlich, 
daß er selber wohl höchst unzufrieden wäre, denn er setzte 
bekanntlich großen Werth auf sein unmuthiges Aeußere. 
Gewiß hatte er schon als Knabe mit seinem biS auf den 
Kern der Dinge eindringenden Scharfblick aus den Klas 
sikern gelernt, daß die unö so auffallende plastische Abge> 
schlossenheit der antiken Charaktere sich wohl auch aus 
dem großen Gcwicht erkläre, welches das Alterthum auf 
die körperliche Ausbildung gelegt; gewiß hatte er des- 
halb als Leipziger Student der Theologie, gegen alle da. 
malige Gewohnheit, das Fechten, Reiten und Tanzen so 
eifrig betrieben, daß er später, als er sich in Tauenzien'ö 
Gefolge begab, um nun die große Welt, die Soldaten, 
welt, rennen zu lernen, auch m diesen äußerlichen Bezie 
hungen sich den Offizieren bequem an die Seite stellen 
tonnte. Schreibt ihm doch seine Braut, Frau König: ein 
Schauspieler, welcher in Hamburg aufgetreten war, ge. 
siele, weil man ihn einem gewissen Herrn (Lesfing näm. 
lich) ähnlich fände, welcher allen Frauen gefallen habe. 
Wenn es auch nicht alle Traditionen sagten, daß er auch 
äußerlich von der unbehülflichen Pedanterie seiner gelehr 
ß 
teil Zeitgenossen völlig frei gewesen, die vollkommene und 
schöne Harmonie seines Wesens, welche auö jeder Seite 
seiner Schriften spricht, beweist es. 
Die Nachrichten über Lesfing's Bildnisse in dem fieißi- 
en und vortrefflichen Buche von Darzel und Guhrauer 
md nicht vollständig und nicht völlig genau; eine Auf- 
zählung der vorhandenen, so weit sie dem Schreiber die. 
ser Blatter bekannt find, mit Hervorhebung der besten, 
uns eigener Anschauung beruhend, wird seinen Verehrern 
nicht werthlos scheinen. 
Das früheste Bildniß ist ein lebensgroßes Brustbild von 
Tischbein in Oel gemalt. Es lstellt Lessing etwa dreißig 
jährig dar, also in der Zeit, wo er Mitglied der Berliner 
Akademie ward, damals für einen Deutschen und einen so 
jungen Mann keine geringe Ehre, und wo er dann als 
Tauenzien'ö Sekretär nach Breslau ging. Man sieht ihn 
fast von vorn, er bat den dreispitzigen Hut verwegen auf 
den Hinterkopf gesetzt, das lockige lichtbraune Haar hängt 
frei und ungefärbt auf die Schultern, der Halö ist nackt, 
der Rock von gelblicher Farbe zeigt auf den umgeschlage 
nen Bruststücken ein rothes Futter. Dies Bild war früher 
im Besitz des berühmten Berliner ArzteS Hofrath Hertz, 
nach seinem Tode erhielt es der Stadtrath D. Friedlän- 
der, bei besten Nachkommen eö sich jetzt befindet. Daß es 
von einem der zahlreichen Tischbein gemalt ist, beruht nicht 
allein auf mündlicher Ueberlieferung, auch ein ältern 
Kupferstich danach, von Bußler, nennt Tischbein als 
Maler. Dieser Tischbein ist wahrscheinlich Johann Hein« 
rich der ältere, welcher auch Gleim, Campe und andere 
Schriftsteller, jener Zeit gemalt hat. Auch ist daö Bild 
dieses ausgezeichneten Künstlers würdig, so wie es Lesfing's 
würdig ist. Der Kopf erscheint höchst geistvoll, die an- 
wuthigeu freien Züge sind voll heiteren Lebens, die blauen 
Augen funkeln. Daö Bild erfreut jeden Beschauer, und 
schon mancher hat davor ausgerufen: ja, so muß Lessing 
in seinen besten Stunden ausgesehen haben. 
Der erwähnte Bußler'sche Kupferstich, in Punktirter 
Manier, ist äußerst schlecht,-er entstellt das schöne Bild, 
und nach diesem Blatt ist daö neueste Portrait verfertigt! 
Gs giebt aber noch eine nach dem Originalbilde gemachte, 
geistreiche und geschickte, wenn auch etwas rohe Radirung, 
welche die Hand eines MalcrS, nicht eines Kupferstechers 
verräth, vielleicht Tischbein's eigene Hand, mit dessen be» 
zeichneten Radirungen dies Blatt viel Aehnkichkeit in der 
Technik hat. Das einzig bekannte Exemplar davon besitzt daö 
K.Kupferstichkabinet in Berlin. Auch hat Lachmann für seine 
Ausgabe von Lesfing's Werken dies Bild von Karl Schüler 
dem Aelteren stechen lassen, allein der sonst gute Stich giebt 
nicht ganz den Charakter des Originals wieder, vielleicht 
nur weil einige Aeußerlichkeiten verändert find; so ist der 
Hut fortgeblieben, welcher in dem Bilde wesentlich die 
Charakteristik bedingt, und außerdem fehlt nach der jetzi 
gen leidigen Mode auch der dunkele Hintergrund unv die 
viereckige Umrahmung des Bildes, der Kopf ist statt des- 
sen nur von einigen sogenannten Wolken umgeben. Wie 
viel deutscher war dagegen die ernste und liebevolle Be 
handlung der Kupferstich-Bildnisse des vorigen Jahrhun 
derts, in denen nicht die Köpfe allein, auch die Kleidung 
und alles Beiwerk sorgsam ausgeführt ist. Den jetzigen 
gestochenen Bildnissen hat der Steindruck seinen schnellftr- 
iigen Charakter aufgeprägt, oft tragen auch die Köpfe die 
deutlichen Spuren der Hast. Es ist daher sehr wÜv- 
schenswerth, daß ein geschickter Künstler eine Radirung 
dieses schönen Bildes verfertigte. 
Wer vor dem Hofrath Hertz das Gemälde besessen, ließ 
sich nicht ermitteln; in Berlin scheint es ursprünglich nicht 
gewesen zu sein, sonst hätte Friedrich Nikolay eö gewiß 
rm Jahre 1770 benutzt, start ein als Bildniß und als 
Stich gleich elendes Portrait für den zwölften Baud der 
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Weste vor dem XII. Bande>er Bibl., worunter Ihr Name 
steht. Sie sehen übrigens leicht ein, daß ich hieran un- 
schuldig bin wie ein neugeborenes Kind, und daß eö ei» 
^ämischer Streich von Klötzer ist, der uns zusammen- 
etzen will. Man hat mir zwar sagen wollen, der Kupfer 
stich wäre nach einem Bildnisse, das Ihr Herr Vater i» 
Camenz besitzet, gemalt; das kann aber nicht sein, denn 
der würde doch ein Bildniß haben, daß Ihnen ähnlicher 
sähe.* 
Ein zweites, ebenfalls vortreffliches, lebensgroßes Brust- 
bild hat der wackere alte Gleim für seine berühmte Samm 
lung von Freundesbildnissen in Oel malen lassen, welche 
in der gefühlsseligen Sprache seines KreiseS der Freund- 
schaftötempel genannt wurde. Jetzt ist diese ganze Saunn- 
lung durch Erbschaft in den Besitz deS Domgymriafiumö 
zu Halberstadt gekommen. Sie befindet sich leider nicht 
in bester Erhaltung (einige Bilder entbehren des schützen 
den Rahmens und alle des Firniffes) in der entlegenen Pri 
vatbehausung deS würdigen Direktors, welcher sie zwar 
gern und mit der größten Freundlichkeit den Fremden zeigt, 
allein eS ist. dennoch sehr wünschenswerth, daß dieser Schatz 
im Gymnasium selber wohlgefichert und gereinigt und all. 
gemein zugänglich aufgestellt werde; und da eben der präch 
tige Kapitelsaal des Domö zur Aula eingerichtet wird, fo 
bietet sich dazu die beste Gelegenheit dar. Die Bilder 
verdienen allen Schutz und alle Ehre, denn eö find lauter 
Originalgemälde, viele nicht ohne Kunstwerth, ja von 
manchem unserer berühmten Schriftsteller ist hier daö ein 
zige vorhandene Bildniß. Lesfings Portrait ist eins der 
größesten, eö ist eine Halbfigur doch ohne Hände, in hefl- 
vlausammtnen Kleidern. Wahrscheinlich ist es um das 
Jahr 1770 gemalt. Goethe erzählt, das Bild habe ihm so 
gefallen, als er eö bei vr. Körte, Gleim'ö Neffen, inHal- 
berstadt gesehen, daß er eö nach Weimar entliehen, in sei- 
nem Arbeitszimmer aufgestellt und sich sehr ungern davon 
getrennt habe. Er erhielt es im Jahre 1805 und gab eö 
erst nach anderthalb Jahren zurück, wie aus seinen Brie, 
fen an Körte sich ergiebt, welche jetzt im Besitz deS Herrn 
S. Hirzel in Leipzig sich befinden. Vorher, ließ er cs 
kopiren, diese Kopie wird auf der Großherzogl. Bibliothek 
in Weimar aufbewahrt. WaS den Künstier betrifft, der 
das Original verfertigt, so nennt ein entfteUenbn Kupfer, 
stich danach, weicher für den „deutschen Ehrentempel" (her--
	        

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