Full text: Zeitungsausschnitte über Holbein

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 44 
gutta erhalten (nach 
wirklich abgereist. 
einem Versailler Telegramm born 26. wäre er nun 
Die Räumung der 6 Departements wird wahrscheinlich mit Ablauf 
dieses Monats beendet sein. 
Sehr ungehalten ist man über eine Notiz des Londoner „Globe"' 
wonach verschiedene französische Generale bei verschiedenen Regiments 
commandeuren sich über die Stimmung der Soldaten resp. für Napo 
leon, Chambord und den Herzog v. Aumale erkundigt und zur Antwort 
erhalten hätten, Napoleon habe noch immer die meisten Sympathien. 
Die Regierungsblätter beeilen sich, die Geschichte für eine reine Erftn- 
dung zu erklären, was sie auch wohl ist. 
Eine Enthüllung älterer Art, die sich nicht auf den deutsch-fran 
zösischen Krieg bezieht, offerirt heute der „Courrier diplomatique". Auf 
d e Autorität eines alten Diplomaten erzählt das Blatt, Lord Russell 
habe 1864 dem Kaiser Napoleon förmlich eine Defensiv- und Offensiv- 
allian zzum Schutz Dänemarks hin gegen die deutschen Mächte vorgeschagen; 
Napoleon habe dieselbe nach dreitägigem Bedenken angenommen, Lord 
Russell indeß mit der Erklärung, daß es nun zu spät sei, seinen Vor 
schlag zurückgezogen, da das Ministerconseil nichts mehr davon wissen 
wolle. 
Thiers wohnte heute in seiner Eigenschaft als Mitglied der Aca- 
demie fran^aise der Sitzung der vereinten fünf Academien des In 
stituts bei. Als er zu Fuß wieder fortging, soll er vom Pariser Publikum 
sehr lebhaft acclamirt worden sein, was schon deshalb nicht zu ver 
wundern ist, als er ein entschiedener Gegner derjenigen Mitglieder der 
Nationalversammlung ist, welche durch Fernhalten der Executive und 
Legislative Paris durchaus des hauptstädtischen Charakters entkleidet 
wissen möchten. 
Die Empfehlung Gambetta's, man möge sich in den Generalräthen 
streng innerhalb der Schranken der Gesetzlichkeit halten, scheint wenig 
gefruchtet zu haben; die Radicalsten der Nadicalcn lieben es nicht, 
wenn eine hervorragende Persönlichkeit aus den Reihen der Partei 
hervortritt, um auf eigene Faust demokratische Politik zu treiben, und 
in den Berathungen und Gesprächen der Vorgeschrittenen kann man 
bereits Gambetta, den Dictator von Tours und Bordeaux, sehr un- 
gescheut als einen überwundenen Standpunkt und einen Mann kenn 
zeichnen hören, dem es an der nöthigen Entschiedenheit mangele und 
von dem sich die Partei unmöglich dürfe ins Schlepptau nehmen lassen. 
Gelegentlich des Abzuges der deutschen Truppen bemerkt der Cor- 
respondent der „Morning Post": So weit ich in Erfahrung bringen 
kann, und soweit meine persönliche Beobachtung reicht, haben die 
deutschen Truppen sich durchaus lobenswert!) verhalten. Stille, nicht 
aufdringlich, nüchtern, ja selbst traurig aussehend, saßen sie beisammen, 
wenn sie keinen Dienst hatten, rauchten ihre Pfeife und tauschten meist 
ihre Gedanken über die Heimath aus. Sie hatten Ordre, möglichst 
wenig zu den Franzosen zu sprechen und sich an giftige Blicke und be 
leidigende Aeußerungen nicht zu kehren. Die Occupation führte zu 
weniger Zusammenstößen als man hätte erwarten sollen, und ganz 
sicher zu weniger als zu der Zeit, wo die Alliirten Frankreich in den 
Tagen Napoleon I. besetzt hielten. 
Bei dem Einzug der französischen Truppen in das von den Deut 
schen geräumte St. Quentin jammerte der Maire in einer Ansprache 
dem Bataillonschef vor, daß noch sechs Departements von dem Feinde 
occupirt seien, und der Angeredete tröstete den schluchzenden Chauvin 
damit, daß mit der nöthigen Geduld und Eintracht zwischen Armee und 
Volk eine glänzende Revanche ganz sicher nicht ausbleiben könne. Immer 
die alten Albernheiten. 
Ob Hr. Drouyn de Lhuys wirklich einen kleinen diplomatischen 
Feldzug gegen den armen Benedetti eröffnen wird, steht doch noch dahin. 
Bei seiner notorischen Antipathie gegen Preußen resp. Deutschland 
würde er an Benedetti's Stelle dem Kaiser vermuthlich noch schlimmere 
Rathschläge gegeben haben. Thatsache ist, daß er unmittelbar nach 
Sadowa ein Observationscorps an den Rhein gesendet wissen wollte, 
obgleich man damals in Folge des mexikanischen Krieges nur über 
125,000 Mann Soldaten verfügen konnte. Im Ministerrath, der die- 
serhalb stattfand, wäre er damit auch durchgebrvngen, aber Rouher, der 
nach demselben eine längere Unterredung mit dem Kaiser hatte, brachte 
diesen von dem Entschluß ab. Von allen Leuten, die den Kaiser um 
gaben, war Rouher derjenige, der bis zuletzt von einem Kriege gegen 
Deutschland abrieth. 
Im Hafen von Ajaccio liegen dermalen die Panzerschiff«- „cw«,,«, 
„Armide" und „Jeanne d'Arc" nebst einem Avisodampfer. Nöthigcn- 
falls können rasch noch weitere Schiffe zur Hand sein. 
Nächstens muß nun Thiers die große Ceremonie der Bekleidung 
mit dem Orden des goldenen Vließes an sich ausüben lassen. Der 
Herzog von Ossuna und der Fürst von Ligne, ältere Ritter, sind bereits 
unterwegs, um den neuesten Jason in ihre Mitte aufzunehmen. 
Polizeipräfect Valentin, der von den Rückerinnerungen der bona- 
partistischen Blätter an seine frühere edle Liebedienerei gegen den 
Kaiser sehr unangenehm berührt worden ist, sucht diese lästigen Gesellen 
Stickereien Im Anzug des knienden Mädchens zwar eine peinliche Sorgfalt 
und Genauigkeit des Copisten, aber es ist die Sorgfalt der nachfahrenden 
Schülerhand, diese Dinge sind dem Gemälde, nicht der Natur nach 
gebildet und bei aller Gewissenhaftigkeit erscheinen sie doch flüchtig und 
zrob. Je mehr man diese Details vergleicht, um so mehr bestätigt 
nch der erste Eindruck, daß hier das frische, selbständige, auf Natur- 
'tudium beruhende Kunstwerk, dort die unselbständige Wiederholung vor 
unserem Auge steht. 
Aber nun trennen sich die Wege. Bis dahin gingen zum Theil 
auch die Vertheidiger der Dresdenerin mit. Nun erst, nach Aufgabe 
der unhaltbaren Außenpositionen, pflanzen sie ihr schweres Vertheidi 
gungsgeschütz auf. Gerade diese flüchtigere Behandlung der Familienköpse 
wie alles Detailwerks, so sagen sie, beweist, daß es Holdem bei der 
Wiederholung des Bildes um etwas ganz anderes zu thun war. Hatte 
er im Auftrag des ihm befreundeten Bürgermeisters von Basel ein 
Votivbild gemalt, das zugleich wesentlich Familienbild sein sollte, so 
stellte sich nun in der Wiederholung dem Künstler eine ganz neue Auf 
gabe. Das ältere Bild wurde ihm zur bloßen Vorstudie, die er jetzt 
m wesentlichen Stücken verbesserte, ja umschuf. Vor Allem änderte er 
die gedrücktenVerhältniffe der ganzen Composition, er machte die Archi 
tektur, welche der Gruppe zum Hintergründe dient, schlanker und höher 
und ließ sie weiter zurücktreten, so daß die Figuren ftnwr, wie von 
einem Banne gelöst, sich herausstellen. Es ist als ob die einzelnen 
Personen ordentlich aufathmeten, so zumal der Bürgermeister selbst, 
der auf dem älteren Bilde kaum Platz zum Niederknien findet und 
wenn er sich erhöbe, unbarmherzig den Kopf an den vortretenden Kl!auf 
der Nische stoße. Ein leichterer Rhytmus belebt die ganze Gruppirung, 
und endlich zeigt sich der vollendete Künstler in dem Kopf der Maria, 
den er etwas kleiner genommen, sanfter geneigt, feiner geschnitten und 
mit demReiz holdseligster Anmuth ausgestattet hat. So hat er sein eige 
nes Bild überall ins Ideale gearbeitet, aus dem Irdischen erhob er es 
ins Ueberirdische. MitVerzicht auf die Naturwahrheit des älteren Bildes 
schuf er es in ein Werk um, das in den Verhältnissen, in dem harmoni 
schen Aufbau der Gestalten und in dem Ausdruck der Hauptfigur 
weit überlegen ist. Nicht mehr die Familie Meyer ist die Hauptsache, 
sondern die Erscheinung der Himmelskönigin. Kurz, das zweite Bild 
ist wesentlich eine Verbesserung, genauer Jdealisirung des ersten, und 
— nur Holbein selbst hat diese Veränderungen vornehmen können. 
Oder, so wird zuletzt triumphirend den Zweiflern zugerufen, so nennt 
doch den Copisten, der sein Vorbild in allen Theilen verbesserte, nennt 
den Unbekannten, der größer war, als Hans Holbein selbst. 
Diese Argumentation klingt zuversichtlich genug. Doch bei näherer 
Prüfung sind ihre Blößen augenscheinlich. Davon nicht zu reden, daß 
es die Hauptfrage doch umgehen heißt, wenn man den Streit auf ein 
fremdes Gebiet zieht und an die Stelle der Echtheitsfrage die Schöu- 
heitsfrage schiebt oder wenigstens jene einseitig durch diese entscheiden 
will. Aber wie, wenn nun das einzige Refugium der Dresdener, die 
Behauptung, daß ihre Madonna die schönere sei, selbst wieder bestritten 
wird? 
Und so ist es in der That. Wenigstens erleidet das Mehr von 
Schönheit, welches die Dresdener Madonna voraus hat, noch eine erheb 
liche Einschränkung. Unstreitig hat ihr Kopf einen feineren, lieblicheren 
Ausdruck, als ihre Darmstädter Schwester. Aber nun ist entdeckt und 
von allen Seiten zugestanden worden, daß der Kopf der Darmstädter 
Madonna Spuren starker Uebermalung zeige, daß somit deren Gesichts- 
jetzi dadurch zu versöhnen, daß er eiscigst auf alle Carrieaturen der 
Familie Bonaparte fahnde ° läßt. 
Da, wie bekannt, innere der für die kaiserliche Politik compro- 
mittirenden Papiere auf di Villa des Hrn. Rouher in Cer;ay gesun 
den worden sind, so wolle ihn einige besonders enragirte Antibona- 
partisten dafür zur Verantortung gezogen wissen; er hätte sie in den 
Tuilerien lassen sollen. 
Graf Arnim dinirte eser Tage beim Präsidenten der Republik 
und wird überhaupt, wie mt der „K. Z." schreibt, mit vieler Aufmerk 
samkeit behandelt. Darausaber den Schluß ziehen, wie dies hiesige 
Blätter gethan haben, daß r bereits mit dem Finanzminister in Unter 
handlungen bezüglich der Zhlung der fünften Halbnulliarde eingetreten 
sei, die Pouyer-Quertier iidpCt. Renten auf den Staat zum Course 
von 95 angeboten habe, hßt schlechterdings etwas voreilig zu Werke 
gehen. Für den Augenblic hat der französische Finanzminister noch 
kein Interesse auf Operation zu sinnen, welche über den 1. Mai 1872 
hinausgehen, da die bis zu esem Datum übernommenen Vervflichtungen 
seine Aufmerksamkeit vollas in Anspruch zu nehmen _ geeignet sind. 
Was gar den angegebenen Zahlungsmodus anbetrifft, so ist selbstver 
ständlich, daß unter erlistn Leuten davon keinen Moment die Rede 
sein konnte. 
Als Probe französische Statistik diene, daß Neu-Breisach, aus 
welcher Stadt laut dem „irogres de Lyon" mehr denn 14,000 Ein 
wohner eine Adresse an Ttxrs wegen Versetzung des Obersten Rohan 
in Anklagestand gerichtet hbett sollen, nach der Zählung von Ende 
1861 nur 3456 Einwohner >atte. 
Aus der Broschüre desGeneral Palikao sei noch das nachstehende 
Fragment wiedergegeben, * L 
Vo-marsch gegen Norden 
Metz, schreibt der General den einige .... 
kühn zu tadeln versucht hakn, war es weit weniger, als das Unter 
nehmen der 2. preußischen lrmee (Prinz Friedrich Karl und General 
Steinmetz) vor Sadowa du 26. Juni 1866, als sie gegenüber der 
österreichischen Armee, die in Besitz der Festungen Königsgrätz und 
Josephstadt und an die Elb gelehnt war, durch die schlesischen Defileen 
debouchirten. Dort war alls den Preußen entgegen, hier uns alles 
günstig, da die Passagen de Maas bei Verdun und Charny uns ge 
hörten. Dieselben Schriftstller haben auch den Flankenmarsch der 
Armee von Chalons als Agesichts des Feindes gefährlich getadelt. 
Aber häufig sind solche Masche ganz correct, vorausgesetzt nur, daß 
sie mit der nöthigen Schneligkeit und Vorsicht ausgeführt werden. 
Um nicht zu weit in der G schichte zurückzugehen, erinnere ich daran, 
daß Friedrich, dieser groß Feldherr, 1760 von seinem Lager bei 
Reichenbach aufbrechend, de preußische Armee durch einen raschen 
Flankenmarsch vorgehen ließ um den Oesterreichern eine Schlacht zu 
liefern und sich Torgaus zl bemächtigen. Gleichfalls durch einen 
Flankenmarsch vor der russichen Armee führte Friedrich's berühmtester 
General Seidlitz seine Trupien in die rechte Flanke der Russen bei 
Zorndorf und warf sie mit finer Cavallerie nieder. Von den Flanken 
märschen Napoleon's I. im Feldzug von 1814 gar nicht zu reden, 
citire ich nur noch ein Beispiel, das mit dem 1870 Geschehenen eine 
gewisse Analogie hat. In Jahre 1712 sah Frankreich, von den 
Siegen des Prinzen Eugen und der Coalition gedrückt, dem Feinde 
den Weg in seine Hauptstad: geöffnet. Seine letzte Armee, die des 
Marschalls Villars, war cntmuthigt; um das Königreich zu retten, 
mußte ein großer Schlag aechan werden. Das Genie dieses großen 
Feldherrn combinirte den kühnsten und zugleich kräftigsten Schlag, der 
überhaupt versucht werden konnte. Er nahm Denain und die Linien 
von Marchiennes durch einen nächtlichen Flankenmarsch in geringer 
Entfernung von der Armee des Prinzen Eugen, ja fast unt r seinen 
Augen. Ueber diese Operation äußerte der Marschall von Sachsen, 
der damals noch sehr jung als Adjutant des Prinzen Eugen zugegen 
war: In der Affaire von Denain wäre Marschall Villars verloren 
geivesen, wenn der Prinz Eugen gegen ihn vorgegangen wäre, als 
er die Schelde durch einen Flankenmarsch passirte. Aber dieser 
Flankenmarsch, der so gewagt schien, rettete Frankreich und 
die Monarchie Ludwig's XIV. Mit Donain verloren die Alliirten 
alle ihre Magazine, sie mußten die Belagerung der benachbarten 
Städte ausgeben und aus den Besatzungen derselben vervollständigte 
Villars sein Heer. Jedermann weiß, daß der , arößte Fehler- 
o« w.,f-.. 0 v.ä O-tto-r,» Q»' iuiu ui ver zu großen Zerstreuung 
der französischen Streitkräfte ftegcn die deutschen bestand. Man musste 
also das entgegengesetzte System adoptireu, und da wir einen drei Mal 
so starken Feind uns gegenüber hatten, so mußten wir auf einem ein 
zigen Punkt eine compacte Masse zusammen bringen, die isolirt und 
ohne Nachtheil der Zahl gegen jede feindliche Armee kämpfen 
konnte. Dazu gab es nur ein Mittel, die Verein-gung der 
Armeen von Chalons und Metz, und um diese zu bewirken, 
mußte der Feind durch rasche Märsche getäuscht werden. Das 
hatte denn auch in diesem Fall stattgefunden. Durch eine mit 
ausdruck nicht der ursprüngliche, von Holbein's Hand herrührende 'sei. 
Darauf wird dann die unverwerfliche Vermuthung gegründet, der 
Meister des Dresdener Bildes habe noch das unverfälschte Original 
vor sich gehabt, die noch nicht übermalte Madonna copirt und gebe 
somit eine richtigere Anschauung des ursprünglichen Kopfes aus der 
Hand Holbein's als das jetzt übermalte Original. Dabei kann aber 
ferner nicht verschwiegen werden, daß man gerade in der Anmuth der 
Dresdener Madonna einen bedenklich modernen Zug finden will, der 
bereits auf andere Kunsteinflüsfe deute, und vor allem bleibt die Frage 
unbeantwortet: wie konnte Holbein selbst, wenn er sein erstes Bild 
verbessern und idealisiren wollte, im Kopf des Jesuskindes, der doch 
unstreitig verunglückt ist, so weit unter seiner Aufgabe bleiben? 
So schränkt sich denn der Vorzug des Dresdener Bildes in Wirk 
lichkeit auf die schlankere Architectur und auf die besseren Verhält 
nisse ein. Wir legen kein Gewicht darauf, daß Uebereifrige auch diese 
Verbesserungen für sehr zweifelhaft halten wollen; jeder Unbefangene 
wird in ihnen wirkliche Verbesserungen der Composition erkennen. Aber 
man sieht, auf welche schmale Linie zuletzt die ganze Streitfrage zurück 
gedrängt ist. Es handelt sich zuletzt darum, ob nicht diese Verbesserun 
gen, welche übrig bleiben, auch ein begabter Copist ersinnen konnte, der 
für Raumverhältnisse besonders empfindlich war, mit Vorliebe dem 
Eleganten zustrebte und vielleicht an italienischen Vorbildern seinen 
Geschmack gebildet hatte. Und wie will man im Ernst diese Möglichkeit 
bestreiten? Wenigstens wird man niemals beweisen können, daß zu 
diesen Verbesserungen die Hand Holbein's selbst nothwendig gewesen 
sei, wenn doch in allem Uebrigen die beiden Bilder zugestandenermaßen 
durchgreifende Verschiedenheiten zeigen, welche entschieden das eine Bild 
zum Original, das andere zur ^opie machen. 
In diesem Stadium befindet sich der Streit. Möglich, daß im 
Laufe der Zeit noch weitere positive Momente aufgefunden werden, 
welche ihm ein- für allemal ein Ende machen. Bis dahin wird eine 
umsichtige Kritik das Urtheil fällen, daß die Aechtheit der Dresdener 
Madonna zwar nicht schlechterdings in Abrede gestellt werden kann, 
aber überaus unwahrscheinlich ist. Es gereicht der Wissenschaft nicht 
zur Unehre, wenn sie in einem bestimmten Stadium irgend einer Streit 
frage sich mit einem solchen Spruche begnügt und damit zu weiterer 
Forschung verstärkten Anreiz giebt. Aber die Sache steht allerdings so, 
daß die Vertheidiger der Aechtheit die Beweise für ihre Ansicht beizu 
bringen haben, um die gewichtigen Gründe zu entkräften, welche gegen 
die Identität der Autorschaft beider Bilder sprechen. Sind diese Gründe 
nicht beizubringen, und tritt, was bisher als Hans Holbein's Hauptwerk 
gefeiert ward, wirklich in den bescheidenen Rang einer „freien Copie" 
zurück, so kann doch zum Glück Holbein's Name diesen Verlust ver 
schmerzen. Die nun geschlossene Ausstellung seiner Werke, zu welcher 
neben anderen Besitzern insbesondere die britische Königin die werth 
vollsten Beiträge eingesandt hatte, gab zwar kein lückenloses Bild von 
der Thätigkeit des schwäbischen Meisters, dessen bedeutendste Schöpfungen 
ohnedies verloren sind, aber sic wies doch zumal einen Reichthum von 
Portraits auf, die Holbein zu einem Meister ersten Ranges machen, 
ebenbürtig jedem Niederländer odU Venetianer. Und auch die Dresdener 
mögen sich in ihrem Schmerze Men. Bleibt doch ihr Museum das 
reichste in Deutschland, und bleibt ihnen die unvergleichliche Perle dieser 
Gallerte, Rafaels sixtinische MadpKNa — und sie können beruhigt sein, 
daß kein vorberechtigtes Original irgendwo auferstehen wird, um diese 
Gewaltige von ihrem Throne zu stoßen. 
WUüsf, 
k 
4t. V. i 
feem Marschall Mac Mahon verabredete Depesche irre geführt, hatte 
der Kronprinz von Preußen seinen Marsch bis Vitry le Framcns 
fortgesetzt. Dort, also 25 Lieues von Verdun, befand er sich noch am 
26. Morgens. Wie sehr er sich auch beeilen mochte, unmöglich konnte 
er am 27. oder auch nur am 28. jenseits der Maas auf der Höhe von 
Verdun sein. Cs bedurfte dreier starken Tagemärsche, wenn man den 
96 Kilometern directer Distanz zwischen beiden Städten noch d:e 
Terrainschwierigkeiten hinzufügt. Die Schlacht, die spätestens am 26. 
unvermeidlich war, konnte also nur zwischen den 135,000 oder wer n 
man einen Verlust von 15,000 Mann unterwegs annimmt, 120,000 
Mann des Marschall Mac Mahon und der Armee des Prinzen von 
Sachsen, die höchstens 70,000 Mann zählte, stattfinden; sie mußte 
zwischen Verdun und Etain in der Richtung von Brich vor sich gehen. 
Hier bieten sich zwei Hypothesen. Entweder versuchte die preußische 
Armee vor Metz die des Prinzen von Sachsen zu unterstützen. Dann 
hatte sie die Armee Bazaines an ihren Fersen, die in den Kämpft n 
am 14., 16. und 18. August sich allein gegen die vereinigten Armeen 
der Preußen und Sachsen gehalten hatte. Die Position dieser beiden 
deutschen Armeen zwischen den zwei französischen wurde dann sehr 
kritisch und eine von den ersteren verlorene Schlacht ohne gesicherte 
Rückzugslinie hätte den Stand der Dinge total geändert. Oder aber, 
die Armee des Prinzen Friedrich Karl fuhr fort, lediglich die Armee 
von Metz zu beobachten, dann hätte die sächsische Armee sehr wahr- 
'cheinlich eine Niederlage erlitten, die sie auf die von Metz zurückwarf 
und diese hätten sich zurückziehen müssen. Die Verbindung unserer 
Armeen war damit erfolgt. Indem ich die Details des Marsches auf 
Metz darlege, wie ich sie dem Ministerrath unterbreitete, bin ich fern 
davon, die von dem Marschall Mae Mahon in anderer Weise versuchte 
Operation eoutroliren zu ivollen. Im Gegentheil glaube ich, daß sie 
durch die Defileen im Norden vollständig gelingen konnte und ich werde 
durch die Aeußerung eines sächsischen Obersten bestärkt, der am 6. 
September in Sedan selbst einem meiner Freunde gestanden, die 
sächsische Armee habe sich einen Augenblick umgangen geglaubt. 
Noch inehr tverden die Kritiker sich wundern, wenn ich ihnen 
sage, daß der ^sächsische Prinz sich in demselben Sinne gegen 
einen der ehrenwerthesten Generale ausgelassen hat, von denen 
ich direct diese Thatsachen erfahren. Die Ursachen zu untersuchen, 
welche dazu beigetragen haben, den von dem hochverehrten Marschall 
conciptrten und ins Werk gesetzten Plan zum Scheitern zu bringen, 
kommt mir nicht zu." 
A m c r i k a. 
* Newyork, 24. Oct. Die Bundesgesetze gegen die Polygamie 
werden in Utah auf das Strengste gehandhabt und mehrere weitere 
Verhaftungen haben stattgefunden. — Der Finanzminister Boutwell 
hat die Ausgabe neuer Registrationspapiere für den Schuner „Horton", 
an Stelle derer, die von den canadischen Behörden confiscirt worden 
sind, verweigert, und ferner seine Entscheidung dahin abgegeben, daß 
das Fahrzeug in Gloucester bleiben muß, bis die canadischen Behörden 
irgend welche Schritte in der Angelegenheit gethan haben. 
* Washington, 24. Oct. Auf einem heute stattgehabten Cabinets- 
rath kam die Angelegenheit des Schuners „Horton" nicht zur Sprache. 
Die Beschwerde, welche der amerikanische Gesandte in Hayti wegen 
Neutralitätsbruchs in Sachen des Dampfers „Hörnet" erhoben hatte, 
wurde gutgeheißen, doch wurde die Angelegenheit im friedlichen Sinne 
beglichen. 
Afrika. 
* Der letzten südafrikanischen Post mit Daten aus Capstadt vom 
20. September entnehmen ivir folgende Notizen: Lord Kimberley, der 
englische Minister für die Colonie,' hat die Beamten der südafrikanischen 
Colonialregierung wegen ihrer Opposition gegen die Politik der 
britischen Reichsregierung entschieden getadelt. Der Gouverneur hat 
dem Präsidenten des freien Staates mitgetheilt, da er nicht 
geneigt scheine, die streitigen Grenzgebiete einer schiedsrichterlichen 
Entscheidung zu unterbreiten, werde er, der Gouverneur, mit Bezug 
auf dieses Gebiet sofortige Schritte thun, ohne auf die Regierung des 
freien Staates weiter Rücksicht zu nehmen. In Victoriawest waren wie 
derum bedeutende Diamantenentdeckungen gemacht worden. 
— Frankfurt, 26. October. Hermann Böget, Redacteur der 
„Frankfurter Zeitung", ist der Majestätsbcleidigung angeklagt. In 
Nr. 201 des genannten Blattes befand sich ein Artikel „Zur Dotation", 
in welchem, ivie die Anklage behauptet, eine Reihe beleidigender und 
verläumderischer Angriffe gegen den General v. Mantcuffct enthalten 
sind. Den dem Artikel beigedruckten Brief will die Zeitung von einem 
höheren preußischen Officier, dessen Namen zu nennen Herr Böget sich 
weigert, erhalten haben. Der angebliche Brief, führte die Oberstaatsanwalt 
schaft aus, beschränke sich indeß nicht bloß auf eine Kritik des genann 
ten Generals, sondern ziehe auch die allerhöchste Person Sr. Maj. des 
Kaisers und Königs in einer für denselben beleidigenden Weise in den 
Kreis der Besprechung und Beurtheilung. Es lverde namentlich bchaupet, 
daß der General v.Manteuffel die besondereLiebe des Monarchen nicht etwa 
durch seine Fähigkeiten und Verdienste als Feldherr vder als Staatsmann, 
sondern durch feine Eigenschaften alsHvsmann, durch Mitwissenschaft dcli- 
caterHofgcheimiusfe, durch Liebenswürdigkeit und Berufen auf seine Fröm 
migkeit und gute Gesinnung und sein Verdienst um die Hohenzvllcr'sche 
Dynastie erworben und ungeachtet des Widerspruchs der hervorragend 
sten Staatsmänner sich erhalten habe. Hernach werde unterstellt, daß 
der König, welcher im Jahre 1866 den General Vogel v. Falckenstein 
uud im Jahre 1870 den General v. Steinmetz nur deshalb entfernt 
habe, um die Commandostelle seinem Günstling, dem General v. Man- 
teuffel, zu übertragen, denselben nicht zufolge seiner Verdienste und 
Fähigkeiten, sondern aus reiner Persönlicher Vorliebe, mithin Pflicht 
widrig, an die Spitze von Armeeabtheilungen gestellt habe rc. 
Ferner, besagt die Anklage, wird in dem fraglichen Briefe behauptet, 
Se. Maj. habe sich durch den Fürsten Bismarck und General v. Moltke 
gewissermaßen dupiren lassen, als cr dem General v. Mantcuffel im 
letzten Kriege eine Stelle als Oberbefehlshaber der Nordarmee und 
dann der südlichen Armee verliehen habe. Nachdem General v. Man- 
teuffel, wie auch die vorgesetzte Dienstbehörde, die Stellung eines Straf 
antrages gegen den Redacteur der „Frankfurter Zeitung" abgelehnt haben, 
konnte sich die Anklage nur auf die Verfolgung der von ihr behaupteten 
Majestätsbeleidigung beschränken. Herr Oberstaatsanwalt «schmieden be 
merkt in seiner Klagebegründung, der fragliche Artikel habe seiner Zeit 
ern großes Aufsehen erregt, das durch die „Frankfurter Zeitung" selbst 
veranlaßt und durch eine Reihe folgender Artikel geschürt worden sei, 
einzig und allein in der Absicht, eine Manteuffelaffaire zu machen, 
während doch der Artikel weiter nichts enthalte, als eine anonyme und 
unwahre, sowie beleidigende Denunciation gegen einen hochgestellten und 
verdienten General. Es sei einer derjenigen Fälle, wie sie in dieser 
Zeitung mindestens in jeder Woche und in jedem Blatte gegen hochge 
stellte Männer zu finden seien. Es sei zu bedauern, daß Gen. v. Man- 
teuffel keinen Strafantrag gestellt habe, weil dadurch die Möglichkeit 
entzogen worden sei, bestimmt und klar die Unwahrheit der einzelnen 
Behauptungen darzuthun. Dieses Bedauern werde vielleicht von der 
„Frankfurter Zeitung" in noch höherem Maße getheilt, indem ihr da 
durch die Gelegenheit entzogen worden sei, diesen Anlaß zum Gegen 
stand eines öffentlichen Scandals zu machen. Was nt dem be 
treffenden Artikel gesagt sei, wäre Alles Zeitungsfabrikat, um für 
sich Reclame zu machen. Die Geldstrafe, welche den Verfasser des 
Artikels getroffen hätte, würde reichlich durch die Reclame für die 
Zeitung ersetzt worden sein. Es scheine ihr, der Staatsanwaltschaft, 
deßhalb ganz gerechtfertigt, daß General v. Mantcuffel den Straf 
antrag gegen den anonymen Denuncianten abgelehnt habe; er stehe in 
^sr That zu hoch, um sich durch die gethanen Aeußerungen verletzt zu 
fühlen. Hinsichtlich der Behauptung jedoch, daß dieser Artikel von 
einem hochgestellten preußischen Officier herrühre, müsse er bemerken, 
daß, wer einigermaßen die Verhältnisse zu beurtheilen verstände, nie 
mals glauben könne, daß dieser Schandbrief der „Franks. Zta." zur 
Veröffentlichung zugeschickt worden sei; die ganze Form, in welcher der 
Brief geschrieben, enthalte eine Beleidigung des gestimmten preußi 
schen Officiercorps, namentlich aber die Behauptung, Schmähungen, 
wie die lucrimirten, seien der Zeitung von einem Officier, defsen 
Tüchtigkeit im Kriege vielfach Anerkennnng gefunden, zugeschickt wor 
den. Er möchte wirklich das ganze Officiercorps mit aller Entschieden-
	        
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