Full text: Zeitungsausschnitte über Holbein

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm N 
Schemen von einem Bilde zum andern; aber das ist nun 
vorbei, eine Menge dilettantischer Damen ist auch längst an 
gesteckt, und es geht ohne Unterbrechung vor den Bildern 
kreuzweise hin und her, her und hin. Auf den Stühlen sitzen 
nur noch etliche phlegmatische Naturen, die doch auch zu einem 
vernünftigen Verdikte sür's Album kommen wollen, und wie 
gen die Häupter von einem Bilde zum andern wie nachdenk 
liche Elephanten 
DaS Interesse ist groß; für Viele, die schon früher zur 
Sache geschrieben haben, ist es auch ein hochpersönliches, denn 
an jenem Tage des Gerichtes werden sie selbst sich müssen 
richten lassen wie die beiden armen stummen Madonnen. Da 
wird man sie ihrer Widersprüche zeihen, da wird man ihnen 
Angesichts der Bilder ihre Superlative in schöner Parade 
vorexerziren; da wird es viel Zorn und Staub geben, und 
manche gedunsene Phrase, die jetzt noch breitspurig einher- 
schreitet, wird dabei elend ersticken. Wohl dem, der seine 
Zunge zu wahren verstanden hat — denn Vater Fechner hat 
ihm aufgepasst, Vater Fechner hat mit diplomatischer Treue 
alle seine Schwärmereien und Bosheiten verzeichnet, und wie 
sehr er jetzt wünschen mag, in anständiger Verborgenheit ge 
lebt zu haben, es hilft ihm nichts mehr, er kommt am Tage 
des Gerichtes mit vor. Diese Madonnen haben ihre Gläu 
bigen, ihre Fanatiker, ihre Apostaten, ihre Proselyten und 
Renegaten, und wer davon laut geworden, wird sich zu ver- 
antworten haben. , 
Dann wird der wahre Verehrer der wunderbaren Bilder 
wieder zur Ruhe kommen. Himmel, was ist ihm jetzt mit 
gespielt! Während er seinem Gott dankte, daß eine so voll 
endete Schöpfung in. zwei Bildungen vorhanden, eine der an 
dern gleichartig und doch so eigen individualisirt, trat von 
rechts und links ein Dutzend Kritiker an ihn heran — Alle 
ehrenwerthe Männer und Alle Leute ersten Ranges — und 
zerrütteten ihm? daß Gemüth mit kontradiktorischen Wider 
sprüchen. Karl Förster findet, daß das Dresdener Bild 
so ausgesprochen des großen Meisters Kunstweise und Gei 
slesart in seiner Totalität sowohl als in seinen minutiösesten 
Einzelheiten vor Augen führe, „daß nur Unbekanntschaft mit 
den Werken Holbeins oder die eitle Sucht, eine abweichende 
Meinung aufzustellen, die Originalität des Bildes angreifen 
könnte." Bruno Meyer riskirt ganz ruhig den Vorwurf 
der eiteln Sucht und bemerkt dagegen: „Das Dresdener 
Bild ist ohne olle Frage spätere Kopie, ohne einen Strich 
von Holbein's Hand, und, setzen wir hinzu, eine sehr mäßige 
Kopie." Algarotti rühmt die Wahrheit des Kolorits im 
Dresdener Bilde und findet Teppich, Gewänder, Ornamente 
so ausgeführt, „daß eines dieser Nebendinge allein hinreichen 
würde, jedwedes Gemälde werthvoll zu machen"; Bruno 
Meyer erklärt die Stoffe für „unklar und unbezeichnend ge 
malt" und den Teppich für „wirklich elend ausgeführt." Der 
Nämliche findet das Kolorit „trocken, staubig, kreidig", Wal 
pole unbeschreiblich schön und vom blühendsten Schmelz. 
Wornum hält die Gestalt der Dresdener Madonna für zu 
schwach, um sie Holbein zuzutrauen, und das Christuskind 
desgleichen; v. Zahn bemerkt dagegen „eine gewisse Flauheit 
und Mangel an individuellem Ausdrucke" im Christuskinde 
des Darmstädter Bildes, .md dessen Madonna ist nach Th. 
Grosse, der übrigens mit großer technischer Einsicht urtheilt, 
„etwas verschwommen zusammenlasirt." Vollends verrathen 
ist, wer früher mit Woltmann in der Dresdner Madonna 
das vollendetste Werk deutscher Malerei verehrt hat. Sie 
war ihm, so lange er sie für ächt hielt (Fechner, S. 26) „die 
höchste Verklärung deutscher Weiblichkeit, eine Erscheinung, 
die in jedes deutsche Herz sich eingeprägt hat ... . eine 
Erscheinung ganz Licht und Klarheit .... voll unaussprech 
licher Milde und Holdseligkeit .... mit einem Kopf voll 
entzückender seelenvoller Lieblichkeit"; und beim ersten Auftre 
ten des Verdachtes erklärte er sie doch noch für zu schön, um 
sie für unächt zu halten. Nun, nachdem er sie entschieden 
für unächt hält, ist sie ihm zwar noch „schön, aber doch mo- 
dernisirt und etwas verweichlicht." Es ist ein gutes, elasti 
sches, handschuhartiges Ding um die Kunstkennerei; aber ich 
fürchte, die Oeffentlichkeit der Verhandlungen Angesichts der 
Objekte wird ihr nicht ganz zuträglich sein.
	        
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