Full text: Zeitungsausschnitte über Holbein

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© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm N 
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gesprochen werden würde, wenn ich mir auf der andern Seite auch sagen 
mußte daß für eine Wanderung Holbeins nach Sachsen nirgends ein An» 
Haltepunkt vorliegt. Eine genauere Durchsicht der His'schen Schrift „Die 
Basler Archive über Hans Holbein den Jüngern" (Basel, 1870) belehrte 
mich jedoch bald eines andern. Hier findet sich nämlich auf S. 7 c er Ab 
druck eines Schreibens des Raths von Basel an den Convent von Jffew 
heim im Elsaß vom 4 Juli 1526, worin der erstere ein Gesuch des jungen 
Holbein (der inzwischen Bürger in Basel geworden war) um Ausantwor- 
tung verschiedener von seinem verstorbenen Vater im Jsienheimer Antoni- 
terhaus zurückgelaffenen Malergeräthschaften mit warmen Worten dem 
Convent zur Gewährung empfiehlt. Der Vater hatte also dort „verrück 
ter Jarenn“ gearbeitet, und zwar an einer Altartafel. Nun lautet der Ort 
Jffenheim (Städtchen zwischen Mülhausen und Colmar) in der Adresse 
des Schreibens „Ysenenn,“ was mit unserm „Eysznen“ ohne allen Zwei' 
fel zusammenfällt. Die Wanderung des ältern Holbein zu Anfang des 
Jahres 1517 gieng also nach dem Elsaß, wohin schon früher eine Spur 
(nach Murbach, Woltmann S. 342) leitet. Die Altartafel die er dort für 
das berühmte an Kunstschätzen reiche Antoniterkloster malte, ist leider ver 
loren gegangen. Wann er von dort nach Augsburg zurückgekehrt ist, läßt 
sich nicht bestimmt sagen. Das Verhältniß der beiden Brüder muß auch 
nach dem Abzug des einen fortdauernd ein arg getrübtes gewesen sein. 
Schon in der letztangeführten Stelle des Gerichtsbuches ist von einer Geld 
schuld des Hans an Sigmund die Rede; wenige Tage später („aftermon- 
tag post Antony 20. Januarius“) betreibt Sigmund bei Gericht mit Er 
folg die Auspfändung des zahlungsunfähigen Bruders. Ob ihn dieselbe 
noch in Augsburg traf, läßt sich mehr vermuthen als sicherstellen; wahr 
scheinlich wird er mit Beginn der besiern Jahreszeit die Elsäßer Reise an 
getreten haben. Jetzt verschwindet sein Name für einige Jahre aus den 
Gerichtsprotokollen, und kehrt erst 1521 („afftermontag post Conversio- 
nis Pauli, 29. tag Januarius) wieder. Auch dießmal besteht die Veran 
lassung in einem Gantproceß: „Banns Kämlin vischer clagt Holbain 
raaler pro 40 kr.,“ und 4 Wochen später „donrstag post Remioiscere: 
Hans Kämlin hatt alle recht erlangt an Hans Holbain maler pro 2 fl. 
40 kr.“ 
Damit enden die Einträge. Nach dem im städtischen Archiv aufbe 
wahrten Handwerksbuche der Augsburger Maler starb der alte Holbein im 
Jahr 1524. In dem Steuerbuch dieses Jahrs findet sich sein Name zum 
letztenmal eingetragen, und zwar, wie schon in den vorausgegangenen 
sieben Jahren, am Schlüsse des Registers, nicht mehr, wie vor 1517, in 
einer bestimmten Straße, so daß wir annehmen dürfen daß er innerhalb 
jener Jahre nur noch vorübergehend sich in Augsburg aufgehalten habe. 
Danach berichtigt sich auch die auf mangelhafte Auszüge meines Vor 
gängers gegründete Angabe Woltmanns (I. S. 83): daß der Künstler schon 
1516 zum letztenmal in den städtischen Steuerbüchern vorkomme. 
Wohl hätte ich gewünscht in den Gerichtsbüchern, wie über den Vater 
Holbein, so auch über den größern Sohn, namentlich über die Zeit seines 
Wegzugs nach Basel, einige Anhaltspunkte zu finden. Meine Bemühun 
gen darum waren (bis jetzt wenigstens) erfolglos. Doch gebe ich die Hoff 
nung nicht auf in den andern, gerade für die Geschichte des 16. Jahrhun 
derts in üppiger Fülle strömenden, Quellen über diesen größten Sohn des 
erinnerungsreichen Augsburgs die zur Kenntniß seiner Jugendwerke noth 
wendigen Nachrichten aufzuspüren. 
Augsburg, im August 1871. Stadtarchivar l)r. Meyer. 
Südwestdentfche Idyllen. 
2. Stein am Rhein. 
ä Wenn eins oder das andere jener liebenswürdigen Tagesblätter 
welche in der Schweiz seit Jahr und Tag gegen Deutschland hetzen, be 
merken sollte daß ich das Städtchen Stein unter meine süddeutschen Idyllen 
einzureihen im Begriff stehe, dann wird wohl ein neues Gezeter losgehen. 
Um dem jedoch von vornherein die Spitze abzubrechen, erkläre ich feierlich 
daß Deutschland nicht im entferntesten daran denkt die Schweiz im ganzen 
oder Stein im besondern zu anneetiren; daß ich nicht zu den Agenten des 
Fürsten Bismarck gehöre, zu demselben überhaupt in gar keiner Beziehung 
stehe; daß ich endlich ebensowenig einer jener zahlreichen Spione des 
Grafen Moltkc bin welche dieser schlaue Kopf, nach der Meinung des 
„geistreichsten" Volkes der Erde, sogar unter Gaffenkehrern und Nähe 
rinnen bekanntlich unterhält. Deutschland wird der Schweiz nicht bloß 
ihre Seen und Gletscher und Wasserfälle, sondern sogar auch das 
Stückchen Land mit welchem ihr Gebiet bei Stein und Schaffhausen in ! 
das deutsche Territorium vorspringt, sicherlich unangetastet lassen. Ich 
reihe bloß deßhalb Stein unter meine harmlosen Bilder ein weil es mir 
dort so gut gefallen hat, und weil ich dort jene idyllische Ruhe fand welche 
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in der Schweiz nur noch da anzutreffen ist wohin Bädeker nicht gedrungen. 
Wie dankbar war ich dem braven umsichtigen Manne dafür daß er in seinem 
Schweizerführer das Städtchen in kleinster Nonpareille Schrift mit wenig 
Zeilen abthut, und nichts anderes davon zu berichten weiß als daß es 
1863 durch eine Feuersbrunst einen Theil seiner alten Häuser eingebüßt. 
So ist es bis jetzt denn von der Landplage des großen Touristenverkehrs 
verschont geblieben. 
Aber noch mehr. Da es seitab von den schweizerischen und bqpi- 
schen Eisenbahnen liegt, so hat es seinen alten Charakter treu bewahrt, 
unberührt von dem sehr achtungswerthen, aber jedem Fr-unde der Natur 
und Kunst für Auge und Nase gleich entsetzlichen Fabrikwesen der „Jetzt 
zeit." Wie muthete mich diese noch unentweihte frische Luft des Rhein 
thals köstlich an, als wir unter Obstbäumen und Rebengehängen bald den 
schönen Strom erreichten und die letzte Strecke des Weges uferentlang 
fuhren. Seine mächtig dahinziehenden Waffer blitzten im Glanz einer 
hellen Abendröthe so friedlich durch das üppige Laub der Reben und der 
Bäume; die feine Mondsichel erhob sich am lichten westlichen Himmel, und 
unter ihr funkelte der Abendstern. Leise rauschten die Wellen und ge 
mahnten mich an längstvergangene Jugendzeiten, wo ich weiter abwärts 
in der rheinischen Musenstadt demselben Klange so oft gelauscht. 
Daß wir inzwischen auf schweizerischen Boden gelangt waren gab sich 
deutlich zu erkennen. Die Kreuze und Heiligenbilder, die mich überall im 
katholischen Oberlande Badens begleitet hatten, hörten plötzlich auf; wir 
waren auf reformirtem Boden. An Sauberkeit, Sorgfalt, Behäbigkeit der 
ländlichen Wohnungen erkannte ein kundiges Auge ebenfalls sofort die 
betriebsame deutsche Ostschweiz. Mit einbrechender Nacht fuhren wir in 
das Städtchen ein. Noch war es hell genug um an den alterthümlichen 
hohen Häusern der Hauptstraße, welche dem Fluffe parallel läuft, an ihren 
bemalten Fayaden, den weit vorspringenden Dächern, der zwanglosen 
malerischen Gruppirung, den ungetrübten Charakter jener oberrheinischen 
Städte zu erkennen, der sich in seinem Einfluß bis nach Rottweil verfolgen 
läßt. Von Basel bis Konstanz läßt sich das Gepräge in mannichfacher Ab 
stufung verfolgen. Doch zunächst galt es die Herberge aufzusuchen: ich fand 
sie jenseit des Rheins, der hier eine stattliche hölzerne Brücke trägt, im 
„Schwanen." Einfach und gut, noch in jener treuherzigen altväterischen 
Einrichtung wo Wirth und Wirthin, unterstützt etwa von einer freund 
lichen Kellnerin, den Gast selber bedienen, der gottlob hier nicht über eine 
Schaar schwarzbefrackter Kellner zu stolpern braucht. Die Wirthsstube mit 
getäfelter Holzdecke und dem großen, übrigens kunstlosen, Ofen in der Ecke 
entspricht dem gemüthlichen Charakter des Ganzen. Der Wirth setzt sich 
beim Abendesien dem Gaste gegenüber, und erweist sich, in einem Gespräch 
das auch die Politik berührt, als verständiger, vorurtheilsloser Mann. 
Daß man so seitab von den modernen Verkehrswegen liege wird indeß 
doch beklagt, die Verbindung durch Eisenbahnen mit Deutschland und der 
Schweiz gewünscht, und daran die Bemerkung geknüpft daß das kleine 
Stein für sich allein 700,000 Fr. für die Eisenbahn bewilligt habe. Das 
ist viel; und ist zugleich ein Beweis von dem Princip der Selbsthülfe welches 
in der Schweiz das Gemeindeleben und dadurch auch das Staatsleben 
durchdringt. Wie ganz anders bei uns, wo man alles von der Regierung 
verlangt, wo der „Staat" wo möglich jeder Gemeinde, jedem Oberamt ein 
besonderes „Eisenbähnle" bauen soll! Wie wenig wiffen unsere süddeut 
schen Demokraten, der Mehrzahl nach, worauf es in jedem gesunden Staats 
leben, namentlich in der von ihnen so hochgepriesenen Republik, ankommt! 
Am andern Morgen weckte mich der goldenste Sonnenschein, und ich 
eilte schon vor dem Frühstück — denn der Tag versprach sehr heiß zu 
werden — hinaus, um das Städtchen genauer kennen zu lernen. Wie 
malerisch baut es sich mit seinen meist alterthümlichen Gebäuden am Ufer 
des prächtig dahinziehenden Stromes auf. Links von der Brücke das ehe 
malige Salzlagerhaus der Stadt, ein Bau in den charaktervollen Formen 
des späten Mittelalters, rechts die unregelmäßigen Gebäude des ehemaligen 
Klosters, jetzt zu Schulwohnungen eingerichtet, zum Theil der Zunft zum 
K eeblatt eingeräumt. Die abgetreppten Giebel, die vorspringenden Erker 
geben der Gruppe ein höchst malerisches Gepräge. Doch hinein in die 
Stadt! Jetzt im klaren Morgenlicht erkennt man bester die zum Theil 
noch wohlerhaltenen Malereien der Favaden. Wie heiter und behaglich, 
wie anheimelnd ist solch eine alte Straße, wenn man sie mit den nüchternen 
Straßen unserer modernen Städte vergleicht. Damals belebte noch fröh 
licher Farbensinn und „Lust am Fabuliren" die Welt. Die Gemälde in 
Stein sind von geringen Localkünstlern ausgeführt, das ergibt sich auf den 
ersten Blick; aber wie sicher behandeln alle ihre besondere Aufgabe, wie gut 
verstehen sie in den Beiwerken und in den Hauptsachen den architektonischen 
Charakter zu wahren; wie harmonisch wirkt daher alles bei großem Reich 
thum der Farben! Eine der besterhaltenen Fayaden ist die am „weißen 
Adler," den Formen nach etwa auf die Mitte des 16. Jahrhunderts deu 
tend, im Figürlichen äußerst ungeschickt, in der Gesammiwirkung vortreff» 
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lich. Allerlei Tugenden und sonstige Allegorien; dann die Geschichte von 
dem Vater der seinen Söhnen einen Bündel Pfeile zum Zerbrechen vor 
legt, das ihren Bemühungen widersteht, bis er an dem einzelnen heraus 
gezogenen Pfeil beweist wie leicht alle zu zerbrechen find, sobald man sie 
aus dem festen Verbände löst: eine Lieblingsgeschichte der damaligen Zeit, 
öfter auf Glasgemälden und gemalten Oefen anzutreffen, übrigens auch 
jetzt noch zu beherzigen. Daneben die andere Erzählung von den drei Prä 
tendenten um einen erledigten Königsthron, welche der Richter nach der 
Leiche des verstorbenen Fürsten schießen läßt um den echten Sohn von 
den vorgeblichen zu unterscheiden. Diese und andere Geschichten stehen 
noch in ftischen Farben da und erfreuen auch heute das Volk ebenso wie 
vor dreihundert Jahren als sie entstanden. Während ich meine Notizen 
machte, gesellten sich mehrere Leute zu mir, aufmerksam ohne Zudringlich 
keit, und ein angehender behäbiger Fünfziger, den man als den Hrn. Prä 
sidenten bezeichnete, erklärte mir mit gutem Verständniß einiges, das an 
fangs dunkel war, und führte mich noch zu andern schätzenswerthen Anti 
quitäten, besonders zu einem Zimmer im „rothen Ochsen," in welchem ich 
die ganze Arche Noä mit ihrem Thiergewimmel auf einer Wand geschil 
dert fand. Es war eine Arbeit vom Anfang des 17. Jahrhunderts, ähnlich 
den übrigen Wandgemälden, mit welchen auch hier die Faeade des Hauses 
geschmückt ist. Die Aufgabe bei allen diesen Arbeiten war: die Unregel 
mäßigkeit der Fayaden zu verdecken und durch völlige Bemalung denselben 
architektonische Haltung und künstlerische Harmonie zu verleihen, und 
diese Hauptsache ist den alten bescheidenen Faeadenmalern von Stein treff 
lich gelungen. 
Eine höhere Bedeutung dürfen nun aber die Wandgemälde ansprechen 
mit welchen in dem schon erwähnten ehemaligen Kloster ein Saal völlig 
ausgestattet ist. Bis jetzt wurde dieses abseits liegende Kunstwerk noch 
nirgends gebührend gewürdigt, und selbst die verdienstliche photographi 
sche Publication welche die Schaffhauser historische Gesellschaft kürzlich 
demselben gewidmet hat, genügt noch nicht um dem Werth der Arbeit ge 
recht zu werden. Es handelt sich hier um einen jener seltenen Fälle wo wir 
ein Profanwerk künstlerischer Decoration aus dem Anfang des 16. Jahr 
hunderts noch unangetastet als Ganzes vor uns haben, und darin zugleich 
die Arbeit eines der namhaftesten Künstler jener Zeit. Und doch wiffen wir 
diesen Namen nicht mit Bestimmtheit zu nennen; aber eine Spur hat der 
Künstler doch dafür hinterlaffen, denn über der Eingangsthür halten zwei 
allerliebste Kinder eine Schiefertafel, auf welcher in großen lateinischen 
Charakteren die Buchstaben T und 8 und die Jahrzahl 1516 zu lesen sind. 
Ich vermuthe nun daß sich darunter ein Maler aus der bekannten Schaff 
hauser Künstlerfamilie Stimmer verbergen mag, und es könnte denn recht 
wohl ein älterer Tobias Stimmer sich ergeben, der vielleicht der Großvater 
des gegen Ende des 16. Jahrhunderts wirkenden gleichnamigen Meisters 
war. Es ist ja nichts seltenes daß die Namen der Großväter sich bei den 
Enkeln wiederholen. Dieß alles ist freilich nur Vermuthung, welche so 
lange in der Luft schwebt bis urkundliche Forschung sie entweder bestätigt 
oder widerlegt hat. Zu solcher Forschung in den Bürgerbüchern, Zunft 
registern, Steuerrollen von Schaffhausen möchte ich mit diesen Zeilen einen 
dortigen Historiker veranlaffen. 
Der Mühe werth ist die Sache in hohem Grade. Wir haben es jeden 
falls mit einem der ersten Meister zu thun, welche die Renaissance in 
Deutschland mit überlegener künstlerischer Kraft zur Geltung brachten. 
Bekanntlich sind es die Werke der Maler, Bildhauer und Kleinkünstler in 
welchen sich die neue Weise zuerst Bahn bricht. Die Stürme und Kämpfe 
der Reformation ließen erst gegen Mitte des Jahrhunderts dann auch 
architektonische Unternehmungen in dem neuen Styl hervortreten. Neben 
Burgkmair, Holbein, Dürer ist nun der Meister von Stein einer der frühe 
sten Bekenner der Renaissance in Deutschland. Der ganze Saal ist von 
ihm ausgemalt worden, und zwar mit drei Gemälden aus der Geschichte 
Roms, ebensovielen mi§ der karthagischen Geschichte, und endlich zwei 
großen Darstellungen welche das Leben in einer süddeutschen oder einer 
schweizerischen Stadt zu Anfang des 16. Jahrhunderts schildern. Das 
reichste Culturintereffe liegt in diesen lebensfrischen Bildern, um so mehr 
als der Künstler nach der naiven Sitte der Zeit auch die antiken Vorgänge 
in den Lebensformen seiner Tage behandelt. Die Bilder sind grau in grau 
ausgeführt, nur die Haare haben einen bräunlichen gelben Ton erhalten, 
und die zahlreichen Verzierungen an Kleidern, Waffen, Geräthen sind in 
Gold aufgesetzt. Auch den Dächern der Gebäude hat der Künstler einen 
rothen Ton gegeben. Als Einfassung aber für diese äußerst interessanten 
Bilder hat er eine Pilaster Architektur geschaffen, mit prächtigen Goldorna 
menten auf weißem Grunde, in welchen wie in den decorativen Zuthaten 
der Bilder der sicherste Renaiffance-Grschmack zum Ausdruck kommt. Aller 
dings ist das Verständniß der menschlichen Gestalt nicht überall gründlich 
genug entwickelt, um den Meister aus die volle Höhe eines Dürer und Hol 
bein zu heben; aber an Lebensfülle, Frische und Leichtigkeit der Schilde- ! 
rung, an feiner liebevoller Durchführung steht er in seiner Zeit unter den 
ersten da. 
Während dieser Meister nun mit vollen Zügen die Kunstweise der 
Renaissance entfallet, sehen wir um dieselbe Zeit in demselben Raum einen 
andern Meister sich noch unbeirrt in den Geleisen der mittelalterlichen An 
schauung bewegen. Die Decke des Saals, ein Meisterwerk der Holzschnitzerei, 
nach inschriftlichem Zeugniß 1515 entstanden, zeigt sich, ohne die leisesten 
Anklänge an die neue Kunst, noch ausschließlich in spätgothischen Formen- 
Sechs breite Parallelstreifen, durch schmale Vertiefungen in Form von 
Tonnengewölben getrennt, bilden die Decke, an beiden Seiten und in der 
Mitte durch breite Bänder verbunden. Diese sämmtlichen Flächen haben, 
im Gegensatz zu den Tonnengewölben, welche ganz leer geblieben sind, ge 
schnitzte Flachornamente von ebenso reicher Erfindung als meisterlicher 
Ausführung. Wir begegnen hier wohl der Thätigkeit derselben Schule 
welcher die prachtvollen Schnitzwerke des Rathhaussaales in Ueberlingen 
zu verdanken sind, derselben geistreichen und freien Verwendung gothischer 
Motive, die hier in feindurchdachtem rhythmischen Wechsel sich zwischen 
geometrischen Maßwerken und prächtig behandelten Pflanzen- und Blu 
menranken bewegt. Dazu ist alles reich bemalt, und auch darin bewährt 
sich der sichere Tact jener Zeit für harmonischen Wechsel und wirksamen 
Contrast der Töne. Ich muß mir hier versagen näher auf einzelnes ein 
zugehen ; das Ganze aber in seinem originellen Gegensatz ist eines der lehr 
reichsten Beispiele wie scharf in jener Epoche gewaltigen Umschwunges 
nicht bloß im äußern Leben, nicht bloß in Staat, Religion und Wifsen- 
schaft, sondern auch in der Kunst die alte und die neue Zeit aneinander 
stoßen. Hier haben beide Auffassungen in seltenster Art sich zu einer ge 
meinsamen Arbeit von hohem künstlerischen Werth zusammengefunden. 
Mit diesen bedeutenden Werken sind aber die künstlerischen Schätze 
welche das kleine Stein birgt noch nicht erschöpft. Ich will nur kurz herr 
licher Glasgemälde des 16. Jahrhunderts gedenken, welche man noch an 
ihren ursprünglichen Stellen, im Zunfthause zum Kleeblatt und im Schützen 
hause vor der Stadt, antrifft. Sie sind eines der noch immer in einzelnen 
Beispielen vorhandenen Denkmale eidgenössischen Zusammenhaltens und 
freundnachbarlicher Gesinnung ; denn es war damals Sitte sich gegenseitig 
solche Scheiben zu verehren, so oft eine Zunft sich ihr Versammlungs 
gebäude, eine Stadt ihr Rathhaus, eine Gesellschaft ihr Schützenhaus 
neu errichtete. Die Scheiben tragen dann stets in der Mitte das Wappen 
des Geschenkgebers, wozu in den Ecken kleine Darstellungen aus der bibli 
schen oder der griechisch römischen Geschichte, manchmal auch schon aus den 
Heldenthalendes schweizerischen Volks, hinzugefügt sind. So auch hier, wo 
die Scheiben die Entwicklung verschiedener Epochen des 16. Jahrhunderts 
in vorzüglichen Beispielen vertreten. Endlich wäre noch eines riesigen 
silbervergoldeten Prachtpocals auf dem Rathhause zu gedenken, das Geschenk 
eines Bürgers der Stadt, der unter den drei Kaisern Ferdinand H und III 
und Leopold I am Wiener Hofe diente, zum Frhrn. v. Schwarzen Horn 
erhoben wurde und Gesandter bei der Pforte war. DerPocal, derdieJahres- 
zahl 1658 trägt, ist ein treffliches Werk der Goldschmiedekunst, freilich in 
den willkürlichen Formen des Styls von Louis XIV. Der Geschenkgeber, 
der unter dem Namen des „Verdienenden" Mitglied der fruchtbringenden 
Gesellschaft war, hat seine Gabe mit einer Anzahl langathmiger eingravir- 
ter Verse geschmückt, die mindestens ebenso barock, aber lange nicht so er 
freulich sind wie das Werk selbst. 
Ich breche ab, obwohl sich noch manches von den Sehenswürdigkeiten 
Steins erzählen ließe. Man bekommt dort das wohlthuende Gefühl daß 
die Bewohner in pietätvollem Sinne das Andenken und die Zeugniffe ihrer 
i Vergangenheit hegen und pflegen. Diese Wahrnehmung ist um so er- 
! quickender, je seltener sie heutzutage wird, je mehr die alten Städte des 
Reiches gegen ihre alten Monumente zu wüthen suchen. Fand ich die 
Leute in Freudenstadt doch eben beschäftigt da§ letzte ihrer schönen alten 
Stadtthore abzubrechen, weil es den Verkehr hindere, wie die abgeschmackte 
Redensart lautet. Noch schmachvoller gehen die Nürnberger ihren alten 
Stadtmauern neuerdings zu Leibe, ohne zu ahnen wie sie dadurch der 
! herrlichen Stadt gleichsam die Haut abziehen, um sie dann in häßlicher 
> Blöße dem Gespött preiszugeben. Ungern verließ ich gegen Abend 
j das stille saubere Städtchen, wo mir so wohl gewesen war. Gern 
' batte ich, wenn auch nur einige Stunden, wieder auf Schweizer Boden 
• gelebt, wo sich, trotz des wüsten Lärmens jener schweizerischen Volks 
schichten die man als den vornehmen und niederen Pöbel bezeichnen muß, 
' doch noch gesunder Sinn und Gerechtigkeit gegen Deutschland erhalten hat. 
I Suchen wir alle Keime der Völkerfreundschaft sorglich zu pflegen und zu 
fördern. In einer Zeit wo die Feindschaft der Völker, wo der blinde 
j Racenhaß zu so furchtbaren Katastrophen geführt hat, ist dieß eine um so 
nothwendigere Mahnung, je leichter selbst Besonnene sich zum Fanatismus 
hinreißen lassen.
	        

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