Full text: Zeitungsausschnitte über Holbein

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Ueöer das was der Künstlerfamilie Holbein überhaupt angehört, 
konnte man auf Grund neuerer Forschungen im ganzen klar und einver 
standen sein, darüber aber bestanden verschiedene Meinungen was dem 
einen und was dem andern Mitglieds dieser Familie angehöre. Jetzt ist 
diese Frage in ein neues Stadium getreten, und es kann darüber kein. 
Zweifel bestehen daß der Cyclus von Brldern zu denen die heilige Anna 
in Augsburg gehört, sowie noch manches andere, nicht dem jüngern, son 
dern dem ältern Hans Holbein zuzuschreiben ist. Anders verhält es sich 
mit dem Altar des heiligen Sebastian, hinsichtlich dessen es mir immer noch 
schwer möglich sein würde an die Urheberschaft des ältern Holbein zu glauben, 
und der eine andere künstlerische Individualität, freilich nicht ohne starke 
Familien Verwandtschaft zu jenem, offenbart. Aber auf diese Frage werden 
demnächst neue archivalische Untersuchungen, welche in Augsburg gemacht 
worden sind, ein überraschendes Licht werfen, und so mag sie vorläufig vor 
Veröffentlichung dieses Materials unberührt bleiben. 
Karlsruhe, Ende Juni. A. Weltmann. 
AuS Madrid. 
Politik, Literatur und Kunst. 
III *) 
* Unbekümmert um ihre Gegner und Verkleinerer, unbekümmert um 
die Gleichgültigkeit und Undankbarkeit der Menge, hat die Academia 
Efpanola fortgefahren dem Land werthvolle Früchte ihrer Arbeiten zu 
spenden und die Freunde der spanischen Literatur zu ihren Festen zu 
vereinigen, die sich nicht bloß wegen der bescheidenen Zahl der Gäste, der 
fast mehr als bescheidenen Ausstattung des Festsaales, sondern nament 
lich wegen des anspruchslosen einfachen Tons der hier herrscht, zu einer 
Art von Familienfesten zu gestalten pflegen. Von einem dieser Feste, 
dessen Würze eine Rede von dem bekannten Dichter Don Patricio de la 
Escofura war, dürfte ein kurzer Bericht willkommen sein. Die Würdi 
gung der drei zeitgenössischen Dichter, Don Felipe Pardo, Don Ventura 
de la Bega und Don Josö de Espronceda, die mit ihm zu Don Alberto 
Lista's Füßen gesessen hatten und bis zu ihrem Tod seine Freunde ge 
wesen waren, hat sich in Escosura's Rede zu einem fast vollständigen Bilde 
der Bestrebungen entwickelt welche die spanische Dichtung im Anfang 
unseres Jahrhunderts bis in die vierziger Jahre beherrschten; ein äußerst 
wohlthuender, gemüthvoller Ton klingt durch diese Schilderungen ge 
meinsamen Jugendstrebens und seltsamer Lebensschicksale hindurch, welche 
der einzig Ueberlebende des vierfachen Dichter Kleeblattes als Kränze auf 
das Grab seiner Kunst- und Lebensgenossen niederlegt. 
Pardo, in Lima 1806 geboren und seit 1828 wieder Bürger von 
Peru, bewahrte durch sein wechselvolles von den politischen Stürmen 
seiner Heimath erschüttertes Leben die Eindrücke die er durch seine Er 
ziehung in Madrid erhalten, von dem unbeugsamen Classiker Hermosilla 
die Achtung vor der Formenstrenge, von dem milderen Lista die sanfte 
Empfindung. Als er Spanien verließ, richtete er folgenden Abschied 
an seine Geliebte: 
Amor, tus raudas alas 
AI cefiro confia: 
LIeva ä la amada mia 
Mi postrimer adios, 
Y dile que, en la ausencia 
Que fiera nos divide, 
La sacra fe no olvide 
Jurada por loa dos I 
Verse die so einschmeichelnd süß klingen wie die bekannten Me- 
tastasio's: 
Dille che si consoli: 
Dille ehe m'aini; et dille 
Che partö fido, Achille, 
Che tido tornerä. 
Dagegen erinnern seine von glühender Vaterlandsliebe und heiligem 
Zorn gegen die Feinde der wahren Freiheit, die Demagogen, erfüllten 
«erst satirischen Gedichte politischen Inhalts mehr an Jovellanos, wie 
seine Oda ä Olmeda, La Lampara und sein Peru. Wie mächtig rau 
schen in dem letzteren seine Octaven dahin: 
Ah! Cien hombres de noble sentimiento 
Bastan, de la diviua Providencia 
Las miras ü llenar. No mas que ciento ! 
Dönde estan? Los sumerge la indolencia 
En torpe sueno? Y ceden sin aliento 
El campo ä, la atrevida turbuiencia? 
Que ! No veis que ese sueho es tan funesto, 
Corno al provecho de la patvia el vuestro? 
Die politische Satire entsprach offenbar am meisten dem Tempera 
ment und Talent des Dichters; dabei ist nur zu bedauern daß die'Zu 
stände und Personen die er in „Constitution politica, 44 in „Vaya una 
Kepübliea- 4 u. f. w. geißelt, uns Europäern nicht hinreichend bekannt und 
wichtig sind, und daß er sich häufig durch seine Leidenschaft hinreißen läßt 
statt des Mißbrauchs gewiffer Grundsätze diese selbst anzugreifen. Pardo 
wäre kein spanischer Dichter wenn er sich nicht auch auf dem dramatischen 
Felde versucht hätte. Während seiner Studienjahre in Madrid wurden - 
zwar noch viele Stücks des alten spanischen Theaters aufgeführt, aber 
dieselben galten in den Schulen nur noch als alterthümliche Ueberbleibsel 
einer untergegangenen Cultur. Der Pseudo-Classicismus der Franzosen^ 
der a'.n Ende des 16. Jahrhunderts in Spanien eingeführt worden, stand- 
noch in Blüthe; Moratins Schule herrschte, kaum wagte noch Quintana ein. 
chüchternes Wort zu Gunsten der Nationaldichter des goldenen Zeitalters 
einzulegen; Moratins begabtester Schüler, Breton, der erste Stern des 
Dichterhimmels der Zeit, war mit Pardo befreundet, und dieser verließ 
Spanien bevor daselbst die Romantik mit El Trovador und Los Ämantes 
de T.eruei Einzug hielt. So ist es denn nicht zu verwundern daß in den 
drei Lustspielen die er uns hinterlassen, dem dreiactigen Los frutos de la 
educacion, dem fünfactigen Una huerfaua en Chon 1 los und dem zwei- 
actigen Don Leocadio die drei berühmten Einheiten sorgfältig beobachtet 
sind, und daß der Dichter selbst als einen besondern Vorzug des ersterem 
rühmt: „Die Handlung geht in weniger als vierundzwanzig Stunden 
vor sich." Das erste Stück, das in Lima 1829 zur Aufführung gekom 
men, ist ein wesentlich literarisches Drama, die Huerfana ist ein bewegtes 
Sittenbild, Don Leocadio, in Styl und Vers den beiden andern ähnlich, 
dem französischen Theater entlehnt. 
Während äußere Lebensschicksale Pardo nicht gestatteten sein Talent 
aus diesem Gebiete völlig zu entwickeln, hat Don Ventura de la Vega mit 
seinem „Bombre de Mundo 44 dem spanischen Theater eine ebenso kostbare- 
Perle geschenkt als Moratin mit seinem „El 81 de las Niflas. 44 „Diese 
beiden bescheidenen Lustspiele," sagt Escofura, „ohne tiefe Leidenschaft, 
ohne sichtbare Kunstmittel, mit einem Wort: ohne andere Hülfsmittel, 
als die Wahrheit des Gedankens, die Einfachheit desStyls, die tiefe Kennt 
niß der Gesellschaft und des Menschen, haben im ersten Augenblick ihres 
Erscheinens auf der Bühne triumphirt, die Zuschauermenge begeistert, bie 
Verständigen in Erstaunen versetzt, die Kritik zum Schweigen gebracht,. 
Epoche und Schule gemacht." Die in Paris 1866 gedruckte und schön ausge 
stattete Sammlung Vega's enthält noch die beiden ziemlich verunglücktem . 
geschichtlichen Dramen „Don Eernando de Antequera 44 und „La Muerte 
de Cesar, 44 das seiner Zeit mit Beifall aufgeführte dramatische Bruchstück 
„Los dos Camaradas 44 und verschiedene unbedeutendere Stücke. Aber sein 
dauernder Ehrentitel ist allein „El Hombre de Mundo, 44 wo er sein Talent 
als dramatischer Dichter, seine Beobachtungsgabe, Styl-Eorrectheit, Mäßi 
gung in Anwendung von Bildern und in Einflechtung von. Episoden und 
seine feine Anmuth am reichsten entfaltet hat. *) Als Lyriker der classischen 
Schule nennt ihn Escofura: mehr Denker als Mann der Leidenschaft, 
streng in der Sprache, untadelig im Styl, im dichterischen Ausdruck immer 
glücklich, ein vollendetes Muster im Geschmack, einen würdigen Nachfolger 
Rioja's, den würdigsten Nebenbuhler des Herzogs v. Frias, Don Juam 
Nicasio Gallego's und seines Lehrers selbst, des unvergeßlichen Don Al 
berto Lista. Etwas von dem Geiste des Meisters Leon (in seiner Ode „A 
Felipe Ruiz“), etwas von der Form der unsterblichen „Coplas 44 von Jorge 
Mannque nehmen wir wahr in dem anspruchslosen Gedicht „A orillas del 
Pusa, 44 welches Escofura hatte entstehen sehen dürfen. Wir führen nur 
die Anfangsverse an: 
r Iu raudal, de ese elevado 
Monte al Tajo, en raudo giro 
Se derrumba, 
Tan hu milde, que senta do 
Des de aqul su euna miro 
Y su tuüiba, 
No importa que el Tajo ufano 
Tu brevs curso no iguale; 
Corre ledo; 
Y que uuuea el cortesaiio 
En la earta te sehale 
Con el dedo. ... 
Mit besonderer Vorliebe spricht Escofura von dem bedeutendsten unter 
den dreien, Don Jose de Espronceda, der auch seinem Herzen am nächstem 
stand. Er ergänzt die treffliche Lebensgeschichte des Dichters, die wir von 
*) Eine bühnengerechte deutsche Bearbeitung dieses geistvollen Lustspiels, das seit 
seiner ersten Aufführung im Jahr 1846 nichts von seiner zündenden Wir 
kung eingebüßt hat, und noch heut auf allen größeren Theatern Spaniens 
ein beliebtes Repertoire-Stück ist, läßt leider auf sich warten, während un 
gleich schwächere Producte neuerer spanischer Dramatiker den Weg auf unsere 
Bühnen gefunden haben. D. R. 
*) S. Allg. Ztg. Nr. 180, B. 
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Don Antonio Ferrer del Rio haben, durch manchen Zug aus seiner eige 
nen Erinnerung. Er nimmt aus sich selbst, den Jugendfreund, auch den 
Vorwurf welchen man dem jungen Espronceda gemacht, ein unruhiger 
Kopf, ein Buscaruidos, gewesen zu sein; „das Lesen Ealderons stachelte 
beide aus das Beispiel jener Edelleute nachzuahmen die stets mit dem 
Degen in der Hand für die Männer und mit einer Liebeserklärung auf 
den Lippen bereit standen für die erste wie für die letzte Frau der sie be 
gegneten." Was Escofura hierüber erzählt, erinnert rins lebhaft an die 
Abenteuer womit der ältere Zeitgenoffe, der Maler Goya, Hof und Volk 
Don Madrid im Athem gehalten hatte. Bekannt ist wie Espronceda, nach 
einer unglücklichen militärischen Erhebung in Estremadura, nach Portugal 
floh, von dort nach London, wo er sich in das Studium der englischen 
Literatur vertiefte, ,und sich besonders dem Einfluß der Byron'schen Dich 
tung überließ: wie er 1830 im Juli auf den Barricaden von Paris kämpfte, 
dann sich an allen spanischen Pronunciamientos bis zum September 1810 
betheiligte, und sich alsbald unumwunden als Republicaner bekannte. Bei 
.einer Begegnung die er damals mit Escofura hatte, gab derDichter seinem 
Schmerz sich „außerhalb der gewöhnlichen Lebensverhältnisse" zu finden 
rückhaltlosen Ausdrück; das revolutionäre Fieber hatte seine Kräfte unter 
graben; eine unglückliche Liebe aus Liffabon, über welche Escofura wie 
sseine übrigen Biographen emen Schleier breiten zu müffen glaubten, und 
die Byron'sche Weltschmerz-Poesie hatten damals schon seinen Geist mit 
-tiefer Schwermuth umnachtet, so daß sein „vorzeitiger Tod als eine beson 
dere Gnade der Vorsehung für den großen Dichter und vielleicht selbst für 
seine Bewunderer erscheinen mußte." Unwillkürlich gemahnt es uns bei 
diesem Dichterloos an unsern Hölderlin, und noch mehr an Lenau. 
Mit Recht bezeichnet es Escofura als die wahre Eigenthümlichkeit des 
Dichters des „Diablo Mundo 44 daß in seinen Werken alles persönlich, alles 
der unmittelbare Ausfluß des Gefühls sei. In dieser Beziehung nimmt 
Espronceda eine ganz einzige Stellung in der zeitgenössischen Literatur 
Spaniens ein. Allem Anschein nach berufen ein Nachfolger Herrera's und 
Quintana's zu werden, ringt er sich mit ungestümem Drang aus den hei 
mischen Ueberlieferungen los, freilich nur um unter den Einfluß der Dich 
tung, ja der Persönlichkeit Byrons zu gerathen — einen Einfluß der nach 
unserer Meinung viel unbeschränkter war als Escofura zugeben möchte. 
Der letztere will seinen Freund liebreich in Schutz nehmen gegen den Vor 
wurf daß er der Dichter der Verzweiflung und des Unglaubens gewesen 
sei, und führt zu diesem Zweck seinen prachvollen Bimno al Sol, classische 
Strophen aus dem Pelayo und die lieblichen Verse aus seinem Nacht 
gesang an: 
Todos suave reposo 
En tu calma, oh noche! buscan; 
\ aun las lagrimas, tus suenos 
Al desventurado enjugan; 
Oh que siiencio! oh que grata 
Oscuridad y trislura! 
Cömo el alrna contemplaro9 
En sl recogida, gusta! ... 
Wir finden aber daß ein Byron, ein Heinrich Heine, selbst ein Alfred 
de Muffet die Wunder der Natur auch nicht weniger innig gefühlt haben 
als ihr spanischer Genoffe. Und wenn Espronceda in seinem Gedicht „A 
Jarifa en una orgia 44 ausruft: 
Qud la virtud, la pureza? 
Que la verdad y el cariüo? 
Mentida ilusion de niho, 
Que halagö ini juventud.... 
so kommt uns mehr als ein ähnlich klingender deutscher, ftanzösischer und 
englischer Vers in den Sinn von Dichtern die nicht wenig über die Ver 
sicherung erstaunt gewesen wären womit Escofura seinen Freund schützen 
will ; derselbe habe nämlich nie vergessen daß er als Caballero geboren sei. 
<§s will uns sogar fast philisterhaft scheinen wenn Escofura seinen Freund 
und, Verwandten gegen den Namen eines zweiten Don Juan Tenorio ver 
wahrt, und sagt: „Ich muß wiederholt erklären daß es unmöglich ist in 
dem Leben meines Freundes einen einzigen Umstand anzuführen der ihm 
diesen Namen verdient hätte, wenn man nicht von seinem stattlichen Aeu- 
ßeren und seiner großen Liebenswürdigkeit sprechen will." Da wir bei den 
Freunden der spanischen Literatur eine hinreichende Kenntniß der Dichtun 
gen des lyrischen Espronceda voraussetzen*), so eilen wir über dasjenige hin- 
*) Um and) denjenigen unserer Leser welchen die Dichtungen Espronceda's unbe 
kannt sind, einen annähernden Begriff von dem Grnndton derselben zu geben, 
möge uns verstattet sein in deutscher Uebersetzung einen kleineren lyrischen 
Erguß hier mitzutheilen, welcher in seiner tief fchwermüthigen Weise allerdings 
stark an Lenan erinnert. 
An einen Stern. 
Wer bist du, räthsclvoller Stern, der immer 
So trüben Schein vor tausend Sternen trägt, 
Daß mir bei deinem ungewissen Schimmer 
Beklommen stets das Herz im Busen schlägt? 
weg was Escofura hierüber, und insbesondere über El Estudianle.deSala- 
manea und El Diablo Mundo, ausführt. Ueberraschend war für uns die 
Mittheilung daß Escofura im Besitz eines ungedruckten, aber vollständigen 
Trauerspiels, Bianca de Borbon, von Espronceda ist. Die in Romanen, 
Legenden, Ueberlieferungen gefeierte Generalin von Don Pedro El Cruel, 
oder El Valiente y Justiciero, ist bekanntlich die Heldin von Stücken Lope's, 
Ealderons, Tirso's, Moreto's, Alarcons, Veler de Guevara's, Claramonle's, 
Hoz y Mota's, Canizareö'. Die beiden ersten Acte, welche Espronceda viel 
leicht noch in Spanien geschrieben, gehören ganz der alten classischen Schule 
an. Herntvsilla und Lista würden ihren Zögling hier nicht verläugnen; 
die drei letztem verrathen den Einfluß Shakespeare's und der romantischen 
Schule. So steht auch dieses Trauerspiel Espronceda's, das uns durch 
Auszüge von Escofura kennenzulernen vergönnt war, am Scheidewege 
der beiden Richtungen, der classischen und der romantischen, welche fast bie 
ganze zeitgenössische Dichtung Spaniens bestimmen. 
Reliquien-Fälschung in Rom. 
's Bekanntlich wurde in Rom vor einigen Monaten die Geschichte 
eines jahrelang getriebenen Handels mit falschen Reliquien ruchtbar, die 
, Dokumente zu derselben liegen nun gedruckt in einer eben erschienenen 
Schrift „Proeesso delle false reliquie, Doeumenti ufficialb 4 vor, und wir 
glauben: die Sache, welche sosehr mit dem katholischen Cultus sich berührt, 
sei interessant und wichtig genug um noch einmal die Aufmerksamkeit auf 
sie zu lenken. Auch der vorliegende Fall zeigt nämlich wieder daß es 
neuestens noch, wie von jeher, Leute in Rom gab welche den frommen Glau 
ben an Reliquien auf das frivolste zu einem lukrativen Geschäft ausnütz 
ten, und Ueberreste ganz anderer Art, als die von heiliggesprochenen Per 
sonen, zur Verehrung auf unseren Altären auslieferten. 
Nämlich bei der von Seite der italienischen Regierung erfolgten Be 
schlagnahme römischer Archive kamen unter andern auch die Acten eines 
interessanten Processes zu Tage, der sowohl durch den Gegenstand selbst 
als durch das Verfahren dabei geeignet war ein Licht über gewiffe Zu 
stände der päpstlichen Regierung zu verbreiten. Der Hauptangeklagle 
war der ehemalige Portier an der römischen Reliquienschatzkammer, Giu 
seppe Colangeli, dem folgende Reate zur Last kamen: 
1) Hatte er die Amtssiegel privatim für die Ausfertigung von Ur 
kunden verwendet, womit er Reliquien die er zu besitzen vorgab als 
echte beglaubigte, und diese Siegel zu gleichem Zweck auch seinem Ge 
schäftsfreunde Vincenzo Campodonicy geliehen j 
2) Yvn den ümlkich conirastgnirten Authentiken hatte er sich auf 
mancherlei Wege einige angeeignet und zu Privatspeculationen verwendet; 
3) ganz falsche und gar nicht existirende Reliquien, z. B. Gebeine 
vom heil. Georg, *) gab er für echte her, und zu denselben Authentike», 
die auch wieder für ganz andere Gegenstände waren abgefaßt worden; 
4) für solche Reliquien ließ er sich dann bezahlen, und zuletzt 
5) wiesen alle Zeichen darauf daß er einen anonymen Brief gegen 
den Custos der römischen Reliquienkammer verfaßt habe. 
Der Verlauf der Untersuchung ergab außerdem noch weitere Details. 
Ein gewiffer Vincenzo Campodonico hatte ein sehr einträgliches Reliquien- 
Geschäst, das er allen Fremden in angelegentlichster Weise anpries. Eine 
Ein dämmernd Rückerinnern wohl voll Trauer 
An deines Urlichts längst erlofchne Pracht, 
Da du, getäuscht wie ich, des Glückes Dauer, 
Des nun verlornen, ewig dir gedacht? 
Vielleicht hat einst mit goldnen Traumessonnen 
Die Hoffnung deiner Jugend Pfad erhellt, 
Und mit des Friedens, mit der Liebe Wonnen 
Dein erstes Licht erfüllt die Erdenwelt. 
Und als die Lieb' auf heiligem Gefilde 
Zum erstenmal bezwang die Menschenbrust, 
Da strahltest du, o Stern voll Zaubermilde, 
Ein trauter Freund des Schweigens und der Lust. 
Dein war das Licht das einst mit holdem Prangen 
Sich über Edens Rosenflur ergoß, 
Und in der Brust dieß glühende Verlangen 
Nach ewiger, endloser Lieb' erschloß. 
' Doch, ach wie bald ist dir die Freud' entschwunden 1 
In Leid und Weh verkehrte sich dein Glück, 
Von düstern! Flor ist nun dein Glanz umwunden, 
Und nur Crinnrung noch blieb dir zurück! 
Voll Schwermuth nun seh' ich dich niederschauen, 
Doch ist dein Blick für mich ein Pfeil der Qual; 
Magst du auch Liebe noch ins Herz mir thauen, 
Jst's eine Lieb', ach, ohne Hoffnungsstrahl! 
Der unverkennbare Einfluß welchen Byron und Victor Hugo ans Espronceda 
ausübten, tritt unter andern: auch in seinem „Kosakengesang" hervor, dessen 
versuchsweise Uebertragung wir bei einer andern Gelegenheit in diesen Blättern 
(Nr. 321 Beil., 1870) veröffentlicht haben. D. R. 
*) Von diesen: Heiligen, dessen Existenz bekanntlich nur auf einer Sage be- 
r ruht, will übrigens die römische Rcliquienkammcr noch eine Fahne besitzen.
	        

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