Full text: Zeitungsausschnitte über Holbein

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 44 
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auf ©rttttb der gestrudenen Gesammtergebniffes diesen oder jenen noch 
interesstren könnten, nach seiner eigenen Ueberzeugung zu untersuchen und 
zu beantworten. Die Dresdener haben geglaubt: Erklärung ist Erklärung, 
und wenn eine gegen die andere steht, so macht eine die andere wett. 
Wenn man zudem noch weiß was manche der Unterzeichner für eine 
Vorstellung von Holbein haben, so wird die Sache vollends bedenklich. 
Man vergegenwärtige sich nur folgendes Bild des idealen Holbein der 
Künstler, im Gegensatz zu dem historischen der Kunstgeschichte. 1489 schon 
ist er geboren, das steht in sämmtlichen Auslagen des von dem Hrn. Direc- 
tor Julius Hübner redigirten Katalogs der Dresdener Gallerie. Nach 1564 
erst kann er gestorben sein; denn von diesem Jahr datirt ein dem Grafen 
Erwin Nostiz in Prag gehöriges Gemälde der Holbein-Ausstellung, und an 
dem Inhalte dieser zu rütteln hat kaum einer der unterzeichnenden Künst 
ler ohne in diesem Falle „sachverständige" — Unterstützung eines 
Kunstgelchrten gewagt. Er malt in der Weise der verschiedensten Maler, 
wie die durchweg echten Werke der Holbein-Ausstellung des klarsten be 
weisen, in der sich Anklänge an die französische Schule, an die nieder 
ländische, an die italienische und Gott weiß was noch sonst für welche fan 
den. Er bedient sich, um die Forscher zu täuschen, selbst gelegentlich der 
Monogramme fremder Künstler, wie z. B. desjenigen des ein halbes Jahr 
hundert später lebenden Hans Bock auf dem Bilde des Todes der Virginia, 
das Hr. Direktor Hübner kürzlich als echten Holbein für die Dresdener 
Gallerie angekauft hat. Ja, dieser ideale Holbein geht sogar bei hellem 
lichten Tag auf dem Dresdener Zwingerwall als Gespenst um, und er 
scheint seinen getreuen Anhängern, wie sehr ergötzlich und erbaulich izu 
lesen steht in dem Brief eines Weimarer Künstlers, der durch mehrere 
Zeitungen als Curiosum zu gehen das Glück gehabt hat. 
Die späteren Perioden Holbeins waren auf der Ausstellung viel rei 
cher, namentlich durch Originale vertreten, zu denen von Seiten der Köni 
gin von England eine Reihe jener wundervollen Kopfstudien aus ihrer 
Sammlung dargeliehen war, nebst anderen Zeichnungen, Bildern und einer 
großen Anzahl von Photographien. Mit Zuhülfenahme der Braun'schen 
Photographien nach den Baseler Handzeichnungen ergab sich ein Gesammt- 
bild des Künstlers, welches gewiß für die meisten Beschauer ein über 
rasch end großartiges war, und das wohl nur wemgeForscher selbst in diesem 
Umfange zu übersehen in der Lage gewesen. Je mehr sich hier eine voll 
ständig fest geschloffene Künstlerindividualität dem geistigen Auge darstellte 
mit einer keineswegs complicirten Entwicklung, sondern in einem einfachen 
Fortschreiten zu immer größerer Sicherheit und Klarheit begriffen, um so 
weniger ist es faßbar wenn von manchen Seiten in diese Künstlerindivi- 
dualität Zweifel gesetzt und ihr Charakter als ein noch schwankender und 
verschwimmender dargestellt wird. 
Abgesehen von dem großen Gewinn einer solchen Uebersicht über die 
ganze Thätigkeit des Meisters — einem Gewinn der nicht leicht zu über 
schätzen ist — brachte die Ausstellung über Holbein denJüngeren nicht viel 
bewndere Belehrung. Hervorzuheben bleibt das Auftauchen eines seiner 
vollendetsten Meisterwerke, eines männlichen Brustbildes mit Händen, im 
Besitze eines Hrn. Millais in London, der spätern englischen Zeit des 
Meisters angehörig. Dasselbe steht mit den ersten Spitzen seiner Por- 
trätkunst, mit dem Morett und dem Gyze u. s. w., vollkommen gleich. 
Ueber einzelne Arbeiten, die bisher wohl für echt galten, ist der Stab 
gebrochen, oder ihre Echtheit ist wenigstens zweifelhaft geworden. Auch 
das ist Gewinn für die kunstgeschichtliche Forschung. Zu den unzweifel 
haft verworfenen gehört das eine Exemplar der Kopfstudien zum Thomas 
Wyat in der Handzeichnungensammlung der Königin von England, das 
nicht nur minder sorgfältig, sondern auch ungleich minder geistvoll und 
Virtuos ausgeführte Exemplar. — Zu denjenigen an welchen Zweifel er" 
regt worden sind, die noch der Bestätigung bedürfen, möchte ich die beiden 
ausgeführten Zeichnungen zu Dolchscheiden, die mit dem Todtentanz in 
der Berliner Bau-Akademie und diejenige mit parodirten mythologischen 
Scenen in Bernburg rechnen. Gegenüber den Skizzen welche von beiden 
in Basel erhalten sind, zeigen sie geringe Freiheit: auch ist es wohl nicht 
unbedenklich daß sie von der Gegenseite gezeichnet sind, was namentlich in 
Verbindung damit daß die Berliner Dolchscheide aus Christian van Mechels 
Nachlaß stammt, und also wohl eine Stecherzeichnung zum Zwecke der 
Nrproduction in dessen Oeuvre de Holbein ist, ein schwer zu beseitigendes 
Verdachtsmoment bildet. Die Bernburger Zeichnung kenne ich nicht im 
Original, will daher über sie nicht urtheilen; bei der Berliner scheint mir 
die Sache kaum mehr zweifelhaft, doch will ich mich gern bescheiden eine 
Anregung zur Untersuchung gegeben zu haben, wenn meine Vermuthung 
sich nicht bestätigen sollte. 
Weiter noch auf einzelnes einzugehen, würde den mir zugemessenen 
Raumüberschreüen, und so schließe ich mit demWunsche: daß zunächst, was 
während des Krieges im Jubiläumsjahre nicht möglich war, recht bald 
geschehen möge, daß eine möglichst umfassende Dürer'Ausstellung nach 
einem der vornehmsten und für Dürer wichtigsten Kunstorte Deutschlands, 
Nürnberg oder Wien, ausgeschrieben werde, und mit gleichem Erfolg und 
gleich trefflichen Ergebniffen zu Stande komme, wie die dießjährige Hol 
bein- Ausstellung in Dresden. Bruno Meyer. 
Zur englischen Literatur. 
v. A. Die Tauchnitz-Sammlung hat uns so eben wieder mit einer der 
hervorragendstenErscheinungen der englischen Literatur, welche der Sturz des 
französischen Kaiserthums hervorgerufen hat, bekannt gemacht. Ihr Titel 
ist: „The Members for Paris by Trois Etoiles.“*) Unter diesem Pseu 
donym haben die Schilderungen Pariser Zustände in der Blüthezeit des 
zweiten Kaiserreichs, ursprünglich in den Spalten des „Cornhill Magazine" 
veröffentlicht, verdientes Aufsehen erregt, so daß sich deren Verfaffer veran 
laßt gesehen sie als selbständiges Werk erscheinen zu lassen. Mit großem 
Geschick ist hier das politische Element mit dem romantischen verschmolzen, 
und die im Juvenal'schen Styl gehaltene Satire auf das damalige aller 
Freiheit und Männlichkeit beraubte Frankreich mit seiner Corruption, 
Speculationswuth, Jagd nach Reichthümern und Orden u. s. w., mit so 
einschneidender Ironie und vernichtender Ruhe geschrieben, daß dem Buche 
nicht leicht etwas ähnliches an die Seite zu stellen sein dürfte. Die Cha 
raktere sind meisterhaft gezeichnet und von außerordentlicher Wirkung. 
Die eigentlichen Helden in der fortwährend spannenden Erzählung sind 
die Nebenfiguren, vor allen Hr. Manuel Gerold und dessen Sohn Emile, 
beide Republikaner von echtem Schrot, die selbst dem viel gerühmten alt- 
römischen Heldenthum dieser Art in nichts nachstehen, wie man überhaupt 
die Tugenden jener Zeiten mit den hier geschilderten vergleichen kann. 
DennMerold entsagt seinem angebornen Herzogstitel und Familiensttz, 
und imMuslande lebend verwendet er seine Einkünfte fast gänzlich auf die 
Unterstützung bedürftiger Gesinnungsgenossen. Und wie ergötzlich sind 
die Ränke des Ministers Gribaud — natürlich wie fast alle im Werke vor 
kommenden Gestalten ist auch er ein wohlgelungenes Porträt — nament 
lich gegenüber dem Börsenkönig Macrobe geschildert. Beide suchen sich 
fortwährend zu überlisten; bald siegt der eine ob, bald der andere, bis end 
lich der Speculant in allen seinen Hoffnungen getäuscht zu Grunde geht. 
Sein Herz hängt nämlich nicht so sehr am Geld als vielmehr an Rang 
und Auszeichnung. Darauf ist all sein Streben gerichtet, und diesem Ehr 
geiz fällt schließlich seine ihm ganz unähnliche Tochter als Gattin deS 
HoraceiGerold, des eepublicanisch gesinnten Mitgliedes für Paris, der nach 
seines Vaters Tod den Herzogstitel wieder annimmt und sein Familien- 
fchloß eben wieder beziehen will, zum (freiwilligen) Opfer. Neben diesem 
anfangs als beschränktes Mädchen geschilderten, aber später als Gattin 
ihren edlen engelgleichen Charakter entfaltenden Weib entzückt uns die 
liebliche und nicht minder edelgesinnte Georgette, welche, wie ihre Freundin 
AngÄique Macrobe, wohl geeignet ist uns den Beweis zu liefern daß trotz 
allem auch echt weibliche Tugend in Frankreich nicht erloschen und nicht 
alles dem Verderbniß anheim gefallen ist, welches die jüngste Katastrophe 
zum großen Theil hat vorbereiten helfen. Des Prinzen Arcola, der Tante 
Dorothee wäre auch noch als besonders gelungenerund hsrzerhebender Ge 
stalten zu gedenken gewesen; doch mögen diese flüchtigen Worte genügen 
den Leser auf das Werk selbst zu verweisen, und er wird unS für die Em 
pfehlung Dank wissen. 
H. v. Treitschke über Großherzog Leopold von ToScana. 
* Bonn, 30 Nov. In der kürzlich erschienenen 4. Auflage seiner 
„Historischen und politischen Aufsätze," Bandtl. S. 345, schreibt Hr. Prof. 
Heinrich v. Treitschke wie folgt: 
„Der Großherzog von Toscana verwarf noch beim Beginn des Kriegs 
(zwischen Oesterreich und Piemont 1859) ein letztes Anerbieten Frankreichs, 
das ihm seinen Besitz verbürgte wenn er die Neutralität bewahre. Er 
blieb ein Fremder, ein Erzherzog: das lehrte der an seinem Hof auf 
tauchende frevelhafte Gedanke die lieblichste Stadt der Erde zu bombar- 
diren. Von allen, auch vom Heere verlassen, entfloh er endlich zu den 
Oesterreichern." 
Beide Behauptungen sind vollständig unwahr und leiten das Urtheil 
der Leser irre. 
Je größere Bedeutung die florentinischen Ereignisse vom 27 April 
1859 für die Entwicklung der Dinge in Mittelitalien gehabt haben, um 
so mehr ist es, so scheint mir, Pflicht des Historikers sich angelegen sein zu 
lassen den richtigen Thatbestand festzustellen, und nicht nach Jahren zu 
wiederholen was im ersten Moment nur Parteihaß ausheckte. 
Großherzog Leopold von Toscana wurde vom Thron seiner Väter 
gestoßen weil er in dem Kampfe zwischen Oesterreich und Piemont neutral 
bleiben wollte. So der englische wie der französische Gesandte in Florenz 
*) Nach einer Notiz in der neuesten Nummer des MhenLnm (vom 18 Nov. d. I.) 
wäre der Verfasser Hr. Grenvillc Murray.
	        

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