Full text: Zeitungsausschnitte über Holbein

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 44 
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422 Die Holbein-Ausstellrmg zu Dresden. 
von der Mache nichts verheimlichen kann. Es war eine Errungenschaft der 
späteren Zeiten, daß man alle Farben gleichmäßig flach auf ein Feld bringen 
lernte. In der Dresdener Madonna findet man keinen Unterschied des Auf 
trags mehr. Die Substanz ist überall dieselbe. Nicht mehr sieht man, wie 
so auffallend auf dein Darmstädter Exemplar, einen Ton tiefliegend, über 
ragt an allen Seiten von erhöhten Rändern einer harzigeren und höher 
liegenden Schicht. Gerade deshalb weil Holbein das Darmstädter Bild so 
gemalt hat, kann man aus der hohen Lage der hervortretenden Schichten 
die Correcturen bemerken, die er nach und nach gemacht hat. Im Anfang 
hat er das Gesicht der mittleren knieenden Frau um Mund und Wange 
mit dem weißen Tuche gedeckt, wie es in der Baseler Zeichnung dargestellt 
ist, die Tochter mit der Perlenmütze hat er auch offenbar mit lang herab 
fallendem Haare in genauer Nachahmung der Baseler Zeichnung sich gedacht. 
; Später besann er sich, befreite Kinn und Wangen der Frau und band die 
j Haare dem Mädchen unter die Mütze. Hie und da in der Gewandung hat 
er zuerst Windungen angebracht, die später vereinfacht wurden. Das alles 
sieht man, weil die pastose Touche, der fette Strich des Borstenpinsels nicht 
mehr zu verbergen war. Vergebens würde man nach solchen pentimenti am 
Dresdener Exemplare suchen. 
Von der Genauigkeit, mit der Holbein die verschiedenen Stoffe nach 
ihrer eigenthümlichen Beschaffenheit wiedergibt, von der Klarheit, mit der den 
Linien der Falten selbst in den dunkelsten Ecken Rechnung getragen wird, ist 
an der Dresdener Madonna wenig zu merken. Anstatt dessen ist eine ge 
wisse Verschwommenheit zu finden, die denjenigen Malern eigen ist, welche 
sich aus das Geheimnißvolle in der Dunkelheit verlassen; die Sicherheit der 
Zeichnung geht verloren, die Grenzen der Falten find unsichtbar geworden. 
Geht man weiter im Vergleiche, sieht man nach den Vergoldungen und 
Stickereien, wie nach dem Perlenschmucke, so ist alles am Darmstädter Bilde 
vollendet, frei und kräftig; vom Dresdener hat man den Eindruck der Blö 
digkeit, man gewahrt die unsichere Nachahmung eines Copisten. In den 
Goldstoffen, in Troddeln und Knöpfen sind weder die scharfen Schlaglichter 
des Goldes noch der metallartige Glanz mehr zu sehen; anstatt dessen ist 
nur ein matter Schein hervorgebracht dadurch, daß der Copist den Blatt 
goldgrund nicht gehabt, sondern seine Vergoldungen aus der Schale mittelst 
Pinsels hinzugethan hat. — 
Aus dem Vergleiche der Farben in beiden Bildern lassen sich ähnliche 
» Schlüsse ziehen. Nicht wie im Darmstädter Bilde sind die Farben des 
Dresdener juwelenartig in ihrem Glanze. Im Gegentheil, alles ist ver 
blaßt. Der rothe Gürtel der Jungfrau, die rothen Hosen des Knaben, weit 
entfernt davon in saftigem Ton zu erscheinen, heben sich vom übrigen mit 
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Die Holbein-Ausstellung zu Dresden. 
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einem gelblichen matten Schein ab. Die grüne Tasche des Jünglings ist 
bräunlich geworden; der Teppich ist vereinfacht und doch schillernd. — End 
lich, was die Form betrifft, kann man nicht umhin zu bemerken, wie das 
einfach Schlichte im Darmstädter Bilde zu etwas Kälterem, Gesuchterem, 
Starrem geworden ist. 
Es ist unter den Freunden des Dresdener Bildes Migung zum 
Triumph vorhanden gewesen, weil die Gegner nicht sagen könnten, wer die 
Dresdener Madonna hätte malen können, wenn nicht Holbein selbst. Die 
Sache ist nicht so wichtig als sie zu sein scheint. Wie lange ist es her, seit 
dem man entdeckte, daß das Bild von Leo dem Zehnten in Neapel nicht nur 
nicht von Raphael, sondern von Andrea bet Sarto sei! Allen Beweisen zum 
Trotz halten doch viele noch daran fest, daß das Bild in Neapel das Ori 
ginal von Raphael sei, während das im Pittipalaste ihnen Copie bleibt. Es 
ist leicht, sich einen Maler vom Ende des 16. Jahrhunderts vorzustellen, der 
eine Copie wie die des Dresdener Museums hätte machen können. Man 
mag sich dabei denken, daß der Copist einer von den zahlreichen Nieder 
ländern war, die gegen Ende des Jahrhunderts Italien besuchten, daß er, 
ohne sich von dem belgischen Stile ganz zu befreien, doch mit einem eigen 
thümlich italienischen Anstriche zurückkam. Dabei muß man aber auch be 
denken, daß ein Copist sich nicht so leicht errathen läßt, wie der Maler eines 
originalen Stückes. Es würde im Uebrigen überflüssig sein, auf die Ge 
schichte der Entstehung beider Bilder zurückzukommen. Es hat sich in dieser 
Richtung nichts Neues mehr entdecken lassen; nur wird man noch deutlicher 
hervorheben müssen, daß das Darmstädter Bild, wie früher gesagt, nicht frei 
Don Retouchen geblieben ist, und daß die Antastung der Köpfe der Jungfrau, 
des Christkindes und des Bürgermeisters Meyer besonders zu beklagen ist. — 
Daß man nicht ohne weitere Anhaltspunkte zu gründlichem Vergleiche 
zwischen ächten und unächten Bildern Holbein's bleibt, ist noch ein fernerer 
großer Vortheil der Dresdener Ausstellung. Nicht als ob wir nur die zwei 
Madonnen von Darmstadt und Dresden in nächster Nähe vor uns hätten, 
um die Unterschiede zwischen Original und Copie im hellsten Licht hervor 
scheinen zu sehen: wir haben hier zugleich vor Augen die verschiedensten 
Schöpfungen Holbein's aus den verschiedenen Perioden seines Schaffens. Als 
besonders maßgebend für die richtige Beurtheilung der Eigenthümlichkeit des 
Malers kann man die Bilder hinstellen, die aus der Dresdener Gallerie 
herstammen, sodann die, welche aus den englischen Schlössern von Windsor 
und Hampton Court kommen, dazu ferner solche Meisterstücke wie das männ 
liche Bildniß im Besitz des Herrn Millais in London, den Gisze aus Berlin 
und die Portraits aus der Suermondtschen Gemäldesammlung zu Aachen. 
Kein einziges dieser Meisterstücke, das nicht in der Technik an die Darm- 
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