Full text: Zeitungsausschnitte über Holbein

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Die Holbem-Ausstellung zu Dresden. 
Die Holbein-Ausstellung zu Dresden. 
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© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 44 
Katharina — eine Inschrift vvn höchster Bedeutung, da sie die Jahreszahl 
1512 enthielt und die Thätigkeit Hans Holbein's des Jüngeren in seinem 
17. Jahre illustriren sollte — wurde genau untersucht und für falsch erkannt, 
und dadurch die sicherste Angabe über die Geburt Holbein's des Jüngeren 
verrückt, und Zweifel auf alle angeblichen Bilder seiner Jugend geworfen. — 
Die Madonnen von Darmstadt und Dresden in nächster Nähe zu betrachten 
und mit anderen zahlreichen Stücken des Meisters aus verschiedenen Zeiten 
zu vergleichen, die vermeintlichen Werke seiner Jugend einer durchgehenden Re 
vision zu unterwerfen — beides konnte man hoffen in einer neuen Holbein- 
Ausstellung zur Ausführung zu bringen, beides und noch mehr hat man in 
der That Gelegenheit gehabt zu erreichen. 
Es ist keine angenehme und auch keine schmerzlose Operation, ein bisher 
kaum angefochtenes Stück aus der Reihe der „berühmten Bilder" einer groß 
artigen Gallerie zu streichen, und doch existirt kein nationales Museum, das 
sich nicht ähnliches gefallen lassen müßte. Kaum zwölf Jahre ist es her, 
daß das Dresdener Museum in die Lage gerieth, einem Künstlernamen zu 
entsagen, der noch ganz anders klingt als der von Hans Holbein. Ein ent 
setzliches Jammergeschrei wurde 1860 ausgestoßen, als es galt, den Namen 
Lionardo von dem bekannten Bildnisse des Juwelier Morett zu entfernen. 
Sobald man die Originalzeichnung zu diesem Portrait bei der Woodburn- 
schen Versteigerung erworben hatte, stellte sich heraus, daß Morett nicht von 
da Vinci, sondern von Holbein gemalt ist. Einer von den alten treuen 
Aufsehern des Museums war damals ganz untröstlich darüber, daß der ein 
zige Lionardo, den sie bisher besessen hatten, so verloren gehen mußte, und. 
es bot ihm dafür keinen Ersatz, daß der alte „Lionardo" mit einem neuen, 
ebenfalls unächten vertauscht wurde. Nun aber gilt es, die „Dresdener 
Madonna von Holbein" zu opfern und darüber ist es manchem Dresdener 
Kinde natürlich schwer um's Herz; denn davon ist hier nicht die Rede, daß 
man einen anderen Künstler entdeckt hätte, der ebenbürtig an Holbein's Seite 
zu stehen käme, sondern es handelt sich einfach darum, zu erkennen, wer die 
Copie gemacht hat, die bis jetzt dem Holbein zugeschrieben war, und wie 
lange nach dem Darmstädter Original diese Copie entstanden. 
Es ist schon bei Prüfung der Gemälde der Münchener internationalen 
Ausstellung gesagt worden (Grenzboten 1869. II. Sem. Nr. 40), daß in 
letzter Instanz die Art der Technik in den beiden Bildern von Dresden und 
Darmstadt die Frage der Aechtheit entscheiden würde. Nun sind die zwei 
Bilder, nebeneinander ausgestellt, in der Ausführung absolut unähnlich. Auf 
dem Darmstädter bemerken wir den pastosen Auftrag Holbein's, seine sau 
bere Modellirung, eine Politur, die keine Pinselstriche sehen läßt. Wir nehmen 
wahr, wie reichlich die Farben mit saftigen Bindemitteln gemengt sind, diese 
von durchsichtiger Beschaffenheit, weit dünner aufgetragen als jene, wo eine 
festere Substanz erhöht aus der Fläche liegt; das ganze zusammengekittet und 
verschmolzen mit einer Harmonie, die durch nichts gestört wird. — Bemerkens 
werth überhaupt ist in Holbein's Bildern, besonders denjenigen seiner eng 
lischen Periode, wie die verschiedensten Stoffe in den Eigenthümlichkeiten ihrer 
Erscheinung dargestellt sind, wie klar es hervorleuchtet, daß der Maler 
Sammt oder Seide, Tuch oder Linnen vor sich gehabt hat. Ja so weit 
geht der Maler in dieser Richtung, daß er in der Fältelung die dünneren 
von den kräftigeren Stoffen unterscheidet und niemals selbst in den dunkelsten 
Partien verlegen ist zu zeigen, wie die Linien der Falten zum Ausdruck 
kommen. Wie in der Natur auch die dunkelsten Theile eines dunklen Rau 
mes doch nie so dunkel erscheinen, daß man sich nicht zu denken vermöchte 
etwas noch dunkleres darin sehen zu können, so finden wir in Holbein nie 
ein absolut undurchsichtiges Dunkles. Immer können wir die Umrisse ver 
folgen, und sie sind so rein und so klar, als wenn sie im Lichte wären. 
Diese charakteristischen Eigenthümlichkeiten, die wir in den Bildnissen aus 
Windsor, in dem wundervollen Portrait von Herrn Millais oder in dem 
Morett bemerken, kommen sämmtlich in der Darmstädtischen Madonna zum 
Vorschein. — Die Verzierungen Holbein's sodann, wie zum Beispiel die 
schwarzen Stickereien aus Mousseline, die Goldlichter auf Troddeln oder Knö 
pfen, sind so geschickt, so fest gezeichnet und so rein in der Ausführung, daß 
wir nie an die Mache erinnert werden. Goldgemustertes Zeug hat einen 
reinen Goldglanz mit ungemein scharfen Reflexen. Das Gold ist Blattgold. 
— Was die Farbe im Allgemeinen betrifft, so ist sie bei Holbein und na 
mentlich in dem Darmstädter Bilde glänzend und leuchtend, wie Rubinen 
und Smaragden, sie ist saftig und harmonisch, wie die alte Glasmalerei des 
Mittelalters, deren Tradition verloren ist. Sie hat die Eigenschaft des klaren 
Weins. — Auch die Linienführung ist bei Holbein, besonders im Darm 
städter Exemplare im höchsten Grade vereinfacht. Sie ist edel, fehlerlos, 
ohne Uebertreibung oder Spannung, fest und klar, und ohne jegliche Af- 
fectation. 
'Nicht so ist der Copist auf dem Dresdener Bilde verfahren. Statt 
des pastosen Auftrages hat er dünne, trocken geriebene Farben. Bei aller 
Sorgfalt der Modellirung ist die satte Politur des Originals nicht an 
nähernd erreicht. Der weiße kreideartige Ton des Fleisches in den Licht- 
partien geht mit flachen Schattirungen ins Röthliche und Grünliche zu den 
zurücktretenden Theilen über. Die weißen Tücher harmoniren nicht mehr 
mit dem röthlichen Fleisch, sondern stechen hart davon ab. Auffallend ist die 
mühsame Bearbeitung der spärlichen Tinten in den Uebergängen; ausfallend 
die geduldige Sorgfalt und doch die Unvollkommenheit einer Technik, die
	        

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