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aus : Beilage zur Allgemeinen Zeitung, Nr. 336,
1872, Dez. 1, S. 5124- 5125
Die Marworgruppe Raffaels in St. PsterSbuvK.
* In Folge eines vor kurzem im Bulletin der kaiserlichen Akademie der
Wissenschaften zu St. Petersburg erschienenen Aussatzes über eine dem Raffael zu
geschriebene Marmorgruppe haben Sie in Ihrer geachteten Zeitung (Beilage
Nr. 313) einen Artikel von Hrn. Dobbert publicirt, welcher, in so schmeichelhafter
Weise er auch des Gewichts der Gründe gedenkt welche sür die Authenticität des-
neuentdeckten Werkes sprechen, doch auch einige Einwendungen gegen das Wefent«
liche der Frage enthält, auf welche zu antworten ich mich um so mehr für ver
pflichtet halte, je größer» Werth ich auf die Bemerkungen des Hrn. Verfaffers lege.
Ich würde Ihnen sehr verbunden sein wenn Sie die Güte hätten dieser Antwort
einen Platz in Ihrem hochgeschätzten Blatte zu gestatten.
Zunächst wendet Hr. Dobbert ein: „Es steht nicht fest daß der Graf Eastiglione
in seinem Brief unsere Gruppe gemeint habe, denn es ist bei ihm einfach von
einem Knaben von der Hand Raffaels die Rede." Ich habe darauf zu erwiedern r
l)Es ist sehrgnatürlich daß Eastiglione das Werk Raffaels nur durch),den einfachen
Ausdruck „Knabe (puttino)" bezeichnet hat. Denn er schreibt an seinen Verwalter
Piperario, welcher in Folge der engen Beziehungen die zwischen seinem Herrn
und Raffael stattgefunden hatten, nothwendig oft in das Atelier des letztem ge
kommen sein und genaue Kenntniß von seinen Schülern und Werken haben mußte.
Ueberdieß beweism die Worte: „jener Knabe (quel puttino),* daß Piperario ganz
wohl wissen mußte von welchem Werke die Rede sei. Die logische Bezeichnung war
also gerade die deren sich Eastiglione bedient: „jener Knabe in Marmor von der Hand
des Raffael." Ein Irrthum war um so weniger möglich, als es sich um die ein
zige Marmorarbeit von der Hand Raffaels selbst handelte. Bezeichnete doch der
selbe Eastiglione, als er ein Gemälde Raffaels erwerben wollte welches er in Rom
gesehen hatte, dasselbe in einem Brief an Giulio Romano nur durch die Worte :
„ll quadro, che fii di maestro Antonio da S. Marino“- (Lett. pittor. V, 157).
Daß es sich da um ein Gemälde Raffaels handelt, erfahren wir, selbst ohne jede
Bezeichnung des dargestellten Gegenstandes, nur durch einen frühern Brief des
Eastiglione an Piperario vom 22 Januar 1523. (A. a. O. p. 156) Und selbst an
genommen daß der Knabe von welchem Eastiglione spricht ein anderer als der
unserer Gruppe sei, so mußte er doch immer irgendeine Besonderheit an sich haben.
Er war aufrecht oder liegend dargestellt. Er führte irgendeine Handlung, eine
Idee vor. Da also die Worte des Briefs gar nichts hierüber enthalten, so folgb
daraus daß, unter den Umständen welche bei dessen Abfassung stattfanden, jede
weitere Bezeichnung als psychologisch überflüssig anzunehmen ist- 2) Wenn das.
Werk des Raffael von dem unsrigen verschieden war, wie konnte die Tradition snt-,
stehen welche wir durch Cavaceppi und Lyde Browne kennen? Wird man by-
haupten wollen daß diese nur in Folge ihrer Kenntniß des Briefs des Graser
Eastiglione (im Jahre 1766 in der Sammlung Bottari's publicirt) dessen Aus
drücke auf eine schöne Knaben-Statue von unbekannter Herkunft angewendet hah^n?
Allein wenn Cavaceppi und namentlich Lyde Browne als Verkäufer nur eine
Ahnung von dem so bestimmten Auedruck des Eastiglione gehabt hätten, so werden
sie nimmermehr von unserer Gruppe gesagt haben daß sie von Lorenzsttr, nach
einer Zeichnung Raffaels gearbeitet sei, sondern sie würden sie einfach demliaffael
zugeschrieben haben. Denn beide hatten ein wesentliches Interesse daran daß der
Statue ein so glänzender Ursprung erhalten blieb. Daß sie dieß wicht gethan
haben, rührt einfach daher daß man damals die werthvollen Belehrungen über die
Geschichte der Kunst, welche die Sammlung Bottari's darbietet, -noch nicht be
achtet hatte, und die wenigen Worte des Eastiglione, welche M jene Sammlung
aufgenommen sind, erst weit später näher erwog und besprach. Es muß sich also
in Italien, ganz unabhängig von dem so bestimmten Zeugnis des Eastiglione, eine
alte TraWon erhalten haben, welche den großen NamenRaffaels mit der Gruppe
'deS von einem Delphin getragenen Knaben verknüpfte. Allem da man'.läiig,,
geffen halte daß Raffael selbst auch in Marmor gearbeitet hatte; da der Geda.. .
Raffael auch für einen Bildhauer anzusehen allen fremd war; da endlich Vasari
und Martinelli die Statuen in der Capelle Chigi dem Meißel des Lorenzetto nach
einer Zeichnung Raffaels zuschreiben, so legte man in sehr natürlicher Weise auch
unserer Gruppe eine ähnliche Entstehung bei. 3) Wir wissen daß Raffael Mengs
zu seiner Zeit eine Sammlung von Gypsabgüssen der bedeutendsten Werke des
Alterthums und der Renaissance bildete, welche nach seinem Tod an das königliche
Museum zu Dresden übergieng. Man kann freilich zur Noth auch annehmen daß
Mengs den Gypsabguß einer Statue nur ihrer außerordentlichen Schönheit wegen
aufgenommen habe, und daß ihm der Verfertiger unbekannt geblieben sei. Allein
ist es nicht weit natürlicher zu glauben daß er die Tradition welche dieses Werk