Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Sonstige Veröffentlichungen

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm N 
aus 
Beilage Nr. 36 der Neuen Preußischen Tei 
lung ( = Kreuzzeitung),1876,Feb.12, S.1 
w 
L<Mnsperaer und Grimin über 
gothische Kunst. 
Der Professor Hermann Grimm, Sohn von Wil- 
linb Neffe von Jakob Grimm, worauf bei seiner 
richt 'allzu merklichen geistigen Aehnlichkeit mit dem 
großen Vater und dem noch größeren Vatersbruder 
bespnders hinzuweisen ist, hat die von August Rei 
chensperger in seiner Reichstagsrede vom 17. De 
cember v. I. über deutsche Kunst gemachten Aeuße 
rungen in den vom Doctor Wehrenpfennig heraus 
gegebenen „Preußischen Jahrbüchern" einer tadelnden 
Kritik unterzogen, woraüf Herr Reichensperger jetzt in 
der „Germania" geantwortet hat. 
Es liegt etwas Eigenthümliches darin, daß ein 
Sohn und Neffe der Väter der deutschen Allerthums 
kunde für die wälsche. und ein „Sohn der römischen 
Kirche" für die deutsche Kunst spricht und gegen die 
aus Rom gekommene Verwälschung. Reichensperger 
mit seinem tiefen Verständniß der Gothik, die, wie 
er sagt, sich nicht so nebenbei betreiben laffe, „son 
dern den ganzen Mann erfordere und so zu sagen ein 
ganzes Leben," weist auf die altdeutsche Kunstüber 
lieferung hin; Grimm aber, dem damit seine eleganten 
Kunststudien nicht abgestritten werden sollen, be 
ruft sich auf die „Natur" und darauf, daß uns 
immer noch die Muster griechischer Kunst als Denk 
mäler eines dem unsrigen so nahe verwandten 
Volkes bleiben." Herr Reichensperger ist dagegen 
der Meinung, „daß die großen mittelalterlichen Mei 
ster und das Volk, aus welchem sie hervorgegangen, 
uns doch noch etwas näher verwandt sind, als die 
alten Griechen", worin wir ihm. ebenso wie in dem 
Hauptgegenstand seines Streites mit Herrn Grimm, 
vollständig beipflichten, wenn wir auch einigen mehr 
nebensächlichen Aeußerungen — wie das fast bei jeder 
Beurtheilung vorkommt — nicht überall zustimmen kön 
nen. Es ist hier nicht der Ort, in Einzelnes, weder 
zu- noch abstimmend, näher einzugehen; jedenfalls 
aber giebt die Rede eines Führers der „schwarzen" 
Centrümspartei, die Beurtheilung derselben in 
dem culturkämpfenden Organe des „lichthellen" 
Doctors Wehrenpfennig, und die Erwiederung des 
Schwarzen, eine beachtenswerthe Auftlärung sowohl 
über die Aechtheit des nationalliberalen Deutschthums 
wie auch einen Beitrag zur Culturgeschichte. Auch 
sind wir der Meinung, daß wenn der siegende 
Culturkampf sein monumentales Bauwerk, sei es nun 
bei Kroll oder hinter der Porzellanfabrik, aus seinem 
eigenen Genius heraus aufrichten würde, keine Worte 
in künstlerischer Beziehung eine passendere Inschrift 
liefern würden, als diejenigen, mit welchen Schillers 
ebenfalls culturkämpfendes Gedicht an Rousseau beginnt.
	        

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