Literarische Rundschau.
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nach seiner ästhetischen Seite hin beleuchtet. Eine erste Grundbedingung war hier,
sich viel Raum zu nehmen, und so sind zwei dicke Bände zu Stande gekommen.
Mn Glück — denn ästhetische Untersuchungen, die wirklich Etwas sagen sollen,
brauchen den größten Raum. Es ist eins der Grundübel, die zu der allgemeinen
Verlotterung unserer modernen pseudo-ästhetischen Kritik geführt haben, daß die
Kritik eines Kunstwerkes sich, meist um der gleichgültigen Zweckmäßigkeitsgründe ver
gänglicher Tagesblätter willen, heute durchweg nicht den nöthigen Raum zu nehmen
wagt. Aber auch in unsere Buchliteratur ist dieses Sparprincip vielfach verhängniß-
voll eingedrungen. Was läßt sich aus den Paar Seiten Einleitung zu einer neuen
Textausgabe oder Uebersetzung, was in dem kurzen Paragraphen einer Literatur
geschichte (etwa gar einer Weltliteratur) Neues über Homer sagen! Aus das Neue
aber kam es an. Daß die Ilias eine ergreifende Dichtung auch für uns noch sei,
daß Agamemnon oder Achill wundervolle Charakterleistungen seien, ist in dieser
Allgemeinheit des Ausdruckes beinahe eine Trivialität für jeden halbwegs Gebildeten,
so oft ist es ausgesprochen worden. Das Beweisarsenal für diese Allgemeinheiten
galt es einmal wieder in ganzer Breite zu entwickeln und im Lichte des modernsten
Empfindens neu zurecht zu legen. Das erforderte aber den denkbar größten Raum.
Ein zweiter Punkt, der allerdings ganz wesentlich schwerer zu erfüllen war, steckt
in der Textsrage. Welche Uebersetzung sollte für die wörtlichen Citate zu Grunde
gelegt werden? Das ganze Buch ist zugleich so einheitlich deutsch und so modern
gedacht, daß es sich hier wirklich nicht um eine Nebensache handelt. Grimm spricht
in schönen und allerkennenden Worten über den Text, wie ihn uns Boß geschenkt
Hat. Trotzdem hat er selbst das Bedürfniß gefühlt, seine Citate nicht in Boß' Hexa
metern zu geben. Mir persönlich ist es eine alte und vertraute Erfahrung, daß —
alle Vorzüge bei Voß in Ehren — Homer eine ganz besondere nnd höchst merk
würdige Wirkung hervorbringt, wenn man ihn in glatter, aber ganz schlichter-
deutscher Prosa wiedergibt. Die Pracht des rhythmischen Beiwerks, die Klang
malerei, der Zauber der Versanpassung in den Constructionen, die ganze Musik,
mit der die Verssprache den Inhalt begleitet, gehen natürlich verloren. Aber die
Wirkung des reinen Inhalts, der einfachen Erzählungs- und Dialogworte ohne
l musikalische Abtönung, des schlichten Realgehälts an Bildern und Associationen in
den Gleichnissen ist trotzdem eine so gewaltige, daß man jetzt erst eigentlich sieht,
wie tief Homer ist. Man muß den Versuch vergleichend bei Ariost machen, um zu
sehen, wie erstaunlich wenig dort und wie viel hier übrig bleibt. Man fühlt, wie
sehr, trotz ihrer Herrlichkeit, die Form doch bei Homer niemals den Inhalt
ersetzen soll, wie sehr sie „Form" bleibt. Und man begreiftauch, wie im Grunde
doch hier die Quelle steckt, warum uns Homer heute noch so als lückenloses Kunst
werk in jedem Verse packt, obwohl (was Grimm öfter sehr gut hervorhebt) offen
bar ein sehr großer Theil der formalen oder wenigstens an der Grenze von Form
und Inhalt spielenden Reize uns heute selbst beim griechischen Originaltext über
haupt nicht mehr zum Verständniß kommt. Bei jedem Versuche einer deutschen
Versübersetzung — und ganz besonders stark eben bei Voß — wird dagegen,
meinem Gefühl nach, die Formalwirkung in einer Weise in den Vordergrund
gedrängt, daß die Hoinerische Art sehr zum Nachtheil des Inhaltes verschoben er
scheint. Jnhaltstheile, die im griechischen Text trotz aller Wortmalerei eine inner
liche Schlichtheit wahren, die gerade ihre Tiefe recht eigentlich zum Ausdruck bringt,
werden in den Pomp und Aufputz hineingerissen und verlieren dabei großentheils
ihre Kraft. Es liegt das nun einmal im Geheimniß unserer deutschen Sprache,
I die gerade in der untrennbaren Verkettung von Form und Inhalt ihren Vorzug
vor allen anderen — todten wie lebendigen — besitzt, aber nun auch, man möchte
sagen, bei Uebersetzungsversuchen ihren Eigensinn zeigt, der die gefährliche Kehrseite
des großen Vorzuges ist. Trotzdem — wenn man das Alles rund zugibt: ein
gewisses Gefühl sträubt sich doch dagegen, eine Versdichtung mit durchgehenden
Zeilen als Prosa wiedergegeben zu sehen. Schon das Auge wehrt sich, mindestens